Mitflugzentrale Wingly wächst

Reisen nach dem Motto hin und weg

Einsteigen bitte: Pilot Matthias Mühmel (am Steuer) nimmt in Hangelar zwei Passagiere an Bord. ⋌FOTO: PETER HEMMELRATH

Einsteigen bitte: Pilot Matthias Mühmel (am Steuer) nimmt in Hangelar zwei Passagiere an Bord. ⋌FOTO: PETER HEMMELRATH

Rheinland. Aktivster Pilot in der Region heißt Matthias Mühmel, kommt aus Leverkusen und bietet fast jedes Wochenende Flüge von Bonn-Hangelar aus an. Wingly-Gründer Lars Klein sieht bereits den „Sommer des Mitfliegens“ am Horizont heraufziehen.

Kurz nachdem die Cessna 172 auf dem kleinen Flugplatz in Hangelar ausgerollt ist, verabschiedet sich Matthias Mühmel von seinen Fluggästen. Dem jungen Paar, das gerade von einem Rundflug über Köln zurückkommt, steht die Begeisterung darüber noch immer ins Gesicht geschrieben. Mühmel aber hat nur wenig Zeit zum Entspannen, denn in einer halben Stunde kommen bereits die nächsten Fluggäste.

2014 hat Matthias Mühmel einen schweren Motorradunfall wie durch ein Wunder überlebt. Das brachte den Feuerwehrmann aus Leverkusen dazu, darüber nachzudenken, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will. Für die Fliegerei hatte er sich schon immer interessiert, bereits als Kind war der Modellflug sein Hobby. Also beschloss der 28-Jährige, jeden Cent zusammenzukratzen, um an die 20 000 Euro für die Privatpilotenlizenz zu kommen. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt er heute. Im Januar 2016 war es endlich soweit; Mühmel bestand die Prüfung und durfte nunmehr alle Flugzeuge fliegen, die nicht mehr als einen Kolbenmotor haben.

Um die Lizenz zu behalten, muss deren Inhaber zwölf Flugstunden in den letzten zwei Jahren nachweisen. Vielen, die die Lizenz nur aus Statusgründen erworben haben, reicht das auch. Matthias Mühmel aber war das zu wenig; er wollte entsprechende Erfahrungen als Pilot sammeln. Und er hatte keine Lust, alleine durch die Gegend zu fliegen: „Ich teile das gerne.“ Also schloss er sich der Mitflugzentrale Wingly an und bietet dort an fast jedem Wochenende Strecken- und Rundflüge an.

Wingly wurde 2015 von dem gebürtigen Koblenzer Lars Klein sowie zwei Franzosen gegründet und vermittelt im Internet Flüge zwischen Piloten und Passagieren. Das Prinzip ist einfach: Der Pilot erstellt einen Flug und bietet diesen auf der Internetseite von Wingly an. Der Passagier bucht den Flug und bezahlt mit PayPal, Kreditkarte oder Lastschrift. Damit teilt er sich die Kosten mit dem Piloten. Der verdient daran nichts, er muss den gleichen Betrag zahlen wie der Fluggast. Deswegen wurde Wingly lange Zeit kritisiert, bis die jeweiligen Luftfahrtbundesämter und schließlich auch die EU-Kommission klargestellt haben, dass diese Kostenteilung legal ist und der Pilot dafür keine kommerzielle Lizenz braucht.

Das brachte Wingly neben dem Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt in der Kategorie Start-up rund 30 000 Kunden und den Status der größten Mitflugzentrale in Deutschland ein. Im Februar wurde die Allianz als neuer Partner gewonnen, die für Wingly einen neuen Versicherungsschutz entwickelt hat. Sollte etwas passieren und die Deckungssumme der bereits bestehenden Halter- und Passagier-Haftpflichtversicherung nicht ausreichen, übernähme die Allianz den Rest. Bislang jedoch wurden mehr als 2000 Flüge störungsfrei absolviert. Im Internet wurde kein einziger Flug schlechter als „gut“ bewertet. Der einzige Zwischenfall bis heute bestand darin, dass einer Frau über Köln im Flugzeug schlecht wurde.

Im Rheinland bietet Wingly Flüge ab Aachen, Bonn, Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach an. Der aktivste Pilot in der Region aber ist eindeutig Matthias Mühmel, der für die Flüge ab Köln und Bonn verantwortlich ist. Aber auch er muss eingestehen, dass Wingly ebenso wie andere Mitflugzentralen wenig geeignet ist für Fluggäste, die an einem bestimmten Tag von A nach B wollen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass für genau diesen Tag und diese Strecke ein Flug angeboten wird, ist einfach zu gering. Preislich konkurrenzfähig zu den großen Airlines ist Wingly nur auf der Strecke nach Sylt, sagt Mühmel. Einer der Gründe dafür ist, dass auf großen Flughäfen wie Düsseldorf oder Köln/Bonn hohe Landegebühren fällig werden, die den Flugpreis stark anheben.

Also weichen die Piloten auf kleinere Flugplätze aus; von Düsseldorf ins benachbarte Mönchengladbach und von Köln/Bonn nach Hangelar. Dort werden nur acht Euro Landegebühr berechnet, was den Flugpreis niedrig hält. Von dort werden Strecken-, Rund- und Tages- oder Wochenendausflüge angeboten. Etwa für 679 Euro pro Fluggast nach Venedig oder für 404 Euro an den Bodensee. Wer es günstiger möchte, kann für 96 Euro zu einem leckeren griechischen Essen nach Koblenz mitfliegen. Das Endziel des Fluges, das griechische Restaurant, befindet sich direkt am dortigen Flugplatz.

Stärker nachgefragt aber werden die Rundflüge, die es in allerlei Varianten gibt: über die Eifel, mit dem Blick von oben auf den Nürburgring, das Bergische Land oder über Mosel und Rhein. Oder der 75-minütige Rundflug für 119 Euro mit Anflügen auf die großen Flughäfen in Düsseldorf und Köln/Bonn. Allerdings ohne eine tatsächliche Landung, die viel zu teuer wäre. Stattdessen überfliegt Matthias Mühmel die Landebahnen nur in geringer Höhe.

Gelandet wird erst wieder dort, wo es kaum etwas kostet. Im Gegensatz zu den Aus- und Streckenflügen, die oftmals mit einer Piper 28 absolviert werden, kommt bei den Rundflügen die Cessna 172 „Skyhawk“ zum Einsatz. Der einmotorige Viersitzer ist der meistgebaute Flugzeugtyp der Welt und als Schulterdecker, bei dem keine Tragfläche den Blick nach unten versperrt, ideal für Rundflüge. Gestellt werden die Flugzeuge von der Flugschule, bei der Mühmel seine Ausbildung absolviert hat.

Am günstigsten und damit auch am häufigsten gebucht ist der halbstündige Rundflug über Köln für 59 Euro, Blick auf den Dom von oben inklusive. Matthias Mühmel macht diesen Flug nicht so gerne, weil er für ihn jetzt nur noch Routine ist.

Trotzdem ist es nicht der Kölner Dom, den die meisten Fluggäste von oben sehen wollen. Noch interessanter ist etwas ganz anderes: „Die meisten wollen nur ihr Haus von oben sehen“, sagt der Pilot und lacht. Aber für den Feuerwehrmann aus Leverkusen hat es sich schon jetzt gelohnt, seine Flüge bei Wingly anzubieten: Gerade mal 13 Monate nach dem Erwerb seiner Lizenz kann er bereits 144 Flugstunden aufweisen. Für einen Privatpiloten dürften so viele Stunden in so kurzer Zeit rekordverdächtig sein. Und auch Wingly ist optimistisch, wird in Kürze den zehnten Mitarbeiter einstellen und weiter wachsen. „Wir werden den Sommer des Mitfliegens erleben“, glaubt Lars Klein.