GA-Serie: Köln auf Schritt und Tritt

Streifzug durch die Apostelnstraße in Köln

Die Apostelnstraße mit Blick auf St. Aposteln im Sonnenuntergang.

Die Apostelnstraße mit Blick auf St. Aposteln im Sonnenuntergang.

Köln. Comedy-Stars, russische Teetrinker und Architekturstudenten: In der Apostelnstraße in Köln treffen traditionelle Einzelhändler auf bunte Entertainer.

Etwas müde wirkt der Mann, fast traurig. Mit dickem Mantel steht er da, den eingedrückten Hut in der Hand und blickt ins Leere. Konrad Adenauer, langjähriger Kölner Oberbürgermeister und erster Kanzler der Bundesrepublik, hat hier sein Denkmal bekommen, direkt an der Kirche St. Aposteln. Adenauer wuchs im Viertel auf, regelmäßig dürfte er in der nach dem Gotteshaus benannten Apostelnstraße unterwegs gewesen sein.

Nur wenige Schritte sind es vom Adenauer-Denkmal zum Gloria-Theater, ursprünglich ein Kino. 1956 wurde es mit dem Heimatfilm „Verlobung am Wolfgangsee“ eröffnet. Die nächsten Betreiber hätten den konservativen Adenauer sicher nicht erfreut: Ab den 1970ern war das Gloria ein Pornokino, bis Anfang der 1990er der Kinobetrieb eingestellt wurde.

Mitte der 1990er etablierte sich das Gloria als Treffpunkt der Kölner Schwulenszene. Die feierte so exzessiv, dass nach einer Schaumparty ein Loch als Abfluss in den Boden gebohrt werden musste, berichten die heutigen Betreiber Claudia Wedell und Michael Zscharnack. Fast 1000 Besucher fasst das Gloria bei Konzerten. Auch Comedians und Theater-Ensembles treten auf. Viele der Künstler, etwa Komikerin Hella von Sinnen oder Swing-Sänger Tom Gaebel, sind Stammgäste.

Kleine, oft inhabergeführte Geschäfte behaupten sich

Vom Neumarkt, am Eingang der City, führt die Apostelnstraße zur Ehrenstraße mit ihren szenigen Modegeschäften. Aber sie ist mehr als eine Durchgangsstraße. Kleine, oft inhabergeführte Geschäfte wie das Kölner Wäschehaus oder die Buchhandlung Roemke behaupten sich gegen die Ableger der großen Ketten, die heute viele Einkaufsmeilen beherrschen.

Im Teetempel stapelt sich in Wandregalen Geschirr bis unter die Decke. Die 57-jährige Eigentümerin Uranchimeg Wu bedient selbst. Sie stammt aus der Mongolei und gründete das Geschäft mit ihrem Mann vor 15 Jahren. Mehr als 200 Teesorten haben die beiden im Angebot – darunter auch ihre eigene Mischung „La Cucu“ aus grünem Tee und den Beeren des chinesischen Bocksdorn-Strauchs. Die trifft besonders den Geschmack ihrer russischen Kunden. „Manche kommen regelmäßig mit dem Taxi vom Flughafen Düsseldorf, um kiloweise La Cucu zu kaufen“, sagt Wu.

Doch das Einzelhandels-Biotop ist bedroht. Mehr als 100 Jahre lang war hier der Geflügelspezialist Brock ansässig, der Hirschkopf über dem Eingang wurde zu einem Wahrzeichen der Apostelnstraße. Das schmale, weiße Haus mutet flämisch an – als eines der wenigen Gebäude der Straße hat es den Zweiten Weltkrieg überlebt. Die beigen Fliesen und massiven Marmorauslagen der Metzgerei sind denkmalgeschützt und blieben, als das Ehepaar Brock im Sommer 2017 aufgab.

Direkt gegenüber steht Kerstin Aparicio jeden Tag in ihrem Laden. „Ich bin sehr traurig, dass das Ehepaar Brock nicht mehr hier ist. Wir haben uns gut verstanden und morgens oft unsere Leberwurst dort geholt“, sagt sie. Sie führt ein Fachgeschäft für Filz mit ihrem Mann Raimundo in der vierten Generation. Filz Gnoss wurde 1919 gegründet, Kunden können hier Pantoffeln, handgemachte Kaminholzkörbe oder Laptoptaschen kaufen. Verwendet werde nur Filz aus reiner Wolle. „Wie man den verarbeitet und für was man ihn verwenden sollte, dafür gibt es keine Ausbildung“, sagt Aparicio. „Das Wissen muss weitergegeben werden.“

Filz Gnoss hat Kunden aus der ganzen Welt

Die „New York Times“ erwähnte Filz Gnoss vor einigen Jahren in einer Serie über Fachgeschäfte, Kunden kommen aus der ganzen Welt. Über den Zusammenhalt in der Straße sagt Aparicio: „Wir sind eine Einheit und füreinander da. Wenn unser Nachbar vor seinem Laden saugt, saugt er unsere Matte gleich mit. Und wir machen Nachbarschaftspreise, wenn jemand Filz für sein Schaufenster braucht.“ Geschäfte auf Gegenseitigkeit: Auch das Café Törtchen Törtchen, stadtweit bekannt für seine französischen Tartelettes, gewährt anliegenden Händlern Rabatt.

Regelmäßig kommen Architekturstudenten, um einen Schriftzug an der Fassade eines Hauses aus den 1950ern zu fotografieren. In schnörkeligen Neonbuchstaben steht dort: Tanzschule Schulerecki. Berühmt ist das Tanzpaar, der Mann im Frack, der seine Partnerin mit wehendem Kleid über dem Buchstaben T herumwirbelt. In Kölns ältester Tanzschule wurde schon für die RTL-Show „Let´s Dance“ gedreht.

Die Bäckerei Balkhausen liegt am anderen Ende der Straße. Kunden stehen regelmäßig bis auf die Straße Schlange. Direkt hinter dem Verkaufsraum befindet sich die Backstube, das Brot kommt oft noch warm in die Auslage. „Wenn jemand einen Biscuitboden bestellt, kann er den zwei Stunden später abholen“, sagt Konditor Gerd Balkhausen. Bedient werden die Kunden von Verkäuferinnen, die Kittelschürze tragen. Auslage und Holzregale wurden seit den 1950ern nicht mehr verändert. Auch hier ist der ehemalige Oberbürgermeister Kölns allgegenwärtig.

Bei Balkhausen können Kunden das „Adenauer Brot“ kaufen. Es besteht aus Mais-, Gersten- und Reismehl sowie aus Schalenrückständen von Getreide. 1915 wurde es das erste Mal hergestellt, 1917 patentiert. Konrad Adenauer persönlich erfand die Rezeptur, um die Nahrungsmittelversorgung der Kölner Bevölkerung in Kriegszeiten zu sichern.