Aggressionen, Pöbeleien und Gewalt

Wie der Rhein-Sieg-Kreis Rettungskräfte gegen Angriffe schult

Rhein-Sieg-Kreis. Wenn Helfer Hilfe brauchen: Immer häufiger werden Rettungskräfte Opfer von Angriffen. Der Rhein-Sieg-Kreis schult Rettungsfachpersonal gegen Aggressionen, Pöbeleien und Gewalt.

Es ist eine unbegreifliche Tat. Ein Mensch wird zur Rettung eines anderen Menschen gerufen – und wird Opfer von Gewalt. So geschehen am Rosenmontag in Swisttal-Heimerzheim. Kurz vor 22.30 Uhr wird ein 23 Jahre alter Sanitäter zu einem Einsatz auf die After-Zoch-Party in der Georg-von-Boeselager-Schule gerufen. Ein Partyteilnehmer muss medizinisch versorgt werden. Auf dem Weg mit dem Patienten zum Rettungswagen wird der Sanitäter plötzlich von mehreren Unbekannten angegriffen. Nach Angaben der Polizei versuchen sie, eine brennende Zigarette auf dem Kopf des Helfers zu zerdrücken, anschließend sollen sie ihn geschubst und geschlagen haben. Als der 23-Jährige auf den Boden stürzt, treten die Täter, die mit dem Rettungseinsatz nichts zu tun haben und nicht kostümiert sind, auf ihn ein. Bei dem Angriff wird der Sanitäter schwer verletzt. Bis heute sucht die Polizei nach den Angreifern.

Der Vorfall in Heimerzheim war nach Angaben des Rhein-Sieg-Kreises das erste Mal, dass eine Rettungsfachkraft im Kreis körperlich angegriffen wurde. Mit Pöbeleien, Beschimpfungen und Bedrohungen waren laut Christian Diepenseifen, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Rhein-Sieg-Kreis, die meisten der haupt- und ehrenamtlichen Rettungskräfte aber bereits konfrontiert. Der Vorfall in Heimerzheim gehe allerdings „weit über das hinaus, was wir üblicherweise erleben“, sagt Diepenseifen im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

Dennoch sei der Kreis auf solche Situationen vorbereitet. Laut Diepenseifen besteht das Angebot der Nachbetreuung. Ganz allgemein werde einem Betroffenen und dem Arbeitgeber professionelle Hilfe angeboten, die sogenannte psychosoziale Unterstützung. „Wir drängen uns aber nicht auf“, betont er.

Deeskalationsmaßnahmen

Gewalt gegen Rettungskräfte sei „kein Thema, das vom Himmel gefallen ist“. Mit Blick auf die „Momentaufnahme“ aus Swisttal meint er aber auch: „Wir haben ein Problem.“ Diesem will der Kreis mit einer Präventionsmaßnahme begegnen. Laut Diepenseifen sollen alle im Kreis tätigen Rettungsfachkräfte in Deeskalationsmaßnahmen geschult werden. Davon betroffen sind rund 550 Mitarbeiter. „Die Gesamtzahl besteht ganz überwiegend aus hauptamtlichem Personal in Vollzeit, der viel kleinere Anteil in Teilzeit oder in nebenamtlicher Tätigkeit“, so Diepenseifen. Das klassisch ehrenamtliche Personal sei beispielsweise bei der sanitätsdienstlichen Absicherung von Karnevalszügen oder anderen Veranstaltungen im Einsatz, erläutert er.

Ziel der Pflichtfortbildung für die Vollzeitkräfte sei es, die Sinne zu schärfen und eine „geschickte Kommunikation“ zu entwickeln, um brenzlige Situationen zu entschärfen. Diepenseifen nennt Beispiele: Der typische Fall sei der alkoholisierte junge Mann, der vermutlich gar nicht vorhabe, jemanden zu schädigen. Ebenso kritisch könnten sich Lagen entwickeln, wenn Patienten akut Angst um ihr Leben hätten. Solche Menschen, oder auch ihre Angehörigen, reagierten nicht immer „adäquat“ auf die Einsatzkräfte, so Diepenseifen. Er selbst arbeitet seit 20 Jahren im Rettungsdienst. Ohne das mit Zahlen belegen zu können, glaubt er, dass Pöbeleien gegenüber den Rettungsfachkräften häufiger geworden seien. Rettungsdienstler seien aber auch ein Stück weit abgestumpft.

Gewalt gegenüber den Einsatzkräften

Das Gespräch mit Diepenseifen findet in dessen Büro im Siegburger Kreishaus statt. Mit am Tisch sitzt Kreisbrandmeister Dirk Engstenberg, der oberste Feuerwehrmann zwischen Rheinbach und Windeck. Bei der Feuerwehr gebe es keine Erkenntnisse über eine Zunahme von Aggression oder gar Gewalt gegenüber den Einsatzkräften, sagt er. Er stehe aber auch in dieser Angelegenheit im ständigen Austausch mit den Leitern der 19 ehrenamtlich arbeiteten Feuerwehren im Kreis.

Engstenberg verweist zudem auf eine entsprechende Umfrage auf Landesebene. „Wir warten auf die Ergebnisse und ziehen dann Schlüsse“, sagt er. Präventionsmaßnahmen wie für den Rettungsdienst gebe es für die Feuerwehr aktuell nicht. Eine sinkende Wertschätzung der Feuerwehr kann Engstenberg nicht ausmachen. Ganz im Gegenteil. Bei jeder Erhebung zeige sich, dass die Feuerwehr – hauptberuflich oder ehrenamtlich – ein hohes Ansehen genieße, sagt er.

Eine Zunahme von Aggression gegenüber Rettungs- und Einsatzkräften könne vielleicht auf eine allgemeine Veränderung der Gesellschaft zurückgehen, spekuliert der Kreisbrandmeister. „Ein gesellschaftliches Phänomen trifft uns genau so wie alle, die Kontakt mit Menschen haben“, so Engstenberg.

„Das Problem ist nicht die Veränderung der Gesellschaft, sondern das Patientenklientel“, meint Diepenseifen. Rettungsfachkräfte sind seiner Ansicht nach deutlich häufiger betroffen als Feuerwehrleute, weil sie in der konkreten Einsatzsituation verwundbarer seien. Mit Blick auf die Zukunft müsse man sich noch weitere Gedanken machen, wie man das Personal schützen könne, so der Ärztliche Leiter.

Es gebe bereits Regionen, in denen Retter mit stichsicheren Westen ausgestattet werden, erläutert er. Aus seiner Sicht habe das aber keinen Sinn. Wie auch Selbstverteidigungskurse führe das zu einer Scheinsicherheit: „Bei allen Maßnahmen muss man aufpassen, nicht eine Grenze zu überschreiten“, findet er – und betont: „Der Rettungsdienst ist da, um den Menschen zu helfen.“