Übergriffe am Collegium Josephinum Bad Münstereifel

Missbrauchsskandal hat Verbindungen in den Rhein-Sieg-Kreis

Stellen die Forschungsergebnisse zum Collegium Josephinum vor: (v. l.) Werner Becker (Betroffener Ex-Schüler), Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, Claudia Bundschuh und Bettina Janssen, Projektleiterin.

Stellen die Forschungsergebnisse zum Collegium Josephinum vor: (v. l.) Werner Becker (Betroffener Ex-Schüler), Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, Claudia Bundschuh und Bettina Janssen, Projektleiterin.

Köln. Das Erzbistum Köln stellt seinen Abschlussbericht zu sexuellem Missbrauch und gewalttätigen Übergriffen am Collegium Josephinum Bad Münstereifel vor.

Am Collegium Josephinum, einem 1997 aus Kostengründen geschlossenen Internat des Erzbistums Köln in Bad Münstereifel, haben bis Anfang der 1980er Jahre ein Dutzend namentlich bekannte Lehrkräfte sowie ein externer Mitarbeiter in teils erheblichem Umfang körperliche Gewalt an den dortigen Schülern ausgeübt. Darunter waren auch vier Priester. Sieben ehemalige Lehrkräfte, darunter sechs Priester, nutzten ihre Machtposition für sexuelle Übergriffe an zahlreichen Jungen bis hin zum aus heutiger Sicht strafbewehrten sexuellen Missbrauch. Mindestens 60 Schüler wurden zu Opfern. Einer der Seelsorger ist noch immer im Erzbistum im Dienst.

Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt, das seit 2015 im Auftrag des Erzbistums unter Leitung der Mönchengladbacher Erziehungswissenschaftlerin Claudia Bundschuh die Vorgänge an der traditionsreichen Konviktsschule aufgearbeitet hat. In ihrem Abschlussbericht, der am Mittwoch in Köln vorgestellt wurde, spricht Bundschuh von einem „System des Machtmissbrauchs“ innerhalb der Schule, da „eine vergleichsweise hohe Zahl an Fachkräften“ ihre Macht genutzt habe „um die Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse durchzusetzen“.

Ergebnisse schockierend

„Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht schockierend“, erklärte Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Die Gewissheit, dass in Einrichtungen des Erzbistums über viele Jahre jungen Menschen schlimmes Leid zugefügt wurde, gehöre zu den schwersten Erkenntnissen in seinem bischöflichen Dienst und erfülle ihn mit großer Trauer. Was Bundschuh vor Journalisten aus den Interviews mit 64 direkt Betroffenen und weiteren Schülern sowie aus Briefen und E-Mails weiterer 34 Zeugen schilderte, ist tatsächlich höchst unappetitlich. Vor allem in den 50er bis 70er Jahren seien schwere körperliche Züchtigungen mit dem Ziel erheblicher Schmerzen im Kleinen Haus der Schule regelmäßig vorgekommen. Bundschuh berichtete von – auch frisch operierten – umgedrehten Ohren oder Stockschlägen auf den entblößten Rücken. Andere Jungen mussten bis zum Erbrechen Dinge essen, die sie nicht vertrugen.

In beiden Häusern wurden Opfer von Lehrkräften zur Masturbation an sich selbst und bei Erwachsenen gezwungen und mussten Manipulationen ihrer Geschlechtsorgane über sich ergehen lassen. Zu Vergewaltigungen sei es aber nicht gekommen. Da eine Vielzahl Betroffener aus unterschiedlichen Jahrzehnten ähnliches berichtet habe, stehe die Glaubwürdigkeit der Aussagen nicht in Zweifel, urteilte Bundschuh.

Wie groß die Zahl der Opfer tatsächlich war und wie sie im Verhältnis zur Schülerzahl stand, konnten die Wissenschaftler nicht ermitteln. Da zwei Drittel der Aussagen von Opfern stammen sollen, ist aber von mindestens 60 direkt Betroffenen auszugehen. Erst in den frühen 1980er Jahren sei die Gewaltanwendung allmählich seltener geworden und zuletzt nicht mehr aufgetreten. Angestoßen hatten das Projekt zwei Betroffene 2011 mit einem Zeitungsbericht in der Kölnischen Rundschau. Einer von ihnen war der Kölner Professor Werner Becker, der als Vertreter der Opfer auch im Lenkungsausschuss des Projektes mitwirkte. Er warnte nach seinen eigenen Erfahrungen davor, dass ihr hohes gesellschaftliches Ansehen es Seelsorgern sehr einfach mache, unentdeckt als Täter zu agieren.

Beschuldigter Priester im Rhein-Sieg-Kreis noch im Dienst

Tatsächlich wurde nach Bekanntwerden des Projektes erst gegen zwei der Verdächtigen kirchenintern vorgegangen, berichtete Oliver Vogt, der Interventionsbeauftragte des Bistums. In beiden Fällen wurde die Celebrationserlaubnis entzogen, ein Priester in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Alle Verdächtigen würden dabei seelsorgerisch und psychologisch betreut. Ein Schuldeingeständnis habe in den Gesprächen keiner abgegeben, wohl aber sei Betroffenheit zu spüren.

Gegen weitere potenzielle Täter könne man bislang nicht vorgehen, da die Aussagen der Betroffenen für die Studie dem Bistum nur anonymisiert vorlägen. Vogt bestätigte, dass einer der beschuldigten Priester noch im aktiven Dienst ist. Dabei dürfte es sich um einen Priester handeln, der 1982 nach sexuellen Übergriffen in Bad Münstereifel versetzt worden war und anschließend noch zweimal die Stelle wechseln musste. Er hat zwar keine eigene Pfarrei mehr, zelebriert aber noch Messen, Hochzeiten und Beerdigungen und lebt in einem Pfarrheim im Rhein-Sieg-Kreis.

Therapiekosten übernehmen

Das Erzbistum hat sich verpflichtet, Betroffene mit einer Anerkennungsleistung in einer Größenordnung von 5000 bis 15.000 Euro finanziell zu entschädigen und notwendige Therapiekosten zu übernehmen. Allerdings sei man erst mit drei Betroffenen einig geworden. Weitere Opfer werden gebeten, sich unter www.pro-cj.de zu melden. Trotz der Ereignisse am Collegium Josephinum und an anderen kirchlichen Einrichtungen, die Woelki als „Systemversagen“ bewertete, sah der Kardinal gestern keinen Anlass, an der Sexualmoral und dem Eheverbot für Priester in der katholischen Kirche zu rütteln.

Kritik an dem Forschungsprojekt kam gestern wie schon in der Vergangenheit von ehemaligen Schülern vor allem späterer Jahrgänge, die sich und ihre Schulzeit in Bad Münstereifel dadurch diskreditiert sehen. Einer der Wortführer ist Marcus Görner, der 1996 am Collegium Josephinum das Abitur ablegte. Er beklagt, in der Vergangenheit seien die Vorwürfe zeitlich nicht differenziert worden.