Willy-Brandt-Forum

Geburtstagszeitung für den früheren Bundeskanzler

Eine Zeitung für Brandt: Rudolf Rupperath, Geschäftsführer des Willy-Brandt-Forums, mit einem Vordruck-Exemplar.

UNKEL. Man nehme anderthalb Liter Brühe, natürlich selbst gemacht, dann noch ein Kilogramm Weißkohl, 250 Gramm Porree und 150 Gramm durchwachsenen Speck. Fehlen noch 400 Gramm Hackfleisch, Gewürze, Bohnen, ein Lorbeerblatt und Salbei. Natürlich Salbei. Das Rezept heißt schließlich: Gemüsesuppe mit Salbei. Und es ist von Willy Brandt.

Er hatte es einst für ein karitatives Kochbuch aufgeschrieben. Sein Rezept ist nur eines von vielen noch nie gezeigten Fundstücken, die nun in einer Geburtstagszeitung verewigt wurden. Am 18. Dezember wäre der frühere Bundeskanzler 100 Jahre alt geworden.

Eine Schallplatte, die sein Konterfei und den Titel "Geh' mit der Zeit, geh' mit der SPD" trägt; ein Feuerzeug, das Brandt benutzt hat; eine Standarte, die an seinem Fahrzeug angebracht war, als er noch als Regierender Bürgermeister von Berlin nach Bonn reiste. Und dieser riesige Schatz an Erinnerungen - "was die Leute ausgegraben haben, ist teils witzig, teils anrührend, aber immer erstaunlich", sagt Rudolf Rupperath, Geschäftsführer des Willy-Brandt-Forums in Unkel.

All das haben 30 Menschen in die Zeitung aufgenommen. Sie haben Texte geschrieben, Seiten layoutet und den Wust an Informationen geordnet. Jetzt ist sie fertig, am 18. Dezember wird sie veröffentlicht. Zum Preis von drei Euro ist das 32-seitige Print-Produkt dann zu haben. Drei Euro für eine Zeitreise zu einer Person, die jeder kannte, und zu einer Fülle von Details, die niemand kennt.

"Wir wollten nur zehn, zwölf Seiten erstellen", sagt Rudolf Rupperath. Doch dann sei er von der Wucht der Zusendungen überwältigt worden: "Ständig haben mir Leute erzählt, wie sehr sie Brandt politisch beeinflusst hat." Da erzählt zum Beispiel die Neuwieder Rechtsanwältin Andrea Sünning die Geschichte von der Begegnung ihres Vaters Werner mit Brandt.

Der Bundeskanzler habe einen Mercedes samt Fahrer gesucht, Werner Sünning bot ihm Hilfe an. Und da ist der Entschuldigungszettel, den Willy Brandt für seinen damals 14-jährigen Sohn Peter eigenhändig geschrieben hat: "Peter hatte sich beim Rudern eine leichte Sehnenzerrung zugezogen und hat deshalb gebeten, am heutigen Turnunterricht nicht teilnehmen zu müssen." Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Forums hatte dieses Fundstück erworben.

Und da ist noch die Reise nach Bagdad am 7. November 1990. Saddam Hussein, der vor dem Irakkrieg ausländische Arbeiter als "lebende Schutzschilder" vor strategisch wichtigen Punkten gefangen hielt, bekam Besuch von Brandt. Der SPD-Ehrenvorsitzende flog als Privatperson nach Bagdad, sprach stundenlang mit dem Diktator in dessen Präsidentenpalast. Am Ende ließ Hussein 173 Geiseln frei. Klaus Lindenberg, Brandts Büroleiter, stellte dem Forum vier Bilder von diesem Besuch zur Verfügung - auf einem ist Hussein in Zivil zu sehen, auf einem anderen im Einzelgespräch mit Willy Brandt.

"Das ist für mich die rührendste Geschichte", sagt Rupperath. Auch deshalb, weil sich auch Ursula Wallbraun aus Solingen an das Unkeler Forum gewandt hat: Sie ist die Frau der 99. Geisel, die Brandt damals befreite. Es sei ihr tiefstes Bedürfnis, dem Forum die Zeitungsausschnitte von damals zur Verfügung zu stellen: "Das bin ich Willy Brandt schuldig", sagte Wallbraun.

Die Zeitung ist ein bunter Mix aus noch unveröffentlichten Texten und noch nie gesehenen Fotos, aus künstlerischen Annäherungen und Fundstücken. "Die vielfältigen Beiträge verdeutlichen, wie präsent Brandt als Mensch und Politiker in der Erinnerung der Menschen ist", sagt Rudolf Rupperath.

Dazu passt hervorragend ein Eintrag im Gästebuch des Willy-Brandt-Forums, der es ebenfalls in die Geburtstagszeitung geschafft hat: "Wäre er nur noch da, um Angie zu helfen ..."

Ab dem 18. Dezember ist die Geburtstagszeitung auch abrufbar unter www.willy-brandt-forum.com

Das Forum und die Finanzen

Die Besucherzahl ist zwar in diesem Jahr um 15 Prozent gewachsen, doch noch immer kann sich das Willy-Brandt-Forum nicht durch Eintrittsgelder und Führungen selbst finanzieren. Das Forum hat deshalb finanzielle Sorgen. "Wir pfeifen zwar nicht aus dem letzten Loch, doch brauchen wir eine solide Finanzierung für die Zukunft", sagt Geschäftsführer Rudolf Rupperath.

Würden sich nicht so viele Ehrenamtliche engagieren, das Forum müsste schon längst um seine Existenz bangen. Allerdings werden die Helfer älter, Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die CDU-Fraktion im Unkeler Stadtrat hat aus diesem Grund nun einen Antrag an Stadtbürgermeister Gerhard Hausen gerichtet. Demnach soll in der Ratssitzung am Dienstag, 10. Dezember, (19 Uhr, städtisches Rathaus) ein Beschluss gefasst werden, die Landesregierung um finanzielle Unterstützung für den laufenden Betrieb des Museums zu bitten.

Am 19. Dezember wird die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer anlässlich des Geburtstages Brandts in Unkel sein und das Forum besuchen. Rupperath will der Landeschefin bei dieser Gelegenheit von den finanziellen Nöten berichten.