Grabungstechniker:: Schon in römischer Zeit war Sinzig ein kleines Ballungszentrum | GA-Bonn

Grabungstechniker:

Schon in römischer Zeit war Sinzig ein kleines Ballungszentrum

Sinzig.  "Sentiacum und Umfeld mit Ziegelei und Terra Sigillata-Herstellung waren in römischer Zeit schon ein kleines Ballungszentrum". Allein dieser Satz von Rudolf Eggers machte beim "Turmgespräch im Schloss" bewusst, dass Sinzig viel älter ist, als es die 1250-Jahr-Feier zur urkundlichen Ersterwähnung vermuten lässt.
Günther Schell (links) und Rudolf Eggers. Foto: Martin Gausmann

Eingeladen vom Verein zur Förderung der Denkmalpflege und des Heimatmuseums Sinzig, sprach der Grabungstechniker der Landesarchäologie Koblenz über die 2011 in der Zehnthofstraße bei laufendem Straßenausbau und Kanalarbeiten erfolgten Ausgrabungen.

"Die Stadt Sinzig hat sich unter der Prämisse, dass es Zeitverzögerung gibt, an uns gewandt", lobte er. Vielleicht auch, weil Zehnthofbewohner und Denkmalverein vorsorglich Hinweise gaben, so eine Publikumsstimme. Bereits in den 1960ern belegten Straßenarbeiten ein Hypokaustum (Warmluftheizung). Damals blieben die Archäologen außen vor.

2011 aber konnten sie dank "einer Handvoll Fundkeramik", Gebrauchskeramik und Terra Sigillata, das römische Gebäude auf 275 nach Christus und jünger datieren. Darunter liegt laut Eggers "Älteres, das bestimmt bis nach 100 geht". Zudem stellten sie fest: "Wir haben nur ein kleines Karree angegraben. Zehnthofseitig geht die Villa nicht weiter, der Rest ist unter dem Pfarrhaus und Kindergarten zu erwarten". Erschwert wurde die Untersuchung durch "Kabelwust, Wasserleitungen und eine Gasleitung" innerhalb der Grabungsstelle, wie die über 50 sehr interessierten Zuhörer am Foto-Puzzle erkannten.

Die Einzelbilder entstanden bei zeitversetzten Teilgrabungen, denn Ausgräber und Bagger tauschten im Gelände fortwährend ihre Position, was die Arbeit der Koblenzer ebenfalls behinderte. Im Erdreich stießen sie auf die ungewöhnliche Anzahl fünf übereinanderliegender Estriche.

Gab es unter vieren jeweils einen heizbaren Hohlraum, lag der fünfte ohne Hohlraum direkt auf dem vierten. Die Vermutung: "In spätrömischer Zeit hat man manchmal noch was ausgebaut, hat aber die Heizung nicht mehr beherrscht." Eggers rechnet eine Estrichschicht pro Generation, nimmt also "100 Jahre Bestand mindestens" an.

Die Ziegel der Hypokaustpfeiler könnten von der Ziegelei, welche die Fünfte Römische Legion am Rhein betrieb, stammen. Eggers sieht sogar einen noch stärkeren Zusammenhang zwischen Villa und der später Terra Sigillata produzierenden Stätte. Er vermutet als Villenbesitzer einen Händler: "Vielleicht saß da der, der am meisten daran verdient hat".

Ergänzend referierte der Vereinsvorsitzende Günther Schell über römisches Siedlungsverhalten im Wetteraukreis. Obwohl oder gerade weil viele Fragen offen blieben, verfolgten die Zuhörer den Abend mit Spannung und spendeten reichen Applaus. gih

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