Rheinbach: Ehemaliger Spielsüchtiger betreut Selbsthilfegruppe | GA-Bonn

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Ehemaliger Spielsüchtiger betreut Selbsthilfegruppe

RHEIN-SIEG-KREIS.  Wann es Jürgen Klein gepackt hat, weiß der 46-Jährige noch ganz genau. "Als ich vor 30 Jahren das erste Mal alleine gespielt habe und aus dem Automaten mit fünf Mark Einsatz 100 Mark Gewinn geholt hab'."
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Alles reine Glückssache: An Automaten wie diesem hat Jürgen Klein 30 Jahre lang gezockt.
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Alles reine Glückssache: An Automaten wie diesem hat Jürgen Klein 30 Jahre lang gezockt. Foto: dpa

Mit seinem 18. Geburtstag war der Euskirchener dann richtig "drauf" - und die Spielhalle sein zweites Zuhause. Seit einem neuerlichen Entzug in diesem Frühjahr hat Klein nicht mehr gespielt. "Im Moment fühle ich mich sehr stark", sagt der gelernte Schlosser.

Und noch in der Therapieklinik in Bad Fredeburg im Hochsauerland hat er beschlossen, nicht nur etwas für seine Nachsorge zu tun, sondern auch anderen Spielsüchtigen zu helfen. "Ich leite jetzt die Selbsthilfegruppe in Rheinbach", sagt der 46-Jährige nicht ohne Stolz. Kleins Anruf erreichte seinerzeit Daniela Mahler von der Caritas-Suchtkrankenhilfe in Rheinbach. Bei ihr war er in jeder Hinsicht an der richtigen Adresse. "Ich habe meine Diplomarbeit zum Thema Spielsucht geschrieben", erzählt Mahler.

Sie war begeistert von der Idee einer Selbsthilfegruppe, denn in Rheinbach gab es zu diesem Zeitpunkt nur Einzelberatungen. "Spieler haben ein anderes Schamgefühl und denken, dass sie Versager sind. Da tut es gut zu sehen, dass auch andere mit dem Problem kämpfen", meint die Fachfrau.

Die Spielsucht sei erst spät als Sucht anerkannt worden. "Es ist eben keine stoffgebundene Sucht, sondern einer Verhaltenssucht", erklärt sie. Trotzdem fänden Reaktionen im Hirn statt, der Stoffwechsel verändere sich. Die Begleitsymptome, die Mahler beschreibt, hat Jürgen Klein alle in der Realität erlebt: Rückzug von anderen, Unfähigkeit der Abstinenz, Schulden, Depressionen, Suizidgedanken. "Ich habe drei Mal versucht, mich umzubringen", gibt der 46-Jährige zu.

Glücklicherweise gelang es ihm nie. An den Schulden, die sich einst auf 300 000 Euro beliefen, zahlt er immer noch ab. "Wenn es sein musste, habe ich auch Kleinkredite von 10 000 Euro aufgenommen, das klappte immer völlig problemlos", betont er. Mit dem frischen Geld ging es ab zur nächsten Spielhalle. "Manchmal war ich fünf Tage lang unterwegs und habe im Auto geschlafen."

Seine damalige Frau habe er viel angelogen, auch sein 1991 geborener Sohn konnte ihn nicht aufhalten. 1995 gestand er sich das erste Mal ein, süchtig zu sein. "Alles ging den Bach runter." Aber sein Arbeitgeber seinerzeit, eine Tankschutzfirma, habe hinter ihm gestanden, als er den Entzug in einer Klinik antrat. Überhaupt hat er bis auf wenige unverschuldete Ausnahmen immer einen Job gehabt, momentan in einer Chemiefabrik.

Klein wurde wieder rückfällig, schlimmer als je zuvor. Um an Geld zu kommen, machte er vor Diebstählen auch bei Eltern und Geschwistern nicht Halt. "Ich bin froh, dass ich nicht richtig kriminell geworden bin", sagt er rückblickend. Er habe eine Stammhalle gehabt, dort meist "Book of Ra" gespielt und sich einfach wohlgefühlt. "Man kennt sich, man hilft sich, man leiht sich gegenseitig Geld", fasst er das "Familiengefühl" an den Automaten zusammen. Seine eigene Ehe zerbrach darüber, "meinem Sohn habe ich später alles erklärt".

Seit 2003 lebt er mit seiner Freundin zusammen, beide haben einen fünfjährigen Sohn. Auch wegen ihm hat er sich entschieden, 2012 ein "trockener Spieler" zu werden. Bislang hält er durch und will von dieser Stärke nun auch andere profitieren lassen.

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