Ahrweiler Laurentiuskirche: Zu Besuch bei Maria und Josef | GA-Bonn

Ahrweiler Laurentiuskirche

Zu Besuch bei Maria und Josef

AHRWEILER.  87 Stufen Wendeltreppe inklusive Drehwurm, 30 Meter über schmale Stege und noch mal zwei Leitern zu je 20 Stufen: Wer in den Glockenstuhl der mit mehr als 700 Jahren ältesten gotischen Hallenkirche des Rheinlands will, der muss schon Kondition haben. Sankt Laurentius in Ahrweiler hat es in sich.
Werner Bergmann dingelt die Josefs-Glocke im Turm von Sankt Laurentius Ahrweiler.
								Foto: Gausmann
Werner Bergmann dingelt die Josefs-Glocke im Turm von Sankt Laurentius Ahrweiler. Foto: Gausmann

Werner Bergmann ist mit 66 Jahren fit wie ein Turnschuh und kennt sich zwischen Glocken und Gebälk des mit Hahn 64 Meter hohen Kirchturmes aus wie kaum ein anderer. Kirchendach und der Turm sind Sperrgebiet für die Normalsterblichen.

Es sei denn, sie gehören Bergmanns Dingeltruppe an. Die gibt es seit 1988 und besteht aus neun gestandenen Männern, für die Höhenangst ein Fremdwort ist. Und: Notenlesen müssen sie können. Denn sie haben ein seltenes Hobby: Musik machen mit Kirchenglocken - also Dingeln. Und dafür besuchen sie nicht nur an Weihnachten Maria und Josef. Wobei Josef mit 1100 Kilo ziemlich schwergewichtig ist.

Das muss man als älteste Glocke von Sankt Laurentius wohl auch sein. Josef wurde zusammen mit Maria (850 Kilo) und Laurentius (1400 Kilo) im Jahr 1695 vom Trierer Erzbischof und Kurfürst Joseph Johannes Hugo von Orsbeck geweiht. Gleich nebenan hängt der kleine Laurentius von 1731, daneben die Sankt Severin und Johannes genannte Glocke von 1751. Wer jetzt meint, das wären Glocken genug, der kennt die Ahrweiler schlecht.

Seit 2003 ergänzen Sebastianus (2000 Kilo), Cäcilia (510 Kilo) und die Selige Blandine Merten und Seliger Peter Friedhofen das Geläut. Sie sind Stiftungen der Ahrweiler Bürgerschützen, des Kirchenchores und einer nicht genannt werden wollenden Familie. Instrumente also genug, für die Dingeler zwischen 30 und 70 Jahren. Und wie geht's? Werner Bergmann macht es vor. Riemen, Stahlseile und Spanngurte werden vom Klöppel in den Außenraum gezogen in dem Klaustrophobie nicht aufkommen darf. Hat jeder seine Glocke bemannt, geht's schön nacheinander nach Noten und schon blicken die Passanten auf dem Marktplatz verblüfft nach oben.

Denn aus 40 Metern Höhe schallt es über die Altstadt "Stille Nacht". Wobei Stille etwas anderes ist und der Ohrschutz im Turm nur fürs Foto ausgezogen wird.

Für das komplette Lied reicht die "Klaviatur" nicht aus, aber anspielen, das funktioniert prima. Auch bei "Es ist ein Ros' entsprungen", "Ihr Hirten erwacht", "Ihr Kinderlein kommet", der Walporzheimer Dingelmelodie, dem "Salve Regina" oder dem "Te deum". Apropos Noten: Die liegen in einem alten Lederkoffer hoch im Turm, direkt unter dem alten Wandschrank mit dem "Fledermaus-Futter". Letzteres ist Ahrburgunder, denn ein "bisschen geölt werden" müssen die Glocken schon.

"Das Dingeln geht vor allem an Fronleichnam in die Arme", sagt Bergmann, denn dann sei während der zweistündigen Prozession Dauerdingeln angesagt. Da lösen sich dann Werner Bergmann, Sohn Andreas, Werner Knieps, Franz-Josef Küpper, Peter Ropertz, Andreas Schmitt, Oliver Knieps, Hermann Adams und Hermann Striebel schon mal ab.

"Dafür muss man geboren sein", findet Bergmann senior und nennt, auch nach der letzten Leiterstufe nicht außer Puste geraten, befreundete Dingelgruppen: Dernau, Bachem, Rheinbrohl, Lantershofen und am Niederrhein.

Mit denen hat er im nächsten Jahr zwischen Ostern und Fronleichnam etwas Besonderes vor. Ein Dingelfestival an einem Samstag zum Silberjubiläum der Ahrweiler Truppe.

Was eigentlich keins ist: Denn das Dingeln im Ahrweiler Kirchturm wurde schon vor 400 Jahren schriftlich erwähnt. Und fast wäre ein Glöckchen vergessen worden, nur weil es nicht mitdingelt: Ave Maria hängt seit 1694 im Dachreiter der Kirche und läutet fünf Minuten vor jedem Gottesdienst Sturm, denn es könnte ja jemanden geben, der die Messe vergessen hat.

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