Willy-Brandt-Forum

Eine Anzeige im GA führte Brandt nach Unkel

UNKEL. Das Willy-Brandt-Forum hat sich der Würdigung des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers verschrieben. Gestern vor fünf Jahren wurde es eröffnet. Mit einer Festveranstaltung und Brigitte Seebacher als Gastrednerin feierte das Museum diesen Jahrestag.

Als sich Willy Brandt am Abend des 9. November 1989 in seinem frisch bezogenen Haus am Unkeler Rheinufer schlafen legte, ahnten weder der Altbundeskanzler noch seine Frau, welch historische Kettenreaktion der SED-Politiker Günter Schabowski kurz zuvor auf einer Pressekonferenz im knapp 500 Kilometer entfernten Ostberlin lostgetreten hatte. Das neue Haus des Ehepaares stand noch halb leer – und da der Fernseher noch nicht installiert war, konnte Brandt die Entwicklungen nicht in den Nachrichten verfolgen.

Lediglich das Telefon war bereits in Betrieb – doch erst, als in aller Frühe die Leitungen heiß liefen und ihm seine Frau den Hörer reichte mit den Worten: „Du, da ist ein Mann am Apparat, der meint, es laufen Menschen durch die Mauer“, erfuhr Willy Brandt, was geschehen war. Noch am Morgen flog er nach Berlin, wo er vor dem Rathaus Schöneberg in einem Interview jenen Satz sprach, der bald in aller Munde sein sollte: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“

So erinnerte sich Brandts Witwe Brigitte Seebacher gestern bei der Festveranstaltung zum fünfjährigen Bestehen des Willy-Brandt-Forums Unkel an den historischen Tag des Mauerfalls. Vor rund 160 geladenen Gästen sprach die Historikerin im Ratssaal der Verbandsgemeinde Unkel über die gemeinsame Zeit in Unkel, wo der Friedensnobelpreisträger und erste sozialdemokratische Bundeskanzler bis zu seinem Tod im Jahr 1992 als „Bürger unter Bürgern“ lebte.

Als die Lebenspartner im Frühjahr 1979 beschlossen zusammenzuziehen, war es der Bonner General-Anzeiger, der zufällig den entscheidenden Anstoß gab: Auf der Immobilienseite stach beiden eine Annonce aus Unkel ins Auge. Noch im April desselben Jahres bezogen sie das Appartement im Haus Eschenbrenderstraße 4. Hier schlug Brandt zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Wurzeln, so Seebacher. Er fühlte sich wohl in Unkel, in seiner ersten eigenen Wohnung auf deutschem Boden. Als sich das Paar 1983 zur Heirat entschloss, war Pressewirbel unerwünscht: Beide bemühten sich um strikte Geheimhaltung, machten sich am Abend der Trauung getrennt und im Dunkeln auf den Weg zum Standesamt.

Helmut Schmidt kam zur Lagebesprechung

Die andere große Liebe Brandts war und blieb bis zu seinem Tod die Politik: „Menschen, die sich von ganzem Herzen der Politik verschreiben, tun Tag und Nacht nichts anderes“, so Seebacher. Als sich 1982 das Ende der sozialliberalen Koalition anbahnte, kam sogar einmal Helmut Schmidt spontan zur Lagebesprechung vorbei – „das finden Sie so in keiner Akte“, so die Historikerin. Doch trotz seiner Liebe zur Sozialdemokratie hatte Brandt im 1987 die Freude am Parteivorsitz verloren – zu anders tickte die junge SPD-Generation, mit der sich der Altkanzler konfrontiert sah.

Als er sich in der 120 Quadratmeter großen Wohnung nicht mehr wohl fühlte, baute das Paar ein eigenes Haus am Rheinufer. Aus Unkel fortzuziehen, kam für Willy Brandt dabei nie infrage: Die Bemerkung seiner Frau, dass es in Bruchhausen auch schön sei, sollte sich in Unkel kein Grundstück finden lassen, kommentierte Brandt trocken: „Was willst du denn in Bruchhausen?“ Am 8. Oktober um 16.35 Uhr starb Willy Brandt. Sein Vermächtnis wird von der Bürgerstiftung Unkel Willy-Brandt-Forum lebendig gehalten.

Mehr als 25 000 Besucher hatte die Begegnungsstätte bisher, die auf Dialog, Austausch und Erinnerung setze, berichtete Christoph Charlier, Vorsitzender des Forums: „Willy Brandts Ruf ist unser Kapital.“ Er dankte seinen Vorgängern im Amt, Thomas Ottersbach und Klaus-Henning Rosen, sowie dem stellvertretenden Vorsitzenden Rudolf Barth. Landrat Rainer Kaul hob das Engagement der 30 ehrenamtlichen Forumsmitarbeiter als „außerordentlich und vorbildhaft“ hervor – denn „ohne Ihr Engagement wäre undenkbar gewesen, was sich heute aus dem Forum entwickelt hat.“

Bis zuletzt hing Willy Brandts Herz am beschaulichen Rheinort. „Er hat in Unkel glückliche Jahre verbracht“, resümierte Brigitte Seebacher. „Wer weiß, ob er den Mauerfall und die deutsche Einheit, sein Lebensziel, noch miterlebt hätte, wären sie nicht gewesen. Hier in Unkel hat sich sein Leben gerundet.“

Engagierte Bürger gründeten das Forum

Das Willy-Brandt-Forum hat im März 2011 erstmals seine Türen geöffnet. Damals kamen 400 Gäste zur Feierstunde, darunter der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzáles und Brandts Witwe Brigitte Seebacher, die im Kuratorium des Forums sitzt. Ihren Ursprung hat die Einrichtung in der Mitte der Bürgerschaft. Die Bürgerstiftung Unkel Willy-Brandt-Forum sowie 200 Spender, Sponsoren und zahlreiche Unterstützer hatten die Finanzierung ermöglicht.

Geführt wird das Museum in der Unkeler Ortsmitte von 30 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die es an sechs Tagen in der Woche geöffnet halten. Unter dem Brandt-Motto „Mehr Demokratie wagen“ ist am Willy-Brandt-Platz eine Dauerausstellung mit einer Porträtgalerie zu sehen, integriert ist der ehemalige Tresor des Sparkassengebäudes. Neben Wechselausstellungen veranstaltet das Forum politische Gesprächsrunden.

Geöffnet ist es von April bis Ende Oktober dienstags bis samstags von 10 bis 18 Uhr und sonn- wie feiertags von 11 bis 18 Uhr. Von November bis Ende März öffnen die Türen dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr und sonn- wie feiertags von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet fünf Euro; Ermäßigungen gibt es für Senioren, Behinderte, Familien, Kinder, Studenten und Gruppen.

Mehr Infos: www.willy-brandt-forum.com