Leben in der Wohn-Wabe

Kölner Schauspiel führt Mühls "Rheinpromenade" auf

Leben in der Wohn-Wabe: Szene aus Karl Otto Mühls "Rheinpromenade" in Köln.

Köln. Diese Wohnhölle leuchtet in grellem Orange, vom Radiowecker bis zur Thermoskanne. Doch solche 70er-Jahre-Poppigkeit lässt die Menschen darin noch grauer wirken.

Zumal Bühnenbildner Sebastian Ellrich die Zimmer im Haus von Rentner Fritz, Tochter Kläre und deren Ehemann Arnold als Waben in eine zweistöckige Schleiflack-Schrankwand quetscht. In diesem monströsen Setzkasten bleibt für alle kaum Luft zum Atmen.

Ums erstickte Leben kreist ja Karl Otto Mühls 1973 uraufgeführtes Stück "Rheinpromenade", das Nora Bussenius auf der kleinen Expo-Bühne des Schauspiels Köln inszeniert. Der Ort der Handlung liegt nah bei Bonn, wie die Ortsnamen Aegidienberg oder Oberkassel verraten.

Doch geht es hier weniger um Regionalnostalgie als um die Wiederentdeckung eines damals enorm erfolgreichen Autors, der gar als "rheinischer Kroetz" tituliert wurde. Bevor der 90-jährige Mühl im Schlussbeifall baden darf, hat er den Kölnern eine erweiterte Fassung seines scharf skizzierten Kleinbürgerbilderbogens geschenkt.

Letzteren tunkt Bussenius glücklicherweise nicht in Bratkartoffel-Realismus, sondern zieht geschickt eine surreale Ebene ein. So unverschämt rüstig und körperlich präsent Martin Reinke auch als 77-jähriger Rentner Fritz Kumetat wirkt, so wird er doch auf Schritt und Tritt von seinem greisenhaften Alter Ego (Hartmut Misgeld) begleitet.

Und wenn am Anfang gar Fritz' Leben in rascher Schwarzweißfotofolge bis zur Null-Linie des Herzstillstands abschnurrt, liegt sogleich mehr als ein Hauch von Vergeblichkeit über der Szenerie. Wir schauen einem Totentanz im Setzkasten zu, in dem ganz oben Fritz' verstorbene Frau Mia mit (selbstverständlich orangefarbener Wolle) strickt.

Der Witwer, das finden all diese Lebensversäumer um ihn herum, will für sein Alter viel zu viel. Will noch ein bisschen körperliche Nähe, was die kleine Nachbarstochter Ina mit frühreifer Neugier auszunutzen versucht. Will am liebsten gar mehr, was ihm die 50 Jahre jüngere Krankenhaus-Küchenhilfe Marta aber nicht geben kann - ihr wird speiübel, wenn ein Mann sie anfasst.Mag auch das Wort "SEX" grell aufleuchten, es gibt ihn hier nicht.

Spießer Arnold (Michael Weber) möchte zwar als Bücherwurm im Sessel die ganze Welt begreifen, aber bloß nicht seine Kläre berühren. Birgit Walter spielt sie ebenso schrill wie präzis als in Selbstmitleid gesäuertes Nervenbündel, das alle abgewürgten Sehnsüchte in Raffgier verwandelt. Wobei sie neben Fritz noch am ehesten ums verpasste Glück weiß: "Man ist ja nirgends hingekommen..." Solche vage-vielsagenden Sätze platziert Mühl so exakt wie Akupunkturnadeln.

Zwar ist an diesem Abend nicht jedes Charakterprofil mit dem Silberstift gezogen, Marina Frenk etwa macht Martas labile Psyche erst ziemlich spät plausibel. Doch intelligent lässt die junge Regisseurin den manchmal an Horváth erinnernden Szenenreigen zwischen deftiger Komödie und Requiem schillern.

Eben noch quillt aus den Schrankschubladen aufgekratzte "Ruckizucki"-Musik. Doch wenn dann ganz leise "Heile, heile Gänschen" gesungen wird, weiß jeder: Nichts wird wieder gut. Im bedrückenden Finale sitzt der alte Mann (Reinke) auf der Bank, sein Lebensdoppelgänger aber liegt schon auf der Bahre.

Termine: 22., 24. April, je 19.30 Uhr. Expo XXI, Gladbacher Wall. Karten-Telefonnummer 0221/22128400.