Geschichte in vier Minuten

Autor Heiner Wember erzählt in Rhöndorf über seine Arbeit

„Ganz Ohr“: Ans Radio möchte Heiner Wember die Zuhörer mit seinen Beiträgen binden.

„Ganz Ohr“: Ans Radio möchte Heiner Wember die Zuhörer mit seinen Beiträgen binden.

Rhöndorf. „Stichtag“- und „ZeitZeichen“-Autor Heiner Wember berichtet im Haus der Stiftung Bundeskanzler Adenauer in Rhöndorf über seine Arbeit für den WDR.

„Zuerst gibt es immer eine Anmoderation“, erklärt Heiner Wember. „Sie können nicht einfach anfangen, sondern müssen den Hörer am Händchen nehmen.“ Diesen und andere wertvolle Tipps gab Historiker und WDR-Stammautor Wember am Donnerstagabend den vielen Interessierten im Haus der Stiftung Bundeskanzler Adenauer in Rhöndorf. Am Beispiel seiner Sendungen „Stichtag“ und „ZeitZeichen“ gewährte er einen Einblick in die Kunst des Radiomachens und verriet das eine oder andere Geheimnis über Konrad Adenauer.

Über 500 „Stichtage“ und 250 „ZeitZeichen“ hat Wember im Laufe seiner Tätigkeit als freier Autor für den WDR recherchiert und produziert. Zehn davon behandeln Adenauers Leben und Schaffen. „Mein Thema ist nicht, eine Biografie zu schreiben, sondern die Geschichte in nur vier Minuten zu erzählen“, fasste er die Herausforderung zusammen. Obwohl der „Stichtag“ von viereinhalb auf vier Minuten geschrumpft ist, bleibt er das längste und am aufwendigsten produzierte Format in WDR 2.

Eins der mitgebrachten Hörbeispiele schaute zum 50. Jahrestag des Rücktritts Adenauers auf dessen politische Laufbahn zurück. „Wie fange ich so einen Beitrag an?“, fragte der Journalist. „Am naheliegendsten wäre die chronologische Reihenfolge, sie ist häufig aber sehr langweilig.“ Stattdessen schuf er eine Rahmenhandlung, die mit einem Mitschnitt der Parade zu Adenauers Rücktritt begann. Der Originalton – beim Radio O-Ton genannt – soll die Zuhörer emotional an den Beitrag binden. „Manchmal ist es gar nicht so wichtig, was die Leute gesagt haben, sondern wie“, erklärte Wember.

Kritischer Punkt nach zwei Dritteln

Die Parade sei aber gar nicht zwei, sondern drei Tage vor der offiziellen Verabschiedung gewesen, sagte ein Zuschauer. „Ich hatte echt Angst davor, dass hier heute Abend Leute sitzen, die mir alle meine Fehler aufzeigen“, reagierte Wember mit einem Lachen. Zum Glück seien Fehler eher selten, da verschiedene Redakteure die Beiträge vor der Ausstrahlung mehrfach prüfen würden.

Nach zwei Dritteln des Beitrags komme der kritische Punkt, so Wember. Dann entscheide sich, ob der Hörer weiterhöre oder abspringe, also müsse etwas Spannendes passieren. O-Töne eigneten sich dazu hervorragend. In einem zweiten Hörbeispiel stellte er O-Töne von Adenauer selbst und von Ostermarschierern sowie Ausschnitte aus der Wochenschau und den Sound eines Atombombentests vor.

Bei der Recherche sichte er zunächst, welche Töne vorhanden seien, bevor er das Skript schreibe, berichtete Wember. „Ich sammle wie ein fleißiges Eichhörnchen“, so der Autor. Allein im Archiv der ARD habe er Zugriff auf die letzten 60 Jahre, dazu kämen weitere Archive und seine private Sammlung – „ein unglaublicher Fundus an O-Tönen“, Stunden an Material. „Das höre ich dann wirklich alles durch.“ Am Ende bleiben etwa zwölf O-Töne übrig; um sie herum baue er das Skript. Vorgaben vom WDR bekomme er nicht. „Ich habe als Autor völlige Freiheit.“

Skandal um Adenauer

„Der WDR schmeißt nicht mit Geld um sich“, sagte Wember. Bis zu sieben eng getaktete Arbeitstage gingen für eine Sendung drauf. „Das geht nur, weil wir gebührenfinanziert sind. Nicht die Musik, sondern Inhalte sind das Teure am Radio“, erklärte er und bedankte sich bei den Zuschauern schmunzelnd für ihren Rundfunkbeitrag.

„Etwas, das Sie garantiert noch nicht über Adenauer wussten“, kündigte Wember zum Abschluss der Veranstaltung geheimnisvoll an. In einem „Stichtag“ enthüllte er den „Boule-Eklat“, bei dem Adenauer in seinem Rhöndorfer Garten dem damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle versehentlich mit einer Boule-Kugel die Nase gebrochen haben soll. Ein Skandal, der von beiden Seiten angeblich unter den Teppich gekehrt wurde. Doch dann die Auflösung: Der durch O-Töne beider Seiten täuschend echte Beitrag war ein April-Scherz.

Zu hören ist das „ZeitZeichen“ täglich um 9.45 Uhr auf WDR 5 und in der Wiederholung auf WDR 3 um 17.45 Uhr. Der „Stichtag“ läuft um 9.40 Uhr und 18.40 Uhr auf WDR 2.