Streuobstwiesen im Rhein-Sieg-Kreis

Baumwarte trafen sich in Oberdollendorf zur Ernte

Die Obstbaumwarte beim Großeinsatz: In Oberdollendorf wurden jetzt auf der Streuobstwiese die Äpfel geerntet.

Die Obstbaumwarte beim Großeinsatz: In Oberdollendorf wurden jetzt auf der Streuobstwiese die Äpfel geerntet.

SIEBENGEBIRGE. 30 neue Obstbaumwarte sind im Rahmen des Naturschutz-Großprojekts „Chance 7“ speziell für den Erhalt von Streuobstwiesen ausgebildet worden. In Oberdollendorf trafen sie sich jetzt zur Ernte.

Äpfel ernten kann mitunter eine gefährliche Angelegenheit sein, auch wenn man nicht auf der Leiter steht oder im Baum herumkraxelt. Stefan Küster jedenfalls trägt den Schutzhelm nicht ohne Grund: die Schüttelstange an den richtigen Ast angelegt und kräftig gerüttelt, schon prasseln unzählige Äpfel wie kleine, kugelrunde Geschosse von oben herab. Leuchtend rot liegen sie nun im hohen Gras der Streuobstwiese nahe dem Waldfriedhof in Oberdollendorf und sehen zum Anbeißen lecker aus.

Zum Verzehr sind diese kleinen Vitaminbomben allerdings nicht bestimmt, „sie werden zu Apfelsaft verarbeitet“, erläutert Küster. Der 47-jährige Hennefer ist einer von 30 Obstbaumwarten, die im Rahmen des Naturschutzprojektes „Chance 7“ des Rhein-Sieg-Kreises speziell für den Erhalt und die Pflege von Streuobstwiesen neu ausgebildet worden sind. Gemeinsam mit der Bürgerinitiative Naturschutz Siebengebirge (BNS) rückten die Obstbaumwarte jetzt zur großen Ernteaktion auf den Oberdollendorfer Streuobstwiesen aus.

Der späte Frost hat der Ernte geschadet

Von den zwölf Tonnen Äpfeln, die der BNS vor zwei Jahren hier geerntet hat, ist man in diesem Jahr weit entfernt. Der späte Frost hat auch hier vielen Bäumen arg zugesetzt. Neu ist, dass erstmals nur ein Teil der geernteten Äpfel vermostet, also zu Saft verarbeitet werden sollen; ein Teil ist nämlich als Frischobst für den direkten Verzehr bestimmt. Denn die alten Sorten, die in freier Natur wachsen und die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt, verfügen über viele besondere Eigenschaften: Sie sind sehr reich an natürlichen Inhaltsstoffen und werden nicht gespritzt. Viele werden sogar von Allergikern problemlos vertragen.

Das größte Plus ist jedoch die Aromenvielfalt: „Im Supermarkt sind eigentlich immer nur die gleichen Sorten erhältlich, die hin- und hergekreuzt werden. Dadurch schmecken sie alle irgendwie ähnlich“, sagt Ralf Badtke von „Chance 7“ während er ein Exemplar der Sorte Ananas-Rubinette aufschneidet. Der kleine Apfel trägt seinen Namen nicht von ungefähr: erfrischend saftig ist er und ein wenig säuerlich. Und er schmeckt tatsächlich nach Ananas. „Diese Sorte schafft es leider aufgrund ihrer Größe nicht ins Supermarktregal.“ Bei der Goldparmäne wiederum ist der Knackpunkt die Lagerfähigkeit: Temperaturen unter fünf Grad mag sie gar nicht und ist daher für die Kühlhäuser nicht geeignet. Das ist besonders schade, weil sie so wunderbar süß schmeckt.

Größtes Plus ist die Aromenvielfalt

Weit mehr als 1000 Apfelsorten gibt es – nur einen Bruchteil davon kann man in den Supermärkten kaufen. Die Freiherr von Zuccalmagio-Renette gehört ebenfalls nicht dazu, trotz des klangvollen Namens und des „edelwürzigen“ Geschmacks. „Chance 7“ möchte nun gemeinsam mit dem BNS und der Biologischen Station im Rhein-Sieg-Kreis der Bevölkerung diese alten Sorten wieder schmackhaft machen. Beim großen Obstwiesenfest am Sonntag, 22. Oktober, hat man Gelegenheit, die Äpfel zu probieren und sich über die alten Sorten und die Streuobstwiesen zu informieren.

Da derzeit der Trend hin zu naturnahen Lebensmitteln geht, sind die Veranstalter zuversichtlich, dass das Interesse in der Bevölkerung da ist. Dafür zumindest spricht der Run auf die Ausbildungskurse zum Obstbaumwart: „Ab dem Herbst werden noch einmal 45 Obstbaumwarte neu ausgebildet, dabei hatten wir doppelt so viele Anfragen wie Plätze“, so Badtke. Im Rahmen der insgesamt neuntätigen Ausbildung bekommen die Teilnehmer ein umfangreiches Hintergrundwissen vermittelt, von der Pflege der Bäume über die Sortenauswahl bis hin zum Pflanzenschutz. „Unsere Obstbaumwarte sollen Multiplikatoren sein.

Lebensraum für viele Tierarten

Wer zum Beispiel eine Streuobstwiese besitzt und Fragen dazu hat, kann sich an uns wenden“, so Küster, der zur ersten Riege der neu ausgebildeten Obstbaumwarte zählt. Ihm ist es wichtig, „unseren Kindern nicht nur mit auf den Weg zu geben, wie man eine Wii-Konsole bedient, sondern auch etwas draußen in der Natur zu machen.“ Küster hat selber eine Streuobstwiese und ist wie Badtke davon überzeugt, dass die alten Apfelsorten einfach die leckersten sind: „Das Supermarktobst schmeckt doch alles gleich.“

Es sei doch schade, „wenn die alten Streuobstwiesen nicht mehr gepflegt werden, und das gute Obst verfault und verkommt“. Und schließlich ist der Erhalt nicht nur in Bezug auf die Artenvielfalt der Obstbäume so bedeutend, sondern auch weil es sich um wichtige Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten handelt.