Musik in Bad Honnef

„Man muss die Sehnsucht im Ton hören“

BAD HONNEF. Geigenbauer Artur Betz war schon als Kind auf der Suche nach dem Klang der Stradivari.

Eigentlich hängt alles an ihm - an diesem unscheinbaren Hölzchen. „Das hier ist die Seele der Violine.“ Artur Betz nimmt den kleinfingerdicken Span in die Hand, reibt die glatte Fläche. Und ausgerechnet dieses nackte Holzstückchen soll nun ausschlaggebend für den Klang dieses lackglänzenden Instruments sein? „Es ist der Stimmstock“, sagt Betz und versenkt ihn im Bauch der Geige.

Gar nicht so einfach: Mit einem selbst konzipierten Spezialgerät und vor allem mit viel Gefühl hievt ihn der Bad Honnefer Geigenbauer geschickt durch eines der beiden schmalen Schalllöcher. „F-Loch“ wird diese Öffnung links und rechts des Stegs des Instruments genannt, weil es die kursive Form des Kleinbuchstabens „f“ hat.

Blinde Millimeterarbeit

Einzusehen ist der Innenraum nicht. Betz muss deshalb quasi blind Millimeterarbeit leisten. Der Stimmstock darf nicht zu kurz, nicht zu lang sein, er muss haargenau passen und weich sitzen. Aber: Auch wenn der Violine erst diese Seele richtig Leben einhaucht, sie sozusagen ihr Herz ist, kommt es bei der Fertigung einer Geige auf jedes Detail an.

Professor Viktor Tretjakov von der Kölner Musikhochschule empfahl seiner Schülerin Laia Montserrat, die mit 14 ihr Debüt in der Carnegie Hall in New York gab, eine Violine aus dem Hause Betz. Der Bad Honnefer unterstützt junge Künstler wie Roman Kim oder Daniel Austrich. Beide verfügen über eine Stradivari und eine Guarneri. Aber sie spielen auch eine „Betz“. Der berühmte US-Violinist Ruggiero Ricci vertraute ebenso einem Exemplar aus der Honnefer „Geigen-Schmiede“. Instrumente dieses Markenzeichens erklingen in den großen Konzertsälen. Und: Artur Betz organisiert seit einigen Jahren das „Musikfestival Menzenberg“, das er 2016 mit Laia Montserrat erstmals auf Schloss Drachenburg durchführt.

Im Alter von zehn Jahren hatte Artur seine erste Geige gebaut. „Die Werkstatt meines Vaters war mein Spielzimmer“, erzählt Betz. Er schaute dem Klavierstimmer, Bildhauer und Instrumentenbauer Karl Betz genau auf die Finger. Auch der kalte Winter in Kasachstan, wo er 1959 geboren wurde, hielt ihn schon als Vierjährigen nicht davon ab, dem Vater in dessen Reich in der Musikschule zu folgen, wo es nach Holz, Leim und Schellack roch, wo er sägen, schneiden und Ebenholz polieren durfte. „Das hat mich fasziniert.“ Ein Berufsmusiker wollte es nicht glauben, dass seine neue Geige das Erstlingswerk von Artur Betz war.

Die Familie prägte die Geigenbautradition in Tirol und an der Wolga

Ihm liegt dieses Handwerk im Blut. Die Familie, damals noch mit „P“ geschrieben, bestimmte 200 Jahre lang den Geigenbau in Vils in Tirol mit. Ein Vorfahre ließ sich vor 250 Jahren als Geigenbauer an der Wolga nieder.

Die aus der Schweiz stammende mütterliche Linie hatte dort bis 1930 eine Orgelbauwerkstatt. Trotz der Schikane durch das Sowjetregime legten Karl Betz und seine Frau Emilie viel Wert darauf, ihren Kindern eine musikalische Ausbildung angedeihen zu lassen. Als sie 1967 nach Frunse in Kirgisien zogen, absolvierte Artur dort auch die Musikschule.

Sein Studium begann er 1975 und vollendete es nach der Übersiedelung nach Deutschland an der Musikhochschule Essen. Und so vermag er nicht nur Instrumente zu bauen.

Ahorn aus Kroatien und Fichte aus Tirol

Sie sind aus bestem Holz „geschnitzt“, aus uraltem. „Bevor wir nach Deutschland ausreisten, schickten wir an Verwandte hier Habseligkeiten in Holzkisten. Aber nicht der Inhalt, sondern die Verpackung war von Bedeutung.“ Vater Karl hatte Holz beim Abriss von Häusern besorgt, 400 Jahre alte Fichte oder Blautanne. Auch Ahorn aus Kroatien oder Fichte aus Südtirol verwendet Artur Betz für seine Instrumente.

Ebenso Ebenholz und Palisander. Fein geordnet hängt sein Werkzeug an der Wand des Werkzeugschranks: vom Ausstecheisen über den Fughobel bis hin zu Schmiegen und Halseisen. Alles nötig, um Decke und Boden, Griffbrett, Wirbel oder Schnecke als Bestandteile einer Violine zu fertigen. Es geht um Millimeter, wenn Betz den Boden auf die richtige Stärke bringt – wichtig für den Klang. Die Schnecke am Hals der Geige dagegen ist fast nur barockes Schmuckelement.

Artur Betz will den brillant klingenden, singenden Ton wie bei einer Stradivari. Der Geigenbauer: „Auf den kommt es an. Man muss die Sehnsucht im Ton hören. Diesen idealen Ton habe ich erreicht.“ Er greift sich ein Instrument, setzt den Bogen an. Spielen kann Artur Betz natürlich auch.