Bummelstudent
Siegburger macht Diplom nach 63 Semestern
Köln/Siegburg . Den Uni-Abschluss mit Mitte 20 in der Tasche? Nein, danke. Viele Studenten wollen sich an der Hochschule nicht stressen lassen. Werner Kahmann ist mit 63 Semestern aber eine Ausnahme unter den «Bummelstudenten».
Als Werner Kahmann sein Studium begann,
wurde in der Mensa noch mit D-Mark bezahlt. Statt Studiengebühren gab
es noch Hörerbeiträge - und der marxistische Studentenbund verteilte
Flugblätter. «Bachelor» und «Master» waren nichts als Vokabeln aus
dem Englisch-Buch. Doch jetzt ist Schluss mit Uni: Nach 63 Semestern
und mit 61 Jahren hat der Mann aus Siegburg in diesem Jahr sein
Ingenieursstudium abgeschlossen. «Und bei der mündlichen Prüfung habe
ich die erste Powerpoint-Präsentation meines Lebens gehalten.»
Während des Studiums hat Kahmann weiter in Siegburg gewohnt. Ein
Fehler, sagt er heute. Aber in Siegburg hatte er seine Wohnung, seine
Freundin, den Fußballverein - und den Kegelclub. Das alles war ihm
sehr wichtig. «Wenn es dann freitags beim Kegeln spät wurde, hatte es
sich mit der Vorlesung am Samstag erledigt, und wenn Sonntags Fußball
war, dann hatte es sich auch am Montag erledigt», sagt der ehemalige
Bummelstudent.
Die Konsequenz: Seine Studienfreunde zogen an Kahmann vorbei. Die
Kommilitonen hatten schlichtweg mehr Kurse belegt, mehr
Leistungsscheine erarbeitet und irgendwann das Diplom in der Tasche.
Gemütlich sei er gewesen, faul aber nicht, sagt Kahmann.
Die Einführung von Bachelor und Master hat das Studium in
Deutschland schneller gemacht. Die Folge: Viele Hochschüler mit dem
Ziel Magister, Diplom oder Staatsexamen müssen sich Beinamen wie
«Bummelstudent» und «Dinosaurier» gefallen lassen. Weil ihre
Studiengänge auslaufen und dem straffer organisierten Bachelor- und
Master-Studium Platz machen, hat für sie jetzt aber ein Wettlauf
gegen die Zeit begonnen.
Wie viele Semester den Alt-Studenten bis zur Prüfung noch bleiben,
gibt im Prinzip das NRW-Ministerium für Wissenschaft vor:
«Regelstudienzeit plus vier Semester», heißt es dort. Bundesweit
haben derzeit mehr als eine halbe Million Studenten noch Magister,
Diplom oder Staatsexamen im Studienbuch stehen, heißt es beim
Statistischen Bundesamt. Darunter fallen auch Juristen und Mediziner,
die vorerst keine Umstellung auf Bachelor und Master fürchten müssen.
Viele Studenten fühlten sich aber unter Druck gesetzt, sagt Cordula
Meier, Studienberaterin der Düsseldorfer Hochschule.
Im Wintersemester 1973 ging es da deutlich gemächlicher zu. Damals
startete Werner Kahmann ins Studentenleben. «Technische
Gebäudeausrüstung» hieß der Studiengang, den er mit 27 Kommilitonen
an der Fachhochschule Köln begann. Bereits während der ersten
Semester hat er für Baufirmen gearbeitet. Als Bauleiter koordinierte
er Bauprojekte und leitete Ingenieurteams – ohne selber den
Ingenieurstitel zu tragen. «Nach einem Titel hat mich niemand
gefragt. Ich habe mich nie irgendwo bewerben müssen, bin immer durch
Mundpropaganda weitergereicht worden.» Kurse an der Uni belegte er
deshalb kaum noch, aber eingeschrieben blieb er die gesamte Zeit.
Dann kamen im Wintersemester 2004 die Studiengebühren und Kahmann
dachte sich: «Das mache ich nicht mehr mit.»
Also ging er noch einmal an die Fachhochschule. Das Ziel: fertig
werden. «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, hat schon meine Oma
immer gesagt.» Die alten, vergilbten Leistungsscheine konnten ihm
noch angerechnet werden. 68 Prüfungen konnte er damit vorweisen, da
fehlten noch 38 für den Abschluss. Danach schrieb er seine
Diplomarbeit. Betreut wurde er von einem Professor, der in den 70-er
Jahren mit ihm zusammen studiert hatte.
Artikel vom 30.12.2012



