Geophysikerin zu Gast in Bad Honnef

Christiane Heinicke lebte ein Jahr wie auf dem Mars

Bad Honnef. Die Geophysikerin Christiane Heinicke hat an einer außergewöhnlichen Raumfahrt-Simulation teilgenommen: Ein Jahr lang lebte sie unter Bedingungen wie auf dem Planeten Mars. In Bad Honnef berichtete sie über diese Grenzerfahrung.

Kein Sauerstoff, nichts als Gestein, Kommunikation mit der Außenwelt im Schneckentempo – gegen die Lebensbedingungen auf dem Mars wirken selbst die lebensfeindlichsten Regionen der Erde wie idyllische Urlaubsparadiese. Wären bemannte Mars-Missionen trotz derart widriger Umstände erfolgversprechend? In der Forschungsstation HI-SEAS (Hawaii Space Exploration Analog and Simulation), einem zweistöckigen Kuppelbau an den Hängen des Schildvulkans Mauna Loa auf Hawaii, simulierte eine sechsköpfige internationale Crew ein Jahr lang das Leben in der Isolation auf dem Mars.

Unter den Teilnehmern war auch Geophysikerin Christiane Heinicke aus Sachsen-Anhalt. Im Rahmen der DPG-Schülertagung im Honnefer Physikzentrum sprach die Wissenschaftlerin nun gemeinsam mit Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), Raumfahrtingenieur Volker Schmid und Diplom-Physikerin Beate Brase über Zukunft, Chancen und Herausforderungen der bemannten Raumfahrt.

Eine prägende Erfahrung

365 Tage auf dem simulierten Mars – eine prägende Erfahrung. Ja, ein paar Anpassungsschwierigkeiten, so Heinicke, habe sie nach ihrer „Rückkehr“ zur Erde durchaus gehabt. „Als ich wieder zurück war, bin ich erst mal schwimmen gegangen. Dabei bin ich aber den Gedanken einfach nicht losgeworden: In diesem einen Pool ist mehr Wasser als wir in einem ganzen Jahr verbraucht haben.“ Schließlich, erzählte die Wissenschaftlerin, habe das Mars-Team seinen Wasserverbrauch jeden Tag genau kalkulieren müssen – den Luxus quasi grenzenlosen Wasser-Nachschubs gibt es auf dem roten Planeten nicht. Und die paar Liter Flüssigkeit, die Heinicke in einem ihrer Mars-Forschungsprojekte aus dem scheinbar trockenen Boden zapfte, „schmeckten fürchterlich“.

"Kein Wind in den Haaren, keine Sonne auf der Haut"

Nicht nur die permanente Wasserknappheit sei zur Herausforderung geworden: „Wir konnten das Gebäude nur im Raumanzug verlassen. Wir haben ein Jahr lang keinen Wind in den Haaren gehabt, keine Sonne auf der Haut gespürt, konnten beim Außeneinsatz nur das Innere unserer Handschuhe fühlen.“ Manche nahmen Präparate gegen den Vitamin-D-Mangel. Heinicke nahm es mit Humor: „Ein Jahr keine Sonne und du siehst aus wie ein Finne.“

Und das alles mitten in der kargen Geröllwüste an den Hängen des Mauna Loa – keine Bäume, keine Pflanzen, nur Gestein. „Bedenken Sie: Ich bin Geophysikerin, ich finde auch Steine schön. Trotzdem war ich froh, als ich den ersten Baum gesehen habe. Für die anderen war das weitaus schlimmer, sie haben sich Fotos von irdischer Vegetation angeschaut, um damit klarzukommen.“ Zudem war die Kommunikation nach außen nur über wenige Kanäle möglich, mit einer Verzögerung von mindestens 40 Minuten – die Übertragungsdauer vom Mars zur Erde und zurück.

Genau diese Strapazen zu überstehen war Sinn der Simulation: Wie muss eine Crew zusammengesetzt sein, um ein Jahr auf dem Mars zu überstehen? Nach rund sechs Monaten sei tatsächlich der Punkt erreicht gewesen, ab dem kleinste Nichtigkeiten zu Krisen hätten führen können.

„Wenn Sie ein Jahr lang aufeinander hocken, geht Ihnen zwangsläufig irgendetwas richtig auf die Nerven. Bei uns waren es wild in der Gegend herumstehende benutzte Kaffeetassen“, so Heinicke. „Aber wir haben alle Probleme so früh und so ruhig wie möglich angesprochen.“ Die Mission wegen Kleinigkeiten zu gefährden, sei nicht infrage gekommen – „die Devise heißt 'long fuse and thick skin', man muss cool bleiben und Dinge aushalten können. Ziele des Teams müssen über den eigenen Wünschen stehen“.

Erste Mars-Kolonie ist noch in weiter Ferne

Trotz der Simulations-Erfolge sei das Ziel der ersten Mars-Kolonie allerdings noch in weiter Ferne, meinte Esa-Chef Wörner: „Der Mond ist nah, hin und zurück kommt man quasi in den Sommerferien. Der Mars ist eine völlig andere Nummer.“ Ambitionierte Pläne von Visionären wie Elon Musk, innerhalb von zehn Jahren den Mars zu besiedeln, seien ehrbar, aber unrealistisch. Dennoch sei der Mond ein „idealer Test für den Sprung nach draußen“, so Schmid: „Ultimatives Ziel sollte es trotzdem sein, irgendwann zum Mars zu kommen.“

Die Fehlschläge mehrerer unbemannter Mars-Missionen, die in der Presse oftmals fälschlich als Debakel bewertet würden, täten dem keinen Abbruch: „Ein Fehlschlag bringt oft mehr als ein Erfolg“, so Wörner, „denn aus Fehlern lernt man.“ Und Christiane Heinicke warf ein: „Wenn ich zum Mars flöge, wäre ich beruhigt, wenn vorher mehrere Missionen fehlgeschlagen sind und man weiß, woran es gelegen hat. In der Realität tritt immer Unerwartetes auf. Besser, es schlagen vorher unbemannte Testmissionen fehl, als nachher Leben zu verlieren.“