Stolpersteine in Waldorf: Jeder Stein steht für ein Schicksal | GA-Bonn

Stolpersteine in Waldorf

Jeder Stein steht für ein Schicksal

BORNHEIM-WALDORF.  Der Künstler Gunter Demnig verlegte in Waldorf 15 Stolpersteine im Gedenken an Nazi-Opfer. 15 handtellergroße Steine hat er in Waldorf auf der Blumenstraße, Büttgasse und Schmiedegasse in den Boden eingelassen.
Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in der Blumenstraße zum Gedenken an Waldorfer NS-Opfer.
								Foto: Ulrike Sinzel
Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in der Blumenstraße zum Gedenken an Waldorfer NS-Opfer. Foto: Ulrike Sinzel

War es ein eisiger Winterabend, als die Gestapo Helene Bähr (geb. Levi) und Julchen Bähr (geb. Eckstein) abholte, um sie ins Sammellager in Köln zu bringen? Mussten die Witwen in Windeseile alle Habseligkeiten, die sie tragen konnten, zusammensuchen? Wurde ihnen gedroht, haben sie geweint, was nahmen sie mit, wie fühlten sie sich? All das ist unbekannt.

Doch das Schicksal der beiden Waldorferinnen, die am 21. Januar 1942 von den Nazis zunächst ins Sammellager in Köln und dann in das KZ Theresienstadt deportiert wurden, wo sie einige Monate später starben, soll nicht in Vergessenheit geraten. Genauso wenig, wie das vieler anderer Bornheimer Opfer des NS-Regimes.

Deshalb war Gunter Demnig erneut in Bornheim, um im Gedenken und als Mahnung seine mittlerweile in ganz Deutschland bekannten "Stolpersteine" zu verlegen. 15 handtellergroße Steine hat er in Waldorf auf der Blumenstraße, Büttgasse und Schmiedegasse in den Boden eingelassen.

Sie erinnern an das Schicksal der Familien Beretz, Bähr, Hartog, Levi, Berger und Schmitz, die bis 1941/42 in Waldorf lebten. Namen und Daten zu den Opfern sind in eine Messingplatte auf dem Stein graviert. "Auschwitz war weit weg. Aber die Stolpersteine sind da, wo man die Menschen rausgeholt hat, wo die Leute langlaufen", erläuterte Demnig.

"In gutem Gedenken derer, die hier gelebt haben, verschleppt und ermordet worden sind, möchten wir alle zwei Jahre weitere Stolpersteine verlegen", sagte Bürgermeister Wolfgang Henseler. Noch etwa 30 Schicksale fehlen: "Alle erhalten einen Stolperstein." Bei der Verlegung war gestern auch ein Angehöriger zugegen: Rudij Bergmann war aus Mannheim gekommen.

Seine jüdischen Stiefgroßeltern und die Stieftante gehören zu den Waldorfer Opfern. "Mein Vater Erich ist frühzeitig mit seiner Schwester Miriam nach England geflüchtet. Er hätte seine Schwester Erika gern mitgenommen, aber es hieß damals, sie sei zu klein und könne in England auf die schiefe Bahn geraten."

Erika Beretz blieb in Bornheim. Sie wurde 1942 nach Minsk deportiert und dort ermordet, wie Bergmanns Großeltern Paula und Gustav Beretz. "Für Erikas Stolperstein wollte ich gern die Patenschaft übernehmen, weil sie die Lieblingsschwester meines Vaters war", erzählt er.

Durch die Verlegung der Steine erfuhren die Bornheimer etwas über das Leben der Opfer. Im Fall von Helene und Julchen Bähr erzählte Heimatforscher Franz-Josef Geuer, dass sich eine ältere Dame an sie erinnert: "Sie wohnten meinem Elternhaus gegenüber und besaßen ein kleines Geschäft mit Winkelswar (Kurzwaren).

Wenn sie einkaufen war, halfen wir ihr tragen und bekamen dafür 10 Pfennig." Nachdem die Witwen abgeholt worden waren, sei die Halbschwester mehrmals nach Köln ins Lager gefahren, um ihnen Essen zu bringen.

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