Bundesinstitut für Arzneimittel

Cannabis mit Lizenz und auf Rezept¶

In anderen Ländern, zum Beispiel Israel, ist der Anbau von Hanfpflanzen zu medizinischen Zwecken bereits erlaubt. (Archivfoto)

In anderen Ländern, zum Beispiel Israel, ist der Anbau von Hanfpflanzen zu medizinischen Zwecken bereits erlaubt. (Archivfoto)

BERLIN. Holger Möhle

Erst der Bundestag, dann der Bundesrat, und jetzt ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn an der Reihe. Wenn der Bundespräsident das „Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ wie erwartet bald unterzeichnet, bekommt die Bonner Behörde endgültig eine neue Aufgabe: Sie wird den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken in Deutschland steuern und kontrollieren und hat dazu nun eine Cannabisagentur im eigenen Haus eingerichtet. Im Januar hatte bereits der Bundestag den Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, mit dem schwer kranke Patienten Cannabis auf Rezept erhalten können. Im Februar hatte der Entwurf dann auch die Länderkammer passiert.

Wie der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Karl Broich, zum Start der Cannabisagentur am Freitag in Berlin sagte, sollen schwer kranke Patienten, für die es keine andere Therapiemöglichkeit gibt, unter Aufsicht der Cannabisagentur beim BfArM in Bonn mit Cannabis in pharmazeutischer Qualität versorgt werden. „Der Eigenanbau hilft hier überhaupt nicht weiter“, betonte der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Lutz Stroppe. „Es geht hier tatsächlich nicht um Kiffen oder um Joints auf Rezept.“ Zudem sollen beim BfArM fünf Jahre lang auch von Ärzten übermittelte anonymisierte Daten zur Diagnose, Krankheits- oder Therapiedauer und über Nebenwirkungen einer Cannabis-Therapie erhoben werden.

Die Cannabisagentur wird in einer europaweiten Ausschreibung Lizenzen für einen geregelten Anbau des Rauschmittels in Deutschland vergeben. Ab 2019 soll Cannabis für den Einsatz in der Medizin erstmals in Deutschland geerntet werden. Bis dahin soll der Wirkstoff aus dem Ausland, beispielsweise aus Holland, importiert werden. In fünf bis zehn Jahren sollen in Deutschland dann auch fertig zugelassene Arzneimittel mit Cannabis-Wirkstoffen auf dem Markt sein. „Insgesamt ist dies ein großer Schritt für Menschen, die schwer krank sind“, so Broich.

Wer bekommt Cannabis auf Rezept? Nach den Worten von Gesundheits-Staatssekretär Stroppe können damit unter anderem bei Patienten, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind, bei Krebspatienten, in der Schmerztherapie oder bei chronischen Erkrankungen Schmerzen gelindert werden. Anders als bisher, wo Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung medizinisches Cannabis in aller Regel selbst bezahlen müssen, übernehmen künftig die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten, wenn der Arzt eine solche Therapie verordnet. Bisher hatten in Deutschland etwa 1000 Patientinnen und Patienten eine Ausnahmeerlaubnis für den Kauf von Cannabis zu medizinischen Zwecken. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf von einem Gramm pro Patient bräuchte Deutschland zur medizinischen Versorgung aus eigenem Anbau derzeit jährlich etwa 365 Kilogramm des Rauschmittels. Das Bundesinstitut rät für den Einsatz von Cannabis in der Medizin vom Rauchen ab, sondern empfiehlt Tropfen oder Cannabisöle.

Die Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird selbst kein Cannabis anbauen oder lagern, sondern die Aufträge an lizenzierte Cannabis-Anbauer vergeben und die Ernte dann aufkaufen. Das BfArM tritt damit arzneimittelrechtlich als „Pharmazeutischer Unternehmer“ auf. Das Cannabis soll dann an Arzneihersteller, Großhändler oder Apotheken weiter verkauft werden. Die Bezirksregierung Köln ist die dann zuständige Kontrollbehörde. Beim BfArM wollte man aktuell keine Zahlen nennen, wie viele Patienten künftig mit Cannabis auf Rezept behandelt werden könnten. „Jede Zahl, die Sie hören, ist absolute Spekulation“, so der Leiter der Bundesopiumstelle beim Bundesinstitut, Peter Cremer-Schaeffer. Auch über die Menge der Pflanzen, die in Deutschland künftig geerntet werden müssen, gibt es allenfalls grobe Schätzungen: mehr als 10 000 nach derzeitigem Stand.