Weihnachten im Krieg: Barbara Diekmann verbrachte das Fest in Siegburg | GA-Bonn

Weihnachten im Krieg

Barbara Diekmann verbrachte das Fest in Siegburg

SIEGBURG.  68 Jahre sind vergangen, seit Barbara Diekmann zum letzten Mal das Haus an der Ringstraße betreten hat. Heute sieht vieles anders aus, auch an den Anbau an das Haus kann sich die heute 75-Jährige nicht mehr erinnern. Doch im Haus selbst kommen viele Erinnerungen wieder hoch.
In diesem Haus erlebte Barbara Diekmann das Weihnachtsfest 1944 in Siegburg. Foto: Holger Arndt

Barbara Diekmann lebte 1944 als siebenjähriges Kind ein halbes Jahr lang hier und feierte mitten im Krieg dort Weihnachten. Ihre Geschichte schrieb sie nun auf und machte sich auf die Reise zu den Orten ihrer Kindheit.

"Wir haben in Aachen ein Haus gehabt und wurden 1943 als Familie mit vielen Kindern nach Schlesien evakuiert", erzählt die heute in Bonn lebende Diekmann. Für ihre Mutter, Agnes Kaufmann, begann eine lange Reise mit ihren sieben Kindern. Auf der Flucht vor den Bombenangriffen im Westen ging es gen Osten, dort dann 1944 aus Angst vor den anrückenden russischen Truppen zurück in den Westen. "In Siegburg war mein Vater als Soldat stationiert, also war dies unser nächstes Ziel", so Diekmann. Zurück nach Aachen ging es nicht, das Haus dort war bereits zerstört.

"Offiziell durften wir aus Schlesien nicht zurückreisen", erinnert sich die 75-Jährige an den Sommer 1944. Also habe die Mutter die Reise immer mit zwei Kindern angetreten, sei dann wieder zurückgefahren um nach und nach die restlichen Kinder zu holen. In Köln sollten dann alle in den Zug nach Siegburg steigen, wo der Vater seine Familie schon erwartete. "Dann hörten wir den Fliegeralarm und flohen in den Luftschutzbunker."

 Damit verpassten sie ihren Zug und mussten einen späteren nehmen. Ein Glücksfall, wie sich nur kurz darauf herausstellte. "In Siegburg angekommen, sahen wir den Zug, den wir eigentlich nehmen wollten", sagt Diekmann. Er wurde von einer Bombe getroffen, überall lagen Leichen und Verletzte. Nur der Vater war nicht zu finden. Er traf seine Familie erst eine Stunde später, da er sie in dem früheren Zug vermutete und zwischen all den Leichen nach seinen sieben Kindern und seiner Frau gesucht hatte.

Er hatte für die Familie schon eine Wohnung gefunden. So zogen sie im Herbst 1944 in das Haus in der Ringstraße, in zwei Mansardenzimmern unter dem Dach lebten die acht zusammen, schliefen zu viert in einem Bett. Zum Waschen ging es zur Abtei auf dem Michaelsberg. Auch Weihnachten feierten sie dann in der Kreisstadt. "Meine Mutter hatte uns mit Sägemehl gefüllte Bälle geschenkt, die wir dann immer an die Decke hoch warfen, bis uns der Putz entgegen kam." Weihnachten in Siegburg sei daher immer auch mit schönen Erinnerungen verknüpft.

Auf ihrer Suche nach der eigenen Vergangenheit fand sie das 1886 gebaute Haus in Siegburg wieder. Heute, 68 Jahre später, wohnen hier der Künstler Jürgen Schmitz und seine Frau Heide Tommuschat. Sie begaben sich zusammen mit Diekmann auf die Reise in die Vergangenheit. "Hier am Treppengeländer habe ich immer meinen Kopf durchgesteckt", erinnert sie sich.

"Und hier im Innenhof hat meine Mutter die Wäsche gewaschen." Einmal, als die Mutter im Hof war, spielten die Kinder zu laut in der Waschküche. "Meine Mutter kam in die Waschküche um mit uns zu schimpfen, als ein Bombensplitter die Zinkwanne mit der Wäsche traf", so die mittlerweile dreifache Großmutter. Wieder einmal entkamen sie so dem größten Unglück.

1945, als Siegburg dauerhaft bombardiert wurde, ging die Familie ohne Vater wieder zurück nach Schlesien. Das Kriegsende erlebten sie in Wolfersgrün bei Zwickau. Mit Pferd und Karren ging es zu Fuß zurück nach Aachen. "Ich weiß nicht, wie meine Mutter das geschafft hat. Sie hat Wahnsinniges geleistet", ist Diekmann noch dankbar.

Die ganze Familie überlebte den Krieg, der Vater kehrte 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. "Wir sind immer erfolgreich dem Tod davongerannt", sagt Diekmann heute. Was bleibt, ist eine Vielzahl von Erinnerungen, die sie nun aufgeschrieben hat. Eine davon ist das Weihnachtsfest 1944 in Siegburg.

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