50 Jahre Bürgermeister in Windhagen

Josef Rüddel: "Das Amt hat mich fit gehalten"

Windhagen. Als Konrad Adenauer vor 50 Jahren als Bundeskanzler abtreten musste, wählten sie in Windhagen am Rande des Westerwaldes einen gewissen Josef Rüddel zum jüngsten Bürgermeister des Landes. In Berlin kamen und gingen sie in den folgenden fünf Jahrzehnten: Kiesinger, Brandt, selbst Kohl irgendwann. In Windhagen aber blieb Josef Rüddel, der Unabwählbare.

Heute ist er der dienstälteste Bürgermeister Deutschlands. Im Juni feiert Rüddel Jubiläum. Ein Gespräch mit einem Mann, der seine Gemeinde nicht nur prägte. Er hat sie neu erschaffen.

Es ist ein warmer Vormittag, die Haustür des weißen Fachwerkhauses steht sperrangelweit offen. Neben der Türklingel verrät ein Gusseisen-Schild, wer hier am Hüngsberg wohnt: "Bürgermeister Rüddel". Doch Rüddel ist nicht zu sehen. Er ist noch beschäftigt. "Das Telefon steht heute Morgen nicht still", entschuldigt seine Frau Gretchen.

Ein Bürgermeister kann sich selbst mit 88 Jahren nicht einfach so ein paar Stunden frei nehmen. Eine halbe Stunde ist nur Rüddels tiefe Stimme mit dem rheinländischen Dialekt aus dem Nebenraum zu hören. Auf dem Esstisch liegt ein Packen ungeöffneter Briefe. Irgendwann in diesen Minuten lässt die Bürgermeistergattin die flache Hand auf den Tisch fallen und resümiert: "Er ist rund um die Uhr für die Gemeinde da."

Wen Josef Rüddel begrüßt, dem schüttelt er nicht nur höflich die Hand, dem drückt er sie ausdauernd. Drei, vier Sekunden. Auch diesmal lässt er sie nicht los.

Herr Rüddel, können Sie nicht loslassen?
Josef Rüddel: Ach, wissen Sie, der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint. Das Bürgermeisteramt ist mein Hobby, und mir wurde dieses hohe Alter geschenkt, um es 50 Jahre lang auszuüben. 2014 stehen die nächsten Wahlen an.

Jetzt sagen Sie nicht, Sie wollen erneut kandidieren?
Rüddel: Schaun'mer mal! (lacht) Wenn die Gesundheit mitmacht - warum nicht?

Ihre Chancen, wiedergewählt zu werden, stehen gut: Bisher haben sie immer mehr als 60 Prozent der Stimmen erhalten. Davon abgesehen: Die Geschichte von Windhagen sieht eine Abwahl offenbar auch gar nicht vor. Ihr Vorgänger ist verstorben. Das erinnert an den Vatikan.
Rüddel: Als ich neulich mit einer Gruppe von Menschen zusammenstand, die auf die Rente zugehen, fragte ich sie: "Kennt Ihr noch meinen Vorgänger?" Die Männer schüttelten synchron den Kopf. Obwohl ich weiß, dass sie damals noch Kinder waren und ihn nicht kennen können, war ich verblüfft. Da wird einem erst wieder bewusst, wie lang man das schon macht.

Haben Sie sich noch nie gefragt, warum Sie sich diesen Stress noch antun?
Rüddel: Doch, natürlich. Wenn ich abends auf dem Sofa sitze und grüble, dauert es nicht lange, dass meine Frau verwundert fragt: "Sag mal, hast Du heute nichts vor?" Dann stehe ich auf, ziehe meine Jacke an und sage: "Gretchen, ich bin mal eben nachschauen, ob die Straßenlampen noch an sind."

Die nächste Frage kann deutschlandweit niemand besser beantworten als Sie: Was zeichnet einen guten Bürgermeister aus?Rüddel: Ein offenes Ohr und Verständnis. Mich interessiert jede Sorge. Als Bürgermeister musst du auch dahin gehen, wo die Menschen über ihre Sorgen sprechen - etwa in der Gaststätte. An der Theke höre ich so viel. Und falls es mal schlagartig still wird, wenn ich hereinkomme, weiß ich: Jetzt haben sie gerade über den Bürgermeister geschimpft. Es waren sogar schon Ehepaare bei mir, die nicht mehr weiter wussten, die über Trennung nachdachten oder sie bereits vollzogen hatten und nun bei mir Rat suchten. (Rüddel zeigt auf eine hölzerne Justitia-Figur in der Ecke seines Esszimmers) Hier wird immer abgewogen.

Hier ist nicht nur Ihr Wohnraum, sondern auch die Schaltzentrale von Windhagen.
Rüddel: Ja. Mein Büro ist bei der Frau im Wohnzimmer. Das war es schon immer. Ich habe immer auf ein eigenes Büro verzichtet, obwohl es mir zugesteht und sich Windhagen stets eines hätte leisten können. Außerdem habe ich hier die beste Sekretärin, die ich mir vorstellen kann: Meine Frau, die mir immer den Rücken freihält und mich unterstützt. Wie Sie sehen: Ich habe hier alles.

Außer einen Computer.
Rüddel: Stimmt. Wir leben in einer so schnelllebigen, verrückten Zeit, in der alles sofort erledigt werden muss. Aber soll ich Ihnen etwas verraten: Ich bin der Beweis, dass all das übertrieben ist. Als ich Bürgermeister wurde, musste ich zwei Jahre warten, bis ich ein Telefon bekam. Selbst da hat alles funktioniert!

Was hat sich in 50 Jahren Politik verändert?
Rüddel: Früher war ein Wort ein Wort. Heute wird viel zu viel diskutiert. Da werden gute Vorschläge von der Opposition schlecht geredet. Die Bürger werden von allen Seiten torpediert. Deshalb wissen sie auch nicht, was sie tun sollen - die Folge ist, dass sie sich nicht mehr für Politik interessieren. Das besorgt mich. Anfangs war hier die Wahlbeteiligung bei 80 Prozent, heute ist sie weitaus geringer.

Mit Verlaub: Kann man mit 88 Jahren noch leistungsfähig genug sein, um eine Gemeinde zu führen?
Rüddel: Natürlich. Das Amt hat mich fit gehalten, ich bin manchmal den ganzen Tag unterwegs, oft bis spätabends. Das Einzige, was ich seit zehn Jahren brauche, ist ein Mittagsschläfchen.

Zur Person

Josef Rüddel ist Landwirt und arbeitete bis zu seiner Rente als Rinderzüchter. Nicht nur politisch mag er die Beständigkeit: Im kommenden Jahr feiert er mit seiner Frau Gretchen Diamantene Hochzeit. Mit ihr wohnt er seit mehr als 50 Jahren im Haus seines Vaters auf dem Hüngsberg. Die beiden haben zusammen drei Söhne, sieben Enkelkinder und einen Ur-Enkel.

Sohn Erwin ist Bundestagsabgeordneter für die CDU und wohnt mit seiner Familie gleich nebenan. Bevor sich Josef Rüddel politisch engagiert hat, zog ihn die Wehrmacht ein. 1944 erlebte er den Rückzug aus Polen mit, wurde eben dort verwundet und geriet in Gefangenschaft. Die politische Laufbahn Josef Rüddels begann nicht erst mit dem Bürgermeisteramt: 1955 ging er in den Gemeinderat.

In seiner Amtszeit hat er viele Ehrungen erhalten - insbesondere 1988 das Bundesverdienstkreuz. Er traf Helmut Kohl, den Dalai Lama und war sogar beim Papst. FürSonntag, 9. Juni, lädt der Jubilar ab 10 Uhr zu einem Festakt in das Forum Windhagen.