Die Lindenstraße

Wenn der Alltag zum Skandal wird

KÖLN/BONN. Die WDR-Vorabendserie "Lindenstraße" steuert auf ihre 1500. Folge zu. Mindestens bis 2016 wird sie weiterlaufen.

Sie läuft und läuft. Die Lindenstraße. Am 28. September wird die 1500. Folge der WDR-Serie ausgestrahlt. Wie immer seit 29 Jahren am Sonntag, wie immer um 18.50 Uhr. Bis 2016 wird das auch noch so bleiben.

Während andere öffentlich-rechtliche TV-Serien nach und nach verschwinden - zuletzt wurde das Aus für die ARD-Vorabendserie "Verbotene Liebe" im Jahr 2015 verkündet - bleibt die Lindenstraße uns erhalten. Warum eigentlich? Weil sie es einfach kann, könnte eine saloppe Antwort lauten.

Die Veränderung der TV-Landschaft mit ihrer heutigen Sendervielfalt spiegelt sich aber auch in den Zuschauerzahlen der Lindenstraße wider: Sahen in den 80er Jahren etwa zwölf Millionen Menschen zu, schalten jetzt nach Angaben des WDR im Schnitt noch 2,7 Millionen Zuschauer die Serie ein. Hinzu kommen Abrufe über Mediatheken, Internet-Livestream und die "Lindenstraße"-App.

Das Phänomen ist also komplexer. Es ist die Mischung aus Skandalen und Alltäglichem, die die Lindenstraße zum Dauerbrenner macht. Immer wieder geht ein Raunen durch die Medienlandschaft, dessen Verursacher Lindenstraße heißt. So zeigte die eigentlich recht spießig anmutende Vorabendserie als erste deutsche Serie einen Kuss zwischen zwei Männern plus Jahre später die erste Schwulenhochzeit im deutschen Fernsehen.

Und sie thematisierte als erste TV-Serie Aids. Jüngster Serien-Skandal: die Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau. Opfer war Klausi Beimer (Moritz A. Sachs) im Mai 2014. "Das hat vor allem im Internet zu blöden, teilweise auch erschreckenden Sprüchen geführt. Diese Häme ist für die von solcher Gewalt Betroffenen schon ziemlich bitter", erzählte Sachs später in einem Interview. Aber so werden eben auch gesellschaftliche Diskussionen angestoßen.

Und nebenbei zeigen die Macher den deutschen Alltag: Hans und Helga mit ihren drei Kindern Marion, Benny und Klausi. So begann die erste Folge am 8. Dezember 1985. Heute ist von der Idylle nichts mehr übrig: Hans und Helga sind getrennt, Benny ist tot, Marion weggezogen und Klaus ein geschiedener Sozialhilfeempfänger.

Zwölf Schauspieler aus dem ersten Jahr gehören heute noch zum Team, darunter neben Ludwig Haas, Marie-Luise Marjan und Sybille Waury auch Joachim Hermann Luger, Georg Uecker und Andrea Spatzek. "Wenn wir Ollen mal weg sind, dann hoffe ich, dass es gelingt, neue Zentralfiguren zu schaffen", sagt der 81-jährige Haas. Damit stehe und falle der Erfolg der Serie. "Sonst besteht die Gefahr, dass das Ganze zu beliebig wird."

Promis gab es aber schon. Larry Hagman (2006), Dieter Hallervorden (2013) und Til Schweiger (1990-1992). Hagman buchte bei Mutti Beimer eine Reise, die natürlich nach Dallas gehen sollte. Hallervorden mimte bei seinem Gastauftritt einfach sich selbst. Schweiger begann als Joshua "Jo" Zenker in der Lindenstraße seine Karriere.

Das Ende der Serienfigur ist ziemlich nah an der Realität: Zenker geht in die USA für eine Hollywood-Karriere. Zwischendurch rief Zenker noch mal "zu Hause" an. "Im Off lebt die Figur also noch", stellt Serien-Sprecher Wolfram Lotze klar. "Und Til darf gerne noch mal wieder kommen."

Aber auch hinter den Kulissen gab es einige Skandälchen. So reagierte etwa der CSU-Politiker Peter Gauweiler 1990 mit einer Strafanzeige, als in der Serie der Satz "Gauweiler und Co - das sind doch alles Faschisten!" fiel. Hintergrund der Aussage von Serienfigur Chris Barnsteg: Gauweiler hatte gefordert, das Bundesseuchengesetz auf Aids-Kranke anzuwenden. Die Kölner Staatsanwaltschaft erhob 1990 Anklage gegen die Serie wegen Beleidigung. Ohne Erfolg. Die Richter urteilten: Die "Lindenstraße" steht als künstlerisches Produkt unter besonderem Schutz.

Für Skandale sorgte auch Willi Herren. Er tauchte insgesamt zwei Mal wieder auf. Eigentlich möchte er aber lieber ein Schlager-Sternchen sein. Dafür ist ihm fast jede Publicity recht. Als Ex-Lindenstraßen-Darsteller tingelte er durch das Trash-TV-Programm à la "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" (2004), "RTL Promi-Boxen" (2004) und "Mieten, kaufen, wohnen" (2010).

Nur Liz Baffoe ("Mary", 1995 - 1997) gibt sich redlich Mühe, Herren die Trash-Krone mit Auftritten bei "Dancing on Ice" (2006), "Das perfekte Promi-Dinner" (2013) und aktuell als Teilnehmerin bei "Promi-Big-Brother" abzujagen.

Zahlen, Daten, Fakten

In beinahe 30 Jahren Sendezeit kommt einiges zusammen: Hauptrollen genauso wie Scheinwerfer.

  • Pro Drehtag entstehen sieben bis acht Minuten sendefähiges Material.
     
  • Seit dem Start der Serie gab es etwa 250 Hauptrollen mit Exklusivvertrag.
     
  • Mehr als 71.000 Drehbuchseiten füllen die bislang abgedrehten 1500 Folgen.
     
  • Etwa 24.000 Komparsen speisten bislang im "Akropolis", ließen sich in der Arztpraxis behandeln oder spazierten über die Lindenstraße.
     
  • 31 Mal gaben sich "Lindensträßler" das Ja-Wort.
     
  • Über 8800 Drehtage wurden bis zum August 2014 absolviert.
     
  • 150 Meter lang ist die "Lindenstraße"-Außenkulisse. 124 Fenster und 14 Außentüren befinden sich in den "Lindenstraße"-Häusern.
     
  • Mehr als 900 fest installierte Scheinwerfer leuchten die Sets aus.
     
  • Im Lauf der Jahre wurden mehr als 8500 Quadratmeter PVC-Boden in den Studio-Sets verlegt bzw. ausgetauscht.
     
  • Rund 580 Rollen Tapete und 120 Bilder verzieren die Studiowände.
     
  • Mehr als 19.000 Essen wurden im "Akropolis" serviert.
     
  • Mehr als 100.000 Requisiten stehen für die Dreharbeiten ständig zur Verfügung.