Brauerei kündigt rechtliche Schritte an

Aufregung über abgewandelte Reissdorf-Werbung in Köln

17.06.2019 Köln. Rechtliche Schritte hat die Brauerei Reissdorf angekündigt, nachdem Künstler in einer Installation am Neumarkt eine Werbung für das Kölsch abgewandelt hatten. Damit wollen die Verantwortlichen auf die Verdrängung der Drogenabhängigen an dem Kölner Platz aufmerksam machen.

Auch nach drei Tagen ist die Erregung noch deutlich aus Guido Köhlers Stimme zu hören. Er spricht über ein Kunstwerk, das seit Freitag am KölnerNeumarkt steht, wo Köhler wohnt. Der Kölner leitet die „Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt“ - und die Installation am Neumarkt macht ihn wütend: Sie zeigt das „Reissdorf-Männchen“, eine Leuchtreklame einer Kölsch-Brauerei. Nur gönnt sich die Figur nicht wie im Original ein Bier - sondern setzt sich eine Spritze. „Der Konsum harter Drogen wird hier gleichgestellt mit Kölsch-Konsum“, sagt Köhler.

Für ihn noch schlimmer: Das Drogenproblem am Neumarkt, seit Jahren ein zentraler Drogenumschlagplatz Kölns, werde verharmlost. „Eine Verhöhnung Drogenabhängiger“ sei das Kunstwerk.

Das „Reissdorf-Männchen“, eine Neonreklame im Stil der 60er-Jahre, kennen Kölner schon lange - eigentlich vom Kölner Rudolfplatz. Abwechselnd ist dort an einer Hauswand zu sehen, wie ein Mann („Er trinkt“) und eine Frau („Sie trinkt“) ein Kölsch-Glas heben.

Diese Werbung der Kölsch-Brauerei Reissdorf haben die Wiener Künstler Alexandra Berlinger und Martin Wagner zum Vorbild genommen. Für das in Köln, Düsseldorf und Mülheim an der Ruhr stattfindende „Impulse Theater Festival“ haben sie es in deutlich abgewandelter Form nachgebaut. Zu sehen ist jetzt eine Person, die sich eine Spritze setzt. Der lakonische Schriftzug am Neumarkt: „Sie spritzt“/„Er spritzt“.

Die Brauerei Reissdorf ist genauso empört über die Abwandlung ihrer Reklame wie Köhler. Gegenüber der „Bild“-Zeitung nannte Geschäftsführer Michael von Rieff die Aktion „geschmacklos“ und kündigte an, dass man einen Anwalt hinzuziehen wolle. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur wollte die Brauerei sich am Montag nicht mehr zu dem Thema äußern.

Die Künstler halten von der Kritik wenig - Kölsch sei im Gegensatz zu Heroin und anderen Drogen schließlich „jenes Suchtmittel, das die Identität einer ganzen Stadtgesellschaft prägt“, steht auf der Internetseite des Kunstfestivals.

„Natürlich soll die Figur Heroin oder Crack nicht verharmlosen oder gar dafür werben“, sagt Künstler Martin Wagner. Im Schatten der Figur verfolgt er am Montagnachmittag die neugierigen Blicke vorbeilaufender Passanten. „Wir wollen auf die Probleme hinweisen, denen Drogenabhängige begegnen“, erklärt er.

Eins davon: Die Suchtkranken hätten am Neumarkt keine Orte mehr, an denen sie geschützt Drogen konsumieren können, sagen Wagner und Berlinger. Abgänge zur U-Bahn-Station, die dafür einst dienten, ließ die Stadt vor einigen Monaten mit Holzbrettern verschließen.

Deshalb ist das Spritzen-Männchen nicht die einzige Installation der Künstler. Sie haben vier der Holzverschläge nachgebaut. Zweimal täglich rollen sie einen davon über den Platz - ein Symbol dafür, dass das Problem durch solche Maßnahmen nur verschoben, aber nicht gelöst wird.

Die Reaktionen der Betrachter seien überwiegend positiv, sagt Künstlerin Berlinger. „Auch einige Drogenkonsumenten selbst haben gesagt, dass sie es gut finden, wenn das Problem thematisiert wird.“

In einem Punkt jedenfalls sind sich die Anwohner von der „Zukunft Neumarkt“ und die Künstler einig: Die Drogenpolitik der Stadt Köln sei nicht zielführend.

Doch just am Freitag, als das Kunstwerk eingeweiht wurde, gab die Stadt bekannt, dass sie das Problem angehen will. In einem halben Jahr soll es zumindest mobile Drogenkonsumräume am Neumarkt geben - Fahrzeuge, in denen Abhängige beraten werden und unter medizinischer Aufsicht konsumieren können.

Einen finanziellen Beitrag zur Adressierung des Problems hatte die Stadt darüber hinaus bereits vorher geleistet: Das Kunstfestival, in dessen Rahmen die Installation entstand, hatte die Stadt mit insgesamt 30 000 Euro gefördert, wie die Verwaltung auf dpa-Anfrage mitteilte. (dpa)