Interview mit André Berbuir

Die Infrastruktur im Rhein-Sieg-Kreis ist völlig überlastet

Rhein-Sieg-Kreis. Im Interview spricht Verkehrsexperte André Berbuir über die Probleme beim ÖPNV im Rhein-Sieg-Kreis sowie anstehende Verbesserungen bei Bussen und Bahnen.

Wie kommen die Menschen möglichst stressfrei von A nach B? Im Siegburger Kreishaus macht sich André Berbuir intensiv über diese und ähnliche Fragen die Mobilität betreffend Gedanken. Der 54-Jährige ist Fachbereichsleiter Verkehr und Mobilität im Referat für Wirtschaftsförderung und Strategische Kreisentwicklung beim Kreis. Zudem ist er Mobilitätsmanager des Kreises. Über diese Aufgabe und die Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in der Region sprach er mit Christoph Meurer.

Was macht der Mobilitätsmanager des Rhein-Sieg-Kreises?

André Berbuir: Es geht darum, dass es für alle laufenden Planungen in der Kreisverwaltung, die Auswirkungen auf den Verkehr und die Mobilität der Menschen haben, eine Stelle gibt, die koordiniert beziehungsweise unterstützt und darauf drängt, dass es zu einer nachhaltigen Mobilitätsentwicklung kommt.

Was fällt darunter?

Berbuir: Ein Schlagwort ist zum Beispiel „integrierte Planung“. Wohngebiete, Industrie- oder Büroflächen sollten beispielsweise an schienennahen Standorten entwickelt werden. Das ist mittlerweile ein anerkanntes Planungsziel. Früher wurden schon mal Baugebiete geplant und gebaut – und erst dann hat man sich Gedanken über Busanbindungen gemacht. Und denken Sie bitte daran: Mehr Verkehr verteuert, erschwert und verhindert Mobilität.

Was meinen Sie damit?

Berbuir: Viele Menschen besitzen einen Pkw und steuern damit bestimmte Ziele an. Wenn das aber alle zur gleichen Zeit machen, befinden sich zu viele Fahrzeuge auf den Straßen. Die Straßen können die Fahrzeuge in einem engen Zeitfenster wie der Hauptverkehrszeit aber gar nicht aufnehmen. Das Verkehrsmittel, das eigentlich für die Mobilität gedacht ist, verursacht Staus, behindert so die Mobilität.

Es sollen also mehr Menschen in den ÖPNV umsteigen?

Berbuir: Das ist nach wie vor ein verkehrsplanerisches Ziel. Es geht beim Verkehr um vermeiden, verlagern und umweltverträglich abwickeln. Die Menschen sollten ihre eingeübten Alltagsroutinen, was Mobilität betrifft, überdenken und verändern, ohne dass sie es idealerweise als Verzicht empfinden. Öffentliche Verkehrsmittel haben aktuell aber kein gutes Image. Das liegt an den Problemen bei der Pünktlichkeit, der Bequemlichkeit und der Verlässlichkeit. Wenn das verbessert werden kann, nehmen die Menschen das an. Dann muss man über kostenlosen Nahverkehr auch nicht mehr diskutieren.

"Die bestehenden Angebote sind völlig überlastet"

Woran liegt es, dass Busse und Bahnen zu spät kommen?

Berbuir: Die bestehenden Angebote sind besonders in den Hauptverkehrszeiten völlig überlastet. Die Region ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, nicht aber die Infrastruktur.

Steht denn nun etwas an?

Berbuir: Wir setzen uns mit vielen Partnern für ein großes, neues Stadtbahnprojekt ein, an dem wir nun arbeiten: von Bonn über Beuel nach Niederkassel und mit Hilfe der neuen Rheinquerung ins linksrheinische Köln. Wir setzen uns gemeinsam dafür ein, dass diese Querung nicht nur als Straße gebaut wird. Im Moment läuft die Kosten-Nutzen-Berechnung für diese Stadtbahn. Wir hoffen, im Herbst Ergebnisse zu haben. Und natürlich bleibt es unser Kerngeschäft, an der Optimierung des bestehenden Angebotes zu arbeiten.

Das wird mehr Geld kosten. Wird der ÖPNV immer ein Zuschussgeschäft bleiben?

Berbuir: Davon gehe ich aus. Der Kreis wendet als Aufgabenträger für den ÖPNV zusammen mit den Städten und Gemeinden für Busse, Stadtbahnen, Taxibusse und Anruf-Sammel-Taxis bereits heute knapp 30 Millionen Euro jährlich zur Subventionierung auf. Das ist sehr viel Geld. Daher muss man sich gut überlegen, an welchen Stellen man weiteres Geld ausgibt. Nur mit ÖPNV-Verbesserungen lassen sich die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen aber in mittelbarer Zukunft nicht erfüllen. Das funktioniert nur über eine intelligente Verkehrswahl, „multimodal“ und „intermodal“.

Was heißt das?

Berbuir: Intermodal ist man, wenn jemand auf einem Weg Verkehrsmittel miteinander verkettet, wie das bekannte Park-and-ride, mit dem Auto zum Parkplatz und dann mit der Bahn weiter. Multimodal ist man, wenn man weiter variiert, also zum Beispiel montags mit dem Auto zur Arbeit, dienstags mit dem Pedelec, mittwochs mit Bus und Bahn et cetera.

Die Stadtbahnlinie 66 ist eine wichtige Verbindung. Was ist hier möglich?

Berbuir: Weitere Bahnen sind möglich. Zwischen Siegburg und Bonn ist ein dichterer Takt vorstellbar, so alle sechs, sieben Minuten eine Bahn. Das würde aber wieder teurer und nach der Systematik der ÖPNV-Finanzierung müsste vor allem Sankt Augustin mehr bezahlen, weil die 66 größtenteils über Sankt Augustiner Gebiet fährt. Hinzu kommt, dass die Schranken noch viel öfter geschlossen wären. Wir werden uns diesem Problem aber irgendwann stellen müssen – die Fahrgastnachfrage steigt –, spätestens wenn die S 13 fertig ist und es in Vilich eine Verknüpfung zur Linie 66 gibt. Zudem benötigen wir dafür weitere Bahnen und die bekommt man ja jetzt auch nicht von der Stange.

"Neue Buslinien sind eher die Ausnahme"

Wie lange dauert es von der Idee für eine neue Buslinie, bis sie letztlich fährt?

Berbuir: Wenn alles gut läuft, dauert es von der Planung bis zur Umsetzung anderthalb Jahre. Anregungen für neue Linien und Linienänderungen kommen aus der Bevölkerung und Politik. Aber auch wir beobachten die Entwicklungen in der Region.

Eine neue Linie ist die 745 in Bornheim, der sogenannte Berghüpfer.

Berbuir: Diese gründet sich auf dem Erfolg der Kleinbuslinien, wie zum Beispiel in Alfter. Mit Kleinbussen können wir durch Straßen fahren, durch die große Busse nicht passen. Den ersten Kleinbus gab es in Rheinbach, dann kamen Alfter und Swisttal, und auch rechtsrheinisch haben wir mittlerweile Kleinbusse. Neue Buslinien sind aber eher die Ausnahme, es geht vielmehr um Verdichtungen auf bestehenden Linien.

Wo zum Beispiel?

Berbuir: Ein schönes Beispiel ist die Line 520 von Oberpleis nach Oberdollendorf. Weil die Nachfrage so groß ist, werden wir das Angebot im Dezember nochmals verbessern und an jede Stadtbahnfahrt einen Anschluss herstellen. Aus dem Raum Niederkassel wird die SB 55 voraussichtlich ab Dezember nochmals verstärkt.

Der Rhein-Sieg-Kreis ist strukturell sehr heterogen. Kann man etwa für die äußeren Rheinbacher und Meckenheimer Stadteile kurz vor der Landesgrenze attraktive ÖPNV-Angebote schaffen, die einigermaßen wirtschaftlich sind?

Berbuir: Für den gesamten ländlichen Raum ist das deutlich schwieriger. Wir versuchen, auf den Hauptachsen im ländlichen Raum mindestens stündlich, besser zweimal stündlich, Busse anzubieten.

Viele Menschen schreckt das unübersichtliche Tarifsystem ab.

Berbuir: Ich hoffe, dass in diesem Bereich die Digitalisierung helfen kann, um eine kilometergenaue Preisgestaltung zu schaffen.

Also ein automatisches Registrieren und Abrechnen über das Smartphone beim Ein- und Ausstieg?

Berbuir: Das wäre ein wirklich großer Fortschritt.

"In Deutschland steht das Auto noch sehr lange auf Platz eins"

Ist ein Mobilitätsmanager auch ein Lobbyist für den ÖPNV?

Berbuir: Der Mobilitätsmanager hat zunächst die Mobilität der Menschen im Fokus. Und dann die Verkehrsmittel, die sich für die Umsetzung eines Mobilitätsbedürfnisses am besten eignen. Aber klar: Ich mache schon Lobbyarbeit für den ÖPNV und nicht zu vergessen für den boomenden Radverkehr.

Wird der ÖPNV jemals das Auto von Platz eins verdrängen?

Berbuir: In großen Städten und in deren Zulauf wird der ÖPNV unverzichtbar bleiben. Im ländlichen Raum werden – abseits der Hauptachsen – Verkehrsangebote auf Abruf und irgendwann autonomes Fahren die Zukunft sein. Aber machen wir uns nichts vor: In Deutschland steht das Auto noch sehr lange auf Platz eins.