Willy-Brandt-Forum

Christoph Charlier über seine ehrenamtliche Arbeit in Unkel

UNKEL. 141 Kilometer und 90 Autominuten trennen seine Heimat Bruchhausen von seiner Wirkungsstätte in Mainz: Christoph Charlier arbeitet in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei und pendelt - früher täglich, heute an den Wochenenden. Die freien Tage daheim werden ihm künftig nicht nur zur Erholung dienen.

Er ist der neue Vorsitzende der Bürgerstiftung Willy-Brandt-Forum Unkel. Am Wochenende hatte er seinen ersten offiziellen Auftritt bei der Eröffnung der Ausstellung des Fotografen Gerd Schulthess. Zuvor sprach er mit Dennis Betzholz über seine Beziehung zu Brandt und den dritten Geburtstag des Forums.

Was hat Sie dazu motiviert, das Amt des Vorsitzenden anzunehmen?
Christoph Charlier: Das ist für mich eine biografische Geschichte. Als Willy Brandt nach Unkel zog, engagierte ich mich im Ortsverein. Seine Frau, Brigitte Seebacher, setzte sich auch sofort für den Verein ein und wurde dessen Vorsitzende. Als sie das Amt niederlegte, wurde ich ihr Nachfolger. Durch die intensive Zusammenarbeit mit ihr ergab sich auch der Kontakt zu Willy Brandt.

Was ist Ihnen von Brandt in Erinnerung geblieben?
Charlier: Es war Anfang der 80er Jahre, der Beginn der Friedensbewegung. An einem Samstag formierte sich eine Menschenkette durch Unkel. Brandt, der zu der Zeit zu Hause war, reihte sich ein. Einmal schrieb er eine handschriftliche Notiz, einen persönlichen Gruß an den Ortsverein. Dieses Stück Papier habe ich gehütet wie meinen Augapfel. Heute liegt es im Forum, in Schließfach 365, als Teil der Ausstellung.

Sie leben in Bruchhausen, arbeiten aber in Mainz. Wie sehr können Sie sich einbringen?
Charlier: Ich werde nicht nur der Wochenend-Onkel oder der Vorsitzende sein, der nur steuert und lenkt. Ich will mittendrin sein. Aber klar: Ich bin weder pensioniert wie mein Vorgänger Klaus-Henning Rosen noch wohne ich hier wie der Gründer Thomas Ottersbach.

Sie treten in große Fußstapfen. Welche eigenen Spuren wollen Sie hinterlassen?
Charlier: Die Frage ist: Was soll, was kann dieses Museum leisten? Gedenkstätte zu sein, ist das eine, aber es soll auch eine Wirkungsstätte sein, die sich dem politischen Wirken Willy Brandts verbunden fühlt. Das ist der Grundgedanke hinter den Veranstaltungen, die das Forum durchführt.

Haben Sie eine Idee, wie Sie das ausweiten können?
Charlier: Wir wollen Schulen gewinnen, die nicht nur hierherkommen, sondern hier ihren Unterricht machen. Stichwort: außerschulische Bildungsarbeit. Ich versuche nun mit meinen Kollegen, museumspädagogische Modelle zu entwickeln, Kooperationen zu schließen und Workshops für Lehrer anzubieten. Wir wollen es als Dialog-Forum weiterführen.

Das Forum ist drei Jahre alt geworden. Die Besucherzahlen blieben mit durchschnittlich 5500 Menschen pro Jahr hinter den anfänglichen Erwartungen zurück. Haben Sie eine Lösung dafür parat?
Charlier: Die Zauberformel lautet Ehrenamt. 26 freiwillige Helfer leisten hier ihren Dienst, das ist unser einmaliger Schatz. Wir suchen aber Nachwuchs. Vielleicht ist dieser über einen Freundeskreis, den wir gründen könnten, zu gewinnen. An dem Konzept, fünf Euro Eintritt zu nehmen, wollen wir aber nicht rütteln.

Apropos Finanzen: Es hieß, das Forum stünde finanziell auf des Messers Schneide.
Charlier: Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es gibt keine Personalkosten, und ich wüsste nicht, wieso die übrigen Ausgaben so hoch sein sollten. Aber ich muss mir die Zahlen erst noch intensiv ansehen.

Sie sitzen an der Quelle von Förderungen. Kann die Stiftung davon profitieren?
Charlier: Bei Geld hört die Freundschaft auf. Das Land hat die Einrichtung des Museums gefördert, das ist rum und abgerechnet. Das Land wird daher in keine weitere Förderung einsteigen. Aber natürlich werde ich meine Ohren immer offenhalten.

Info: Im Willy-Brandt-Forum in Unkel ist eine neue Ausstellung zu sehen: "Gerd Schulthess - Pressefotos aus der Begleitung von Willy Brandt". Schulthess begleitete als Fotograf die politische Arbeit von Willy Brandt. Das Forum zeigt bislang unveröffentlichte Fotos. Gerd Schulthess starb im Mai 2013 unerwartet.

Willy-Brandt-Forum, Willy-Brandt-Platz 5, 02224/7799303; Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr, sonntags und feiertags von 11 bis 17 Uhr.

Zur Person

Christoph Charlier wurde am 19. Dezember 1953 in Langerwehe (NRW) geboren. Noch vor seiner Einschulung zog die Familie nach Erpel. Heute pendelt Charlier zwischen seiner Heimat Bruchhausen und seiner beruflichen Wirkungsstätte in Mainz. Trotz seines katholischen Elternhauses trat er 1976 der SPD bei. 1994 wurde er Sprecher von Kurt Beck im Landtag und wechselte später mit ihm in die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz. Heute ist er in der Abteilung Regierungsarbeit tätig. Charlier übernimmt nun die Nachfolge von Klaus-Henning Rosen als Vorsitzender der Stiftung Willy-Brandt-Forum.