Serie: Bezwing´ den GA

Ballwechsel auf Rädern

23.05.2013 WINDHAGEN. Die Kritik war vermutlich gar nicht so böse gemeint, wie sie sich vor mehr als zehn Jahren in mein Gedächtnis brannte. "Du hast ein Weltklasse-Händchen, aber Kreisklasse-Beine!", urteilte einer, der es wissen muss: Niki Pilic. Kann ein Trainer irren, der mit Deutschland drei Mal Tennis-Weltmeister wurde? Niemals.

Ein Junge, der davon träumt, irgendwann mit diesem Sport sein Geld zu verdienen, will diese Wahrheit nicht hören. Der Satz hat mich monatelang nicht losgelassen.

Zwölf Jahre später, es ist Samstag, habe ich andere Sorgen. Ich benötige meine Beine nicht. Ich sitze in einem Rollstuhl, an den Füßen fixiert, rolle zu einer Vorhand, strecke mich vergeblich und stelle fest: Ich habe auch Kreisklasse-Oberarme.

Aber erzählen wir die Geschichte von vorne: Der Verein Rollitennis aus Windhagen hat uns zu einem Duell in unserer Serie "Bezwing den GA" herausgefordert. Ein Verein, der sich im September 2010 gegründet hat und der in seiner Form bundesweit einmalig ist. "Es gibt viele Tennisvereine mit einer Rollstuhl-Untergruppierung", sagt der Gründer und 1. Vorsitzende Jürgen Kugler, "aber keinen, der nur Rollitennis anbietet".

In vielen Sportarten ist der Rollstuhl längst etabliert: im Basketball, in der Leichtathletik. Tennis hinke noch ein wenig hinterher, sagt Kugler. Er selbst will das ändern: Er fährt zu Vereinen, stellt Rollstuhltennis vor, spricht gehbehinderte Menschen an - "wenn ich mich unter der Woche im Job ärgere, ist das samstags vergessen".

Dann kommen bis zu 16 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in die Tennishalle im Sportpark Windhagen - niemand ist hier aus der Gegend. Die weiteste Anreise hat Frederik Rekers, 15 Jahre jung, aus Bocholt. 160 Kilometer hin, 160 Kilometer zurück. Für zwei Stunden Tennis. Seit der Geburt sitzt Frederik im Rollstuhl, er ist querschnittsgelähmt. Die Diagnose: "Spinabifida", offener Rücken. Seit drei Jahren spielt er Rollitennis. "Ich freu mich schon montags auf das Training am Samstag", sagt er.

Andere kommen aus Dülmen, Ibbenbüren oder wie die elfjährige Sophie von der Neyen aus Hückeswagen. Neulich musste sie zwei schwere Hüft-Operationen über sich ergehen lassen, lag wochenlang im Gipsbett, doch heute rast sie wieder der gelben Filzkugel hinterher.

Es ist eben wieder Samstag. Samstag, das ist nicht nur Training. Das ist den Kopf freikriegen, unter Gleichgesinnten sein, sich verausgaben, sich verbessern und sich über gute Ballwechsel freuen. Die Millisekunde genießen, in der der Ball den Schläger verlässt - und Sophie weiß: Ja, er geht ins Feld.

Mein Gegner ist heute aber Frederik. Er strahlt. Seine Augen blitzen, als wolle er sagen: Dir zeig' ich es. Wir sitzen beide in einem italienischen Rollstuhl-Modell, jeweils etwa 3000 Euro wert.

Frederik ist - anders als ich - ein Bewegungsass, der wendig ist und auf der Geraden gut beschleunigt. Ich hingegen bin entwaffnet: Meine Einseinundneunzig kann ich nicht wie gewohnt in den Aufschlag legen. Das Netz ist plötzlich in Augenhöhe. Ein Satz bis 10 Punkte - mehr würde ich nicht schaffen. Schon nach den ersten Ballwechseln brennen meine Schulterblätter, der Trizeps vibriert. Jedoch: Erreiche ich erst einmal den Ball, helfen mir 23 Jahre Erfahrung, diesen auch zielgenau zu platzieren. Zu genau für Frederik.

10:8 - knapper hätte das Spiel kaum enden können. Ich habe knapp die Nase vorn. Doch Frederik ist ein Sportsmann. Als die Niederlage besiegelt ist, strahlt Frederik noch immer. Als ihm Jürgen Kugler dann noch am Rande des Courts erzählt, dass er im September bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf starten darf, ist die Freude sichtbar. Eine ansteckende Freude. Wen interessieren da noch Kreisklasse-Beine?

Info: Über weitere Tenniscracks oder Förderer freut sich Vorsitzender Jürgen Kugler (02645/973903) immer. Das Training findet jeden Samstag von 13 bis 15 Uhr statt. Weitere Informationen gibt es unter www.rollitennis.de.

Fordern Sie uns heraus!

Sie möchten gegen uns antreten? Dann schreiben Sie uns: Wir kommen vorbei, stellen Sie und Ihren Verein, Ihre Gruppe oder Institution vor und treten gegen Sie in Ihrem Fachbereich an. Wir machen alles: Sportliches, Handwerkliches, Intellektuelles, Kulinarisches - vom Boule-Klub bis zur Straßenmeisterei, mit der wir die Löcher im Asphalt stopfen, ist alles denkbar.

Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf und schreiben Sie uns Ihren Vorschlag per Post (General-Anzeiger, Hauptstraße 38 d, 53604 Bad Honnef) oder per E-Mail (siebengebirge@ga-bonn.de). Sie können uns auch telefonisch herausfordern unter Rufnummer 02224/9020822. (Dennis Betzholz)