Willy-Brand-Forum in Unkel

Bruchhausener Lesetheater gastierte mit "Zeit der Schuldlosen"

Das Bruchhausener Lesetheater präsentiert im Willy-Brandt-Forum das Schauspiel "Zeit der Schuldlosen" von Siegfried Lenz. FOTO: HOMANN

Das Bruchhausener Lesetheater präsentiert im Willy-Brandt-Forum das Schauspiel "Zeit der Schuldlosen" von Siegfried Lenz.

UNKEL. Schuld. Ein Begriff, der im Kontext der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit bedeutungsschwangerer nicht sein könnte. Die Frage nach Schuld und Schuldlosigkeit ist es auch, die Willy Brandt und den 2014 verstorbenen Schriftsteller Siegfried Lenz verbindet.

Lenz, der ein Unterstützer der Brandt'schen Ostpolitik war, hatte Brandt zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages 1970 nach Warschau begleitet.

Im Willy-Brandt-Forum in Unkel, dessen Förderer Lenz war, standen jetzt diese zwei Persönlichkeiten und ihre Schnittstellen im Mittelpunkt: der Politiker Brandt und der Schriftsteller Lenz, einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur.

Das Literaturtheater Bruchhausen war der Einladung des Forums nach Unkel gefolgt - mit im Gepäck: das Lenz-Schauspiel "Zeit der Schuldlosen". Unter der Leitung von Marianne Troll kommen Jung und Alt im Bruchhausener Lesetheater zusammen, um sich gemeinsam in Geschichten zu verlieren und diese laut zu lesen.

Das Brandt-Forum war nun eine der Stationen des Lesetheaters auf seiner Tournee. Der Initiatorin Troll waren einige altgediente Ensemblemitglieder der Lesegruppe nach Unkel gefolgt. Hinzu kamen neue Gesichter aus Unkel und Umgebung.

Troll: "Ich freue mich, hier an diesem ganz besonderen Ort zu sein." Das Lesetheater "als kultureller Leuchtturm der Verbandsgemeinde", so Troll, hatte "Freunde der lebendigen Literatur" nun an neuer Stelle zusammengebracht.

Troll verteilte Text und Rollen und umfasste für die Anwesenden kurz die Handlung: In einem diktatorisch geführten Land soll ein Attentäter die Namen von im Untergrund tätigen Widerstandskämpfern preisgeben. Neun unschuldige Bürger werden mit ihm in eine Gefängniszelle gesteckt. Sie sollen ihm die Namen seiner Mittäter entlocken - nur dann kommen sie frei.

Die stets als die "Schuldlosen" betitelten Figuren haben keine Namen, bloß Berufsbezeichnungen. Arzt, Lastwagenfahrer, Bankmann und Bauer, gemeinsam stellen sie den Querschnitt der Gesellschaft dar. Sie können dem Gefangenen, Sason, weder die Namen seiner Mittäter entlocken, noch gibt er seine Ideologie von Freiheit auf.

Inmitten von Druck und Frustration - der unschuldige Bauer muss seine Ziege melken, der unschuldige Lastwagenfahrer seine Fracht abliefern - entlädt sich die Spannung, indem einer von ihnen Sason in der Nacht erwürgt.

Die neun "Schuldlosen", von denen einer des Mordes schuldig ist, kommen frei - aber nur vorerst. Vor einer neuen Staatsregierung müssen sie sich nun als neun Verdächtige verteidigen. Wer hat gemordet?

Die Grenzen verschwimmen. Wo beginnt Schuld, wo hört sie auf? Lenz sagte hierzu: "In einer Zeit der Gewalt kann seine Unschuld nur bewahren, wer bereit ist, einen Teil von Schuld auf sich zu nehmen". Der Bogen zu Willy Brandt und der Aufarbeitung der NS-Dikatur ist gespannt. Zur politischen Ebene kommt die literarische Ergründung des Themas Schuld hinzu.

Von Schuld freisprechen kann sich in Lenz' Werk keiner der Beteiligten. Willy Brandt und Siegfried Lenz jedoch können sich davon freisprechen, das Thema Schuld übergangen zu haben. Sie beide haben es auf jeweils ihre Weise zum Thema ihrer Arbeit gemacht. Die Veranstaltung gab ihnen beiden erneut eine Stimme. Durch den Zauber des Lesetheaters sogar mehrere.