Schon 10.000 Fichten abgestorben

Borkenkäfer wütet im Siebengebirge

Siebengebirge. Es ist noch schlimmer als befürchtet: Die Borkenkäferpopulation explodiert im Siebengebirgswald geradezu nach dem heißen und trockenen Sommer. Das Forstamt Rhein-Sieg-Erft arbeitet fieberhaft, um das weitere Ausbreiten des Schädlings zu verhindern.

Stephan Schütte braucht nur ein, zwei gezielte Handgriffe mit dem Schälwerkzeug, schon hat der Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft den Übeltäter sozusagen auf frischer Tat ertappt. „Das, was wir zurzeit erleben, ist die größte Borkenkäferplage seit 1948“, sagt der Experte. Die traurige Bilanz: Alleine im Siebengebirge sind 10 000 der etwa 200 000 Fichten von dem Schädling befallen. Und ein Ende der Plageist nicht in Sicht.

Buchdrucker und Kupferstecher: Das klingt harmlos, und doch stellen diese Käferarten zurzeit eine echte Bedrohung für den Fichtenbestand dar. „Diese Bäume waren Mitte Juli noch grün“, sagt Schütte beim Ortstermin im Naturschutzgebiet in der Nähe des Soldatenfriedhofs in Ittenbach. Jetzt ragen die sonst immergrünen Bäume rot-braun in den Himmel.

Um die Gesundheit der Wälder ist es zurzeit schlecht bestellt. Auf Sturm Friederike, der im Januar Tausende Bäume umknickte, folgten der extrem heiße Sommer und Dürre. Und nun verrichten die Borkenkäfer ihr zerstörerisches Werk.

Käferlarven zerstören lebenswichtige Schichten

Zu Paarung und Eiablage bohren die Käfer zuerst ein Loch in Rinde oder Holz. Die Larven ernähren sich dann von den saftführenden Schichten des Baumes und hinterlassen bis zur Verpuppung nach vier bis fünf Wochen ein verzweigtes Gangsystem. Da diese Schicht, das Bastgewebe, die Lebensader des Baumes darstellt, führt der Befall meist zu dessen Absterben.

Wie eben jetzt bei Tausenden Fichten, die – mit Schwerpunkt im südlichen Siebengebirge – rund 25 Prozent der Waldfläche ausmachen. Vor allem das Wetter schuf die perfekten Voraussetzungen für den Borkenkäfer, so Schütte. Denn die Bäume sind geschwächt.

Wenn Fichten befallen sind, sei das normalerweise gut zu erkennen: Wenn der Käfer zur Eiablage Röhren in die Rinde bohrt, wehrt sich der Baum, indem er Harz absondert, um den Eindringling zu ersticken. Aufgrund der Witterungsbedingungen in diesem Jahr konnten die Fichten aber nur wenig beziehungsweise gar keinen Harz absondern. Die Bäume müssen gefällt werden.

Angesichts der großen Zahl der befallenen Fichten konzentriert sich das Forstamt aktuell allerdings darauf, zuerst die erst frisch befallenen Bäume zu entfernen. Grund: Aus Bäumen, die schon komplett rote Nadeln haben und deren Rinde abfällt, seien die Käfer bereits ausgeflogen. Bei erst jüngst befallenen Fichten bestehe im Umkehrschluss noch die Möglichkeit, ein Ausfliegen der Käfer zu verhindern – und so die Chance, die nächste Borkenkäfergeneration wenigstens zu minimieren.

Ein Weibchen produziert bis zu 200.000 Nachfahren

Die hat es in sich: Ein Weibchen produziere über mehrere Generationen 100 000 bis 200 000 Nachfahren pro Jahr, sagt Schütte. Die jetzt geschlüpften Käfer überwinterten im Waldboden. Werde der Winter trocken und kalt, begünstige das das Überleben der Käfer – und es sei dann damit zu rechnen, dass es auch im kommenden Jahr zu einem Massenbefall komme.

Der Hitzesommer 2018, da sind die Experten einig, werde über Jahre nachwirken. „Ich hoffe, dass uns ein feuchter Winter rettet. Dann würden die Käfer im Waldboden verpilzen“, so Schütte. Was die Gegenmaßnahmen angehe, gelte: „Wir müssen jetzt höllisch schnell sein.“

Auch logistisch und wirtschaftlich bringt die Plage das Forstamt an seine Grenzen. Fäll-, Transport- und Lagerkapazitäten – befallene Bäume müssen außerhalb des Waldes gelagert werden, um eine weitere Ausbreitung der Schädlinge zu verhindern – sind ausgereizt. Schütte: „Anders als bei Stürmen, die oft lokale Ereignisse sind, ist die Borkenkäferplage ein europaweites Problem. Das heißt, die Märkte sind übersättigt, die Holzpreise fallen.“

Schon jetzt geht es von einem Einnahmeausfall von rund 50 Euro pro Baum aus. „Gesunde Fichten sollten darum zurzeit gar nicht gefällt werden, bis sich die Situation etwas entspannt hat. Wir können nicht mehr garantieren, dass das Holz abfließt.“

Nur Mischwälder sind fit für den Klimawandel

Bei aller Dramatik biete die Situation auch Chancen, die ohnehin begonnene Klimaanpassung der Wälder voranzubringen. „Wir müssen unsere Wälder fit machen für den Klimawandel“, sagt Schütte – weg von Monokulturen, hin zu artenreichen Mischkulturen. Nur so könne man Herausforderungen wie heißen Sommern begegnen. „Natürlich wäre uns ein kontinuierlicher Waldumbau lieber.“ Die jetzige Situation stelle die Fachleute vor die Aufgabe, das Nachwachsen neuer Monokulturen mit Fichten zu verhindern. Schütte: „Wir müssen Wälder entwickeln, die in einem Klima bestehen können, wie es in 100 Jahren zu erwarten ist.“ Was er sich ganz akut wünscht? „14 Tage lockeren Landregen“, so der Experte. Damit der Boden das Wasser aufnehmen und die Bäume wieder nähren kann.