Willy-Brandt-Forum

Vernissage mit Gerhard Juchem - Brandt-Porträt als Gastgeschenk

UNKEL. Das Willy-Brandt-Forum verfügt seit dem Wochenende über ein neues Porträt des berühmten Sozialdemokraten. Der gebürtige Unkeler Gerhard Juchem brachte zur Eröffnung der Ausstellung "Spuk in der Delmenhorster Kirche" dem Vorsitzenden der Brandt-Stiftung, Klaus-Henning Rosen, seine Zeichnung mit weißem Stift auf braunem Papier mit.

"Mit einem solchen Ansturm hatten wir gar nicht gerechnet", gestand Rosen ein. Immer weiter mussten Stühle und Hocker in dem Ausstellungsraum aufgestellt werden, um den Besuchern der Vernissage, darunter auch Altbürgermeister Werner Zimmermann, Sitzgelegenheiten zu bieten.

Als etwas verspätetes Geschenk zum 85. Geburtstag im Juni habe sich die Stiftung entschlossen, nach Stefan Andres mit Juchem zum zweiten Mal einem Unkeler Künstler eine Ausstellung zu widmen, so Rosen.

"Wer kennt die Chimären und Verdammten nicht, die auf den Gesimsen der Kathedralen das Wasser auf die außerhalb der Kirche Stehenden herunterspeien", fragt Juchem in seinem Eröffnungsplakat zu der Ausstellung. Er aber hat diese "von allen guten Geistern Verlassenen" in den jahrhundertealten Kirchenbänken der Delmenhorster Kirche Sankt Marien ausgemacht. "Dort ächzen sie unter den Knienden und werden mit Füßen getreten", verrät der Künstler. Zu sehen sind auf 21 Fotografien Maserungen im Holz, Risse und Astlöcher in starker Vergrößerung.

"In den kleinsten Ausschnitten der Holzbänke hat Gerhard Juchem Gesichter, Fratzen und Grimassen erkannt, die für ihn für die sieben Todsündern stehen: Geiz, Eitelkeit, Neid, Zorn, Faulheit, Gefräßigkeit und Wollust", so Udo Marquardt in seiner Einführung. Keines der Bilder ist fotografisch nachgearbeitet. Laut Juchem ist die Wirkung allein durch unterschiedliche Tageszeiten und Lichtreflexe der Kirchenfenster entstanden. Eben solche deutet der grafische Rahmen an, in den die Fotografien eingefasst sind.

"Hochraffiniert und voller Tiefsinn, sehen wir doch normalerweise auf Kirchenfenstern Szenen aus der Bibel oder Heilige, die von der Kirche und den Gläubigen schädliche Einflüsse fernhalten sollen", so Marquardt.

Bei Juchem sitze das Böse aber offensichtlich in der Kirche mitten unter uns. Aber der Künstler gibt keine eindeutigen Hinweise, er moralisiert nicht. "Wenn man sich die einzelnen Todsünden und Tugendbolde so ansieht, ist das Augenzwinkern des Rheinländers zu spüren, der mit einem kleinen und weisen Lächeln hingesehen und fotografiert hat", so Marquardt. Klare Stellung bezogen hat Juchem dagegen in seinen grafischen Arbeiten aus den späten 50er und 60er Jahren zu ethisch-sozialen Themen, die auf etlichen Plakaten zu sehen sind.

Zur Person
Gerhard Juchem war von 1946-50 Schüler des Malers und Grafikers Josef Arens, der in dieser Zeit im Henkel-Haus gearbeitet hat.

Von 1950-53 absolvierte Juchem ein Vollstipendium für Grafik-Design, nachdem er den 1. Preis bei einem Wettbewerb an der Kunstschule Alsterdam in Hamburg gewonnen hatte.

Mit 26 Jahren wurde er Atelierleiter der Werbeabteilung eines Unternehmens der Dampf- und Energiewirtschaft in Bremen. Dann übernahm er die Öffentlichkeitsarbeit für die Zentrale der internationalen, ökumenischen Basisgruppe der "action 365" in Frankfurt, eine von dem Jesuitenpater Johannes Leppich gegründete Laienbewegung, die an der Lösung gesellschaftlicher Probleme arbeitete. Seit 1990 arbeitet Juchem freiberuflich als Maler und Grafiker.

Die Ausstellung am Willy-Brandt-Platz 5 ist in den nächsten zwei Wochen dienstags bis samstags von 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Weitere Informationen zum Museum gibt es unter www.willy-brandt-forum.com