Verein „Hilfe für psychisch Kranke Bonn/Rhein-Sieg“

Depressionen dürfen kein Tabu sein

Verein für psychisch Kranke: Der stellvertretende Vorsitzende Uwe Flohr in seinem Garten in Alfter.

Verein für psychisch Kranke: Der stellvertretende Vorsitzende Uwe Flohr in seinem Garten in Alfter.

Rhein-Sieg-Kreis. Sein Engagement begann, als sein Sohn erkrankte: Uwe Flohr aus Alfter macht die Öffentlichkeitsarbeit für den Verein „Hilfe für psychisch Kranke Bonn/Rhein-Sieg“, der bei einem Projekt auch mit der Robert-Enke-Stiftung zusammenarbeitet.

Im Leben von Uwe Flohr änderte sich vieles, als sein erwachsener Sohn vor elf Jahren eine schwere Depression bekam. „Ich hatte Ängste, fühlte mich alleingelassen und unfähig“, blickt Flohr zurück. Mit psychischen Erkrankungen hatte der heute 77-Jährige bis dato nichts zu tun gehabt. „Wir konnten die Wörter Psyche oder Seele gerade mal schreiben. Aber uns war nicht klar, was es mit einem macht, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt ist. Das Leben ist nicht mehr so wie zuvor.“

Auf Initiative seiner Frau wandte sich die in Alfter lebende Familie an eine Angehörigengruppe des Vereins „Hilfe für psychisch Kranke Bonn/Rhein-Sieg“ (HfpK). Heute ist Flohr dort stellvertretender Vorsitzender und unter anderem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. „Mir ist dort ein Licht aufgegangen“, sagt er. „Der Verein hat mich aus meiner Ecke herausgeholt. Mit wurde klar, dass ich mich nicht schämen musste.“

Flohr entschloss sich, in dem seit 1980 bestehenden Verein mitzuarbeiten: „Ich hatte plötzlich die Chance, etwas zu tun.“ Dabei kommt ihm seine Berufserfahrung zugute. Eine der Stationen seiner Karriere war die Leitung des Bereichs Vorstandsaufgaben, Öffentlichkeitsarbeit und Presse in einem börsennotierten Frankfurter Unternehmen. Vorher war er Geschäftsführer im Bundesverband für Information und Beratung für NS-Verfolgte in Köln. Das Thema war ihm auch aufgrund seiner Familiengeschichte wichtig. Und wie das Thema, das ihn heute umtreibt, sei es ein „No-Go-Thema“ gewesen.

„Wir als regionaler Selbsthilfeverein fühlen uns verpflichtet, über psychische Erkrankungen zu reden“, sagt Flohr. Denn Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft stigmatisiert. Eine Ausnahme sei die Zeit nach dem Suizid des depressiven Torhüters Robert Enke 2009 gewesen: „Damals war fünf bis sechs Wochen lang alles möglich, man konnte öffentlich über alles sprechen. Dann fielen die Scheunentore wieder zu“, meint Flohr.

Die Selbsthilfegruppe bietet Angehörigengespräche, Einzelgespräche, ein Offenes Begegnungscafé und ein Krisentelefon für psychosoziale Notfälle an. Außerdem betreibt sie drei Projekte. „Sonnenkinder“ heißt eines davon, es besteht seit mehr als fünf Jahren und wendet sich an die Kinder psychisch erkrankter Eltern. Denn die haben nach Studien ein Risiko von zehn bis 50 Prozent, selbst psychisch krank zu werden. Oft zerbrechen die Partnerschaften der Eltern an der hohen Belastung. So auch bei der aktuellen Gruppe der „Sonnenkinder“: Alle wachsen bei einer allein erziehenden Mutter auf, so Flohr.

„Mit wurde klar, dass ich mich nicht schämen musste"

Umso wichtiger, dass diese in der Gruppe nicht nur zwei weibliche, sondern mit dem Schauspieler René Wedeward vom Jungen Theater Bonn auch eine männliche Bezugsperson haben. Die Gruppe trifft sich zweimal pro Monat, unternimmt Ausflüge und führte auch schon ein Theaterstück auf, das speziell für sie geschrieben wurde.

Dabei ging es um die Problematik, dass Eltern verschwinden oder durch eine Erkrankung nicht anwesend sind. „Seele trifft auf Schule“ heißt ein weiteres Projekt des Vereins. Seit 2002 geht HfpK an Schulen und arbeitet präventiv mit Schülern, Eltern und Lehrern. Das Konzept ist „trialogisch“: Ein Arzt der Uniklinik erklärt die medizinischen Begriffe, Angehörige wie Uwe Flohr und direkt Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen.

„Wenn Psychiatrieerfahrene reden, sind die Kinder mucksmäuschenstill“, sagt Flohr. „Die Leute outen sich, ziehen sich seelisch nackt aus. Sie haben eine Vorbildfunktion.“ Das Konzept ist mittlerweile so bekannt, dass aus dem ganzen Bundesgebiet Anfragen kommen.

Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der gemeinnützigen Robert-Enke-Stiftung. Ein Höhepunkt ist der Besuch von Teresa Enke, der Ehefrau von Robert Enke und Geschäftsführerin der Stiftung bei der 100. Schulveranstaltung an der Troisdorfer Europaschule im Mai.

Mit einem dritten Projekt, dem „externen Arbeitstraining“, möchte der Verein psychisch Kranken den Weg in den ersten Arbeitsmarkt wieder ebnen. Dabei arbeitet er mit ausgewählten Unternehmen zusammen. Finanziert wird das Projekt zu zwei Dritteln von der Stadt Bonn, zu einem Drittel vom Jobcenter. Das Projekt gibt es bislang nur in Bonn, aufgrund der hohen Erfolgsquote von fast 50 Prozent möchte der HfpK es aber auch im Rhein-Sieg-Kreis etablieren.

Für seine Arbeit wurde der Verein mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem mit 5000 Euro dotierten „Antistigma-Preis 2016 – Förderpreis zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) für das Projekt „Sonnenkinder“. Die J. Wilh. Tenten-Stiftung verlieh Uwe Flohr im November 2016 den Tenten-Preis „für herausragende, selbstlose Tätigkeiten im sozialen Bereich“. Für den Alfterer ist sein Engagement, das er mittlerweile als Vollzeitjob betreibt, nicht nur eine Möglichkeit, gesellschaftlich etwas zu verändern. Er sieht es auch als „die richtige Therapie für mein Leben“.

Mehr Informationen unter www.hfpk.de, Kontakt: Hilfe für psychisch Kranke e.V., Kaiserstraße 79 in Bonn, 02 28/2 89 14 91.