Leonardo Vincis "Artaserse" : Spektakuläre Premiere des Kölner Gastspiels | GA-Bonn

Leonardo Vincis "Artaserse"

Spektakuläre Premiere des Kölner Gastspiels

KÖLN.  In Silviu Purcaretes Inszenierung von Leonardo Vincis letzter Oper "Artaserse" in Nancy war der Glitzerfaktor erheblich. Der Regisseur hatte aus der barocken Opera seria ein tolles Spektakel gemacht, mit rauschenden Reifröcken, wehenden Federn riesigen Perücken, üppig geschminkten Gesichtern.
Während in Köln beim 'Artaserse' optisch konzertante Nüchternheit herrschte, wurde dieselbe musikalische Produktion in Nancy in barocker Opulenz geboten. Im Bild: Philippe Jaroussky (links) und Max Emanuel Cencic. Die Inszenierung ist auf Youtube zu sehen. Foto: Laidig

Weil die Bühne - einschließlich der weiblichen Rollen - nur Männern vorbehalten blieb, mag das auf manche Zuschauer wie eine opulente barocke Travestieshow gewirkt haben, mit der betörend schönen Musik des kaum mehr bekannten italienischen Opernkomponisten, der 1730 kurz nach der Uraufführung des "Artaserse" wahrscheinlich nach dem Genuss vergifteter Trinkschokolade verstarb.

Dass nach der Premiere des Kölner Gastspiels dieser Produktion das begeisterte Publikum in der Oper am Dom geschlossen im Stehen klatschte, hatte mit dem visuellen Reiz allerdings nicht das Geringste zu tun. Hier macht "Artaserse" nämlich in einer konzertanten Version Station, die Sänger sind in eleganten schwarzen Anzügen gekleidet, lediglich Max Emanuel Cencic sorgte mit einem strassbesetzten Gehrock, roter Pluderhose und roten Schuhen für eine Art Reminiszenz an die Ausstattungsorgie der französischen Premiere.

In Köln wird hingegen in den klassizistischen Kulissen der jüngsten "My Fair Lady"-Inszenierung gesungen: Die meisten Auftritte der Sänger erfolgen praktischerweise durch den Eingang zum Pub "King George". Das eigentliche Ereignis war in Köln also die Musik. Dass hier fünf Countertenöre auf der Bühne versammelt sind, ist für sich genommen selbst für das Barock-Repertoire ungewöhnlich.

Es ist einem Bann der katholischen Kirche geschuldet, die in Rom, der Stadt der Uraufführung, Frauen von der Bühne verbannt hatte. Dass es nun fünf Sänger sind, die derzeit zu den weltweit besten ihres Fachs zählen, darf man als Sensation bezeichnen. Philippe Jaroussky, der größte Star der Szene, sang die Titelpartie, gestaltete seinen Part mit hinreißender Natürlichkeit.

Seine Stimme klingt wunderbar rein, fast schon zu weiblich für die Titelrolle. Max Emauel Cencic, der die Mandane sang, bringt auch das Rüstzeug zur dramatischen Attacke mit, ohne dass die Schönheit der Stimme leiden würde. Der virtuoseste Sänger des Ensembles war sicher der Argentinier Franco Fagioli in der Rolle des Arbace.

Die Koloraturen laufen bei ihm perfekt, er singt rhythmisch präzise und muss sich nicht einmal in den tieferen Lagen ins Brustregister flüchten. Valer Barna-Sabadus begeisterte als Semira mit ungemein elegant geführter Stimme und Yuriy Mynenko als Megabise. Zwischen den fünf Countertenören wirkte Juan Sancho mit seiner klassischen Tenorstimme fast schon wie ein Exot. Als intriganter Artabano wusste er sich jedoch ebenso leidenschaftlich wie stilsicher zu behaupten.

Die sechs Sänger erzählen in ihren Rezitativen und Arien die Geschichte um den Sohn des ermordeten Perserkönigs Xerxes. Artaserse muss sich im Kampf um die Thronfolge behaupten, sogar einen Attentatsversuch erdulden: Der Kelch, aus dem er bei der Krönungsfeier trinken soll, ist vergiftet. Aber er überlebt. Am Ende siegt auch noch die Liebe, in der sich zwei Paare vereint sehen.

Für die instrumentale Begleitung sind die Alte-Musik-Spezialisten von Concerto Köln zuständig. Wie ein Rockstar vom Schlage eines Keith Emerson steht Diego Fasolis am Cembalo und gibt die Einsätze. Mit dem Kopf, mit dem Oberkörper, mit den Händen - was eben gerade frei ist. Das Ergebnis ist ein faszinierend lebendiges, wie aus dem Augenblick heraus empfundenes Musizieren.

Die Continuo-Gruppe setzt vor allem durch den temperamentvollen Einsatz von Theorbe und Barock-Gitarre markante Akzente. Die Streicher spielen dazu ungemein genau und in den ruhigeren Arien auch sehr klangschön. Mit Oboen, Fagott, Trompeten, Posaunen und Hörnern werden zudem ganz überraschende Farben gemischt. Und am Ende steht fest: Vincis "Artaserse" ist eine echte Entdeckung.

Weitere Aufführungen: am Mittwochabend, 19.30 Uhr, sowie am 27. Dezember. Karten in den Zweigstellen des General-Anzeigers und bei bonnticket.de

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