Interview mit Schulleiterin

Bornheimer Eltern nehmen Förderschulangebot wieder mehr wahr

Rhein-Sieg-Kreis. Vor einigen Jahren wurden die Förderschulen in Königswinter und Bornheim zusammengelegt. Im Interview spricht die Schulleiterin Franziska Föhmer über die Inklusionsdebatte, die Pläne der Landesregierung und das Ansehen von Förderschulen.

Nur der Zusammenschluss rettete die Förderschulen in Königswinter und Bornheim vor einigen Jahren vor dem Aus. Schulleiterin Franziska Föhmer spricht über die Kooperation, den Sinn von Förderschulen und die Inklusionsdebatte .

Sind Sie mit der neuen schwarz-gelben Landesregierung zufrieden?

Franziska Föhmer: Ich bin von den Vorschlägen angetan – vor allem was die derzeitige Aussetzung der Mindestgrößenverordnung für Förderschulen betrifft. Sehr zufrieden bin ich auch darüber, dass sich die neue Landesregierung positioniert hat, die noch vorhandenen Förderschulen zu erhalten.

Die beiden Schulen, die Sie leiten, standen ja vor dem Aus.

Föhmer: Als die Zusammenlegung vor dreieinhalb Jahren kam, hatten wir in Bornheim noch 79 Kinder, in Königswinter 81 – zusammen also 160 Kinder. Jetzt haben wir an beiden Standorten zusammen 260 Kinder. Wir sind unglaublich froh, dass wir damals diesen Schritt getan haben. Es waren viele daran beteiligt: Schulträger, Schulverwaltung, die Kreisverwaltung. Die Schülerzahlen sprechen für sich.

Wie ist das zu erklären?

Föhmer: Um Bornheim herum haben viele Förderschulen geschlossen. Auch haben wir eine große Zahl an Quereinsteigern, die aus dem gemeinsamen Lernen zu uns gekommen sind, weil die Bedingungen dort nicht so waren, dass sie erfolgreich lernen konnten.

Entscheiden sich Eltern wieder bewusster für eine Förderschule?

Föhmer: Die Förderschule war immer eine Angebotsschule. Und die Eltern nehmen dieses Angebot wieder viel mehr wahr. Die Bedingungen sind anders als das, was das allgemeine Schulsystem vorhalten kann. Wir haben eine Schüler-Lehrer-Relation von 1:10, das ist ungefähr ein Drittel dessen, was eine allgemeine Schule vorhält. Der Staat leistet sich mit Förderschulen ein sehr teures System. Im Grunde genommen haben wir Bedingungen, die es sonst nur an Privatschulen gibt. Was wir anbieten können, wird vielen Kindern einfach mehr gerecht. Viele Eltern haben ihre Kinder auch deshalb nicht mehr angemeldet, weil sie Angst hatten, dass die Schulen geschlossen werden. Auch in den Kollegien herrschte eine riesige Verunsicherung.

Wandelt sich das Ansehen von Förderschulen?

Föhmer: Was vielen Eltern mittlerweile klar geworden ist, ist die Frage der Abschlüsse. Lange Zeit herrschte die Ansicht vor, dass Kinder an einer allgemeinen Schule auch automatisch den Hauptschulabschluss machen. Die Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen“ nehmen ihren Förderbedarf aber mit an die allgemeine Schule und machen an einer Gesamtschule auch keinen anderen Abschluss. An der Förderschule ist das wesentlich leichter, weil die Kinder engmaschiger begleitet werden.

Ist der Inklusionsgedanke also nur eine Scheindiskussion?

Föhmer: Eine Scheindiskussion ist es nicht. Durch die Diskussion werden Menschen mit einer Behinderung von der Gesellschaft ganz anders wahrgenommen. Man hat das immer hauptsächlich auf Bildung bezogen; das ist aber nur ein ganz kleiner Passus in der Behindertenrechtskonvention der UN. Auch ist eine breite Diskussion für Kinder mit Förderbedarf aufgekommen. Die Inklusion ist nicht gescheitert, es hat nur nicht so funktioniert, wie man sich das in NRW vorgestellt hatte.

Das bedeutet?

Föhmer: Nach wie vor ist es ein wichtiges Anliegen, dass es irgendwann eine gesellschaftliche und politische Teilhabe von Menschen mit Förderbedarf im wirklichen Sinne gibt. In der UN-Konvention ist auch nicht die Rede davon, Förderschulen zu schließen, sondern jeden Lernenden gemäß seinen Bedürfnissen bestmöglich zu unterrichten.

Es lief demnach etwas schief?

Föhmer: Man hat viel zu wenig auf das Kind geschaut. Es stand mehr die ideologische Betrachtungsweise im Raum. Ich glaube auch, dass viele Menschen im Schulbereich sich gescheut haben zu sagen, dass ein Kind überprüft werden muss. Man hat sich dann schnell verdächtig gemacht, dass man die Inklusion nicht will und das Kind nur loswerden möchte. Das Ganze hatte eine ganz eigenartige Dynamik.

Können Kinder Ihrer Schulen weitere Abschlüsse machen?

Föhmer: Für Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen“ gibt es den Hauptschulabschluss nach Klasse 9. Damit können sie zum Beispiel an einem Berufskolleg den Abschluss nach Klasse 10 erwerben. Die Durchlässigkeit ist immer gegeben. Wir haben vor einiger Zeit zwei Mädchen entlassen, die jetzt einen Realschulabschluss machen. Die Kinder, die solche Kompetenzen haben, werden in der Regel aber vorher zurückgeschult. Wir halten sie nicht fest. Je später Kinder zu uns kommen, desto geringer ist die Chance der Rückführung. Generell gilt: Je später man mit einer Beeinträchtigung konfrontiert ist, desto schwieriger wird es, etwas dagegen zu tun.

Es ist doch eher so, dass ein Kind mit einem Förderschulabschluss eine größere Chance hat als mit einem schlechten Hauptschulabschluss nach der Klasse 10, oder?

Föhmer: Ja, weil die Kinder über die Schule hinaus betreut werden. Für das neue Landesprogramm KAoA – Kein Abschluss ohne Anschluss haben die Förderschulen viel bessere Ressourcen als jede allgemeine Schule. Ein Beispiel: Das KAoA sieht vor, dass die Kinder in der achten Klasse ein Schnupperpraktikum machen. Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen“ oder „Emotional-Sozial“ schickt man aber nicht einfach drei Wochen in ein Praktikum. Das braucht eine lange Vorbereitung und enge Betreuung. Diese Ressourcen hat keine Regelschule. Wenn bei uns eine Gruppe von zwölf Kindern ins Praktikum geht, hat der Lehrer in dem Zeitraum keine eigene Klasse mehr und kann sich nur um die Kinder kümmern.

Durch den Verbund konnten sich die Schulen in Bornheim und Königswinter über Wasser halten, andere Schulen haben dicht machen müssen. Gibt es überhaupt noch genügend Förderschulen mit den Schwerpunkten „Lernen“ und „Sprache“ in Kreis?

Föhmer: Im Siebengebirge haben wir kein Problem. Für die Eltern ist die Regionalschule Unkel eine Option. Dann gibt es die Siebengebirgsschule in Bad Godesberg sowie die Gutenbergschule in Sankt Augustin. Im linksrheinischen Kreis ist es viel problematischer, weil die Förderschule in Rheinbach geschlossen hat. Wir bekommen aus den umliegenden Orten viele Anfragen für Bornheim. Wir haben sogar zwei Kinder aus Meckenheim. Das ist eine halbe Weltreise für die Kinder.

Haben Eltern einen Anspruch auf einen Platz an einer Förderschule? Nehmen wir an, es gibt Rheinbacher Eltern, die ihr Kind nach Bornheim schicken wollen.

Föhmer: Das geht. Dann müssten die Eltern nur erklären, dass sie kein Geld von der Kommune für den Transport haben wollen. Sie müssten das Kind morgens nach Alfter bringen, von dort fährt der Schulbus. Wir hatten kürzlich sogar eine Anfrage für ein kleines Kind aus Swisttal-Ollheim. Wenn die Eltern nicht mobilisiert sind, haben sie ein Problem.

Wie reagieren die Schulträger, also die beiden Städte, wenn sie feststellen, dass sie für alle Kommunen um sich herum ein attraktives Angebot haben?

Föhmer: Die Stadt Königswinter hat eine Vereinbarung mit Bad Honnef. Der Schulträger in Bornheim schaut eher auf die Kinder als auf das Geld. Es muss aber eine verträgliche Lösung geben – etwa, dass die Eltern selbst ein Stück fahren und das Kind dann in den Schulbus umsteigt.

Die beiden Schulen sind seit dreieinhalb Jahren offiziell verbunden. Aber sind es doch nicht noch immer zwei getrennte Schulen mit einem Überbau?

Föhmer: Wir haben schon viele Dinge gemeinsam gemacht: Konferenzen, Lehrerausflüge oder Berufsvorbereitungstrainings. Ein richtiges Zusammenwachsen ist aufgrund der Entfernung aber nicht möglich. Wenn möglich, machen wir gemeinsame Projekte. Im Alltag fahre aber nur ich viel hin und her. In beiden Schulen habe ich Kollegen, auf die ich mich absolut verlassen kann. Manchmal tauschen wir Kollegen aus.