Deutschlands ältester Bürgermeister

Josef Rüddel geht mit 94 Jahren in den Ruhestand

Windhagen. Mehr als fünf Jahrzehnte im Amt und 14-mal wiedergewählt - Rekord: Mit 94 tritt Josef Rüddel als ältester Bürgermeister Deutschlands ab. Ein Blick auf seinen Werdegang und Einsatz für Windhagen.

L 143, K 30, K 31. Dachsberg, Johannisberg, Hüngsberg:Wer auf dieser Strecke fährt, für den scheint es, als liefe die Zeit beim Blick aus dem Autofenster rückwärts. Vorbei geht es an der expandierenden Weltmarktfirma Wirtgen, durch schmucke Wohnstraßen, dann durch Landschaft, nichts als Landschaft: eine Zeitreise des Fortschritts, nur anders herum. Im Hof Hüngsberg 8 steht der, der den Fortschritt hier wie kein anderer jahrzehntelang im Blick hatte: Josef Rüddel, 94 Jahre alt, Deutschlands Rekord-Bürgermeister. „Ich war heute noch keine Stunde alleine“, sagt er. Viele suchen halt den Rat des Bürgermeisters, aus dem an diesem Sonntag ein Alt-Bürgermeister wird. Nach 56 Jahren.

Man muss kein Prophet sein: Der Rekord als ehrenamtlicher Bürgermeister dürfte ihm so schnell nicht zu nehmen sein. „Ich wollte eigentlich schon 2014 nicht mehr, aber ich habe mich überreden lassen“, sagt Rüddel. Und in den Augen vieler Mitbürger hätte er offenbar das Zeug, nochmals fünf Jahre dranzuhängen: Nach einem entsprechenden Aprilscherz „hat das Telefon nicht still gestanden. Ich war überrascht, wie viele das geglaubt haben. Aber irgendwann muss wirklich Schluss sein“.

Was ihn angetrieben hat all die Jahre? „Ich habe es immer sehr gerne gemacht. Und es kann ja nicht so viel verkehrt gewesen sein, sonst sähe es in Windhagen nicht so aus wie es aussieht.“ Das wird im Ort niemand bestreiten, auch der politische Gegner nicht, der bei der letzten Kandidatur des Ortschefs 2014 mit dessen 89 Lenzen gehadert hatte – anders übrigens als 62,1 Prozent der Wahlberechtigten. „Auch Gegenwind muss man aushalten können. “ Galt das auch bei den Verwerfungen in der CDU und Vorwürfen gegen die Familie 2018, die zum ortspolitischen Rückzug von Mitgliedern der Familie Rüddel führten? Schmutzige Wäsche waschen will er nicht. „Wichtig ist mir, dass es ehrlich zugeht, man sich jederzeit in die Augen schauen kann.“ Und ist er nachtragend? „Das war ich nie.“ Was zähle, sei das gute Ergebnis für den Ort.

Windhagen in den 50er und 60er Jahren

Der sah in den 50er und 60er Jahren freilich ganz anders aus. „Windhagen war landwirtschaftlich geprägt. Große Arbeitgeber wie die Steinbruchfirmen in der Nachbarschaft gab es nicht“, sagt der 1925 geborene Sohn eines Stellmachers. Er ist selbst gelernter Landwirt, der bis zum Ruhestand Rinderzüchter war. Damals gab es kein Telefon, keine Wasserleitung, gerade mal zwei Autos im Ort. Nur viel Platz, und die A 3 vor der Tür, so Rüddel, der als 19-Jähriger in den Krieg musste. 1945 geriet er in Polen in Gefangenschaft, türmte aus einem Zug, „hinter uns die Russen, da sind wir noch schneller gelaufen“. Auch das prägt.

1955, mit 30 Jahren, rückte er zu Hause in Windhagen in den Gemeinderat nach. Übrigens nicht für die CDU: Zu der stieß er erst später, als Bürgermeister. An dieses Amt kam er erstmals 1963, in jenem Jahr, in dem ein Großer der CDU namens Konrad Adenauer den Hut nahm. „Auch da bin ich irgendwie reingerutscht.“ Denn nach dem plötzlichen Tod von Vorgänger Josef Heuser wurde der „Jungspund“, wie er selber sagt, von jetzt auf gleich dessen Nachfolger.

Rüddel entwickelte sich zum Netzwerker par excellence, was ihm den Ruf eines Schlitzohrs einbrachte. Nimmt er es übel, wenn man ihn so nennt? „Überhaupt nicht. Beim 50. Amtsjubiläum überreichte mir Landrat Kaul eine Torte. Da war ein Ohr drauf“, sagt er und lacht. „Das ist doch eine Ehre. Ich war schon ein großer Maggeler, für den Ort und die Menschen. Es geht halt nicht nur ums Wollen, man muss auch machen.“

„Mir war klar, was wir am dringendsten brauchen sind Arbeitsplätze.“ Woher aber sollte man die nehmen? „Mit den Leuten reden ist das A und O, das Menschliche ist entscheidend“, lautete da das Rezept à la „Rüddels Jupp“. Und geredet hat er viel und oft, so mit den „hohen Herren“ von Bayer Leverkusen, die im Ort der Jagd frönten – und über die der Kontakt zur IG Farben und zu Agfa zustande kam. „Das war so wichtig, da gab es Arbeit – vor allem für die Frauen.“

Entwicklung des Ortes

Der Standort Windhagen der Firma Agfa ist seit 2005 Geschichte. Andere Weichenstellungen erwiesen sich als nachhaltiger. Viele Firmenchefs erhörten Rüddels Werben. 17 Unternehmen mit mehr als 2500 Arbeitsplätzen hat Windhagen heute. Und die Steuern sprudeln, laut Rüddel gut 20 Millionen Euro im Jahr, wovon über die Umlagen auch Verbandsgemeinde und Kreis profitieren. Der 4500-Seelen-Ort wurde Primus der Wirtschaftsförderung, baute Gewerbegebiete, Forum und Sportpark, während andere Kommunen pleite gingen.

„Da hat er immer gesessen, wenn er mich besucht hat“, erzählt Rüddel und zeigt auf die Eckbank in der Stube mit Erinnerungsstücken wie der hölzernen Justitia („Ein Geschenk der Vereine“) und einem präparierten Marder („Der hat immer die Eier und die Hühner geklaut. So 40 Jahre ist das her“). Er, das war Reinhard Wirtgen – und der gute Draht zu seinem Maschinenbau-Unternehmen blieb. Auch nach dem viel zu frühen Tod des Gründers, dem dessen zwei Söhne nachfolgten, und jüngst dem Verkauf an den US-Riesen John Deere.

Generell waren Firmenchefs bei Rüddel richtig. Was es zudem brauchte, „das war Vertrauen, denn Bauern verkaufen von Haus aus kein Land. Da muss man schon überzeugen“. Was der Bürgermeister offenkundig tat. Die Windhagener dankten ihm, der mit der Ehrennadel des Landes Rheinland-Pfalz, dem Bundesverdienstkreuz und der Freiherr-vom-Stein-Plakette ausgezeichnet wurde, mit einer Wiederwahl nach der anderen.

„14 waren es wohl, ich weiß es nicht genau.“ Gibt es Fotos aus all diesen Jahren? Zum ersten Mal legt sich ein Schatten über sein Gesicht. „Meine Frau, die wüsste, wo alles ist. Ich hatte ein schönes, ein gutes Mädchen, das mich in allem unterstützt hat“, macht er seinem vor zwei Jahren verstorbenen „Gretchen“, mit dem er mehr als 60 Jahre verheiratet war, eine posthume Liebeserklärung. Drei Söhne hat das Paar großgezogen. Sieben Enkel und drei Urenkel gehören zur Familie. Und die Familie, sagt er, „ist mein Ein und Alles“.

Schon wieder klingelt es an der Tür. „Eine heimliche Freundin halten kann ich mir hier auch nicht“, sagt Rüddel, und sogleich ist das spitzbübische Lächeln wieder da. Und was kommt nach Sonntag? „Erst mal ein bisschen weniger Trubel.“ Aber doch bitte nicht zu wenig.