Willy-Brandt-Stiftung

Saddam Hussein sprach von "Gästen des Irak"

Halten die Erinnerung an Willy Brandt wach (von links): Rudolf Barth, Klaus Lindenberg, Richard Ellerkmann, Christoph Charlier und Rudolf Rupperath. FOTO: HORST-DIETER KÜSTERS

Halten die Erinnerung an Willy Brandt wach (von links): Rudolf Barth, Klaus Lindenberg, Richard Ellerkmann, Christoph Charlier und Rudolf Rupperath.

UNKEL. Willy-Brandt-Stiftung erinnert mit Vortragsabend daran, wie der Alt-Bundeskanzler die Freilassung von 200 deutschen Geiseln erwirkte.

Die Erwartung eines spannenden Abends wurde nicht enttäuscht. Zahlreiche Besucher füllten den großen Versammlungs- und Filmvorführraum der Stefan-Andres-Realschule plus auf Einladung des Willy-Brandt-Forums um die Vorsitzenden Christoph Charlier und Rudolf Barth. Der ehemalige Büroleiter Willy Brandts, Klaus Lindenberg, erinnerte an die Reise des Alt-Bundeskanzlers nach Bagdad vor 24 Jahren, um knapp 200 deutsche Geiseln aus der Hand des Diktators Saddam Hussein zu befreien.

Als Zeitzeugen dabei waren auch der ehemalige Botschafter Richard Ellerkmann und Sebastian Fellmeth, der damals als junger Mann mit einem Freund auf der Urlaubsreise in einem alten VW-Bus in die Fänge Saddams geraten war.

Charlier begrüßte auch Ursula Wallbraun aus Solingen. Sie habe den Vortragsabend quasi angestoßen, weil sie beim Besuch des Forums von ihrem Mann berichtete. Der inzwischen Verstorbene saß vier Monate lang in Bagdad fest, bevor er als 99. Geisel der Befreiungs-Aktion von Brandt wieder in die Freiheit nach Deutschland fliegen konnte.

Lindenberg ließ seine "Reise nach Bagdad mit dem großen SPD-Staatsmann ohne Staatsamt" Revue passieren. Als Privatmann sei der 76-jährige Alt-Bundeskanzler zu dem orientalischen Despoten gereist, der nach der Besetzung Kuwaits Anfang August 1990 Ausländer, darunter 77 Deutsche, als menschliche Schutzschilde an strategisch wichtigen Orten festgesetzt hatte. Insgesamt saßen damals rund 400 Deutsche im Irak fest.

"Während sich die deutsche Regierung auf den Rom-Beschluss der EG-Partner berief, keine Regierungsvertreter zu Verhandlungen nach Bagdad zu schicken, war das für Willy Brandt nach dem Motto 'Im Zweifel für den Frieden' unerlässlich", so Lindenberg. Er berichtete so lebendig, dass sich die Zuhörer mit ihm und dem Friedensnobelpreisträger Brandt Saddam Hussein gegenüber wähnten, der von Vizeministerpräsident Taha Jassin Ramadan, Außenminister Tarik Asis und Informationsminister Latif Nasif el Dschassim begleitet worden war.

"Können Sie sich vorstellen, dass ein Land mit soviel Kultur keinen Zugang zum Meer hat?", habe der irakische Diktator Willy Brandt gefragt, um dann über die "ungebildeten" Kuwaiter Nachbarn herzuziehen. Mit den Worten "Wir werden Ihnen in einer Weise antworten, die Ihre Reise zu einem großen Erfolg werden lässt, sowohl in humanitärer wie in politischer Hinsicht" habe der Diktator dann die Unterredung beendet, in der stets von "besonderen Gästen des Irak", nie von Geiseln die Rede gewesen sei.

Mit 175 Ex-Geiseln aus elf Ländern, darunter 131 der 317 Deutschen (nach irakischer Zählung, also ohne Frauen und Kinder) landete der Lufthansa-Airbus am 15. November in Frankfurt. Zehn Tage später waren alle Deutschen, die den Irak verlassen wollten, wieder in der Heimat.