Interview mit Militärbischof Rink

„Die Auslandseinsätze sind keine Trockenübungen“

Im GA-Interview spricht der Evangelische Militärbischof Sigurd Rink über schlechte Ausrüstung der Truppe und anspruchsvolle Soldatenseelsorge.

Ein Anruf mitten im Urlaub verändert das Leben von Sigurd Rink schlagartig: Wie viele evangelische Theologen ist er bekennender Pazifist. Der Anrufer jedoch, es ist Nikolaus Schneider, damals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), fragt ganz unverhohlen, ob er Militärbischof und somit Chef der evangelischen Militärseelsorge werden möchte. Mit dem 57-Jährigen sprach .

Wie schwierig ist es, Seelsorge für Seelen zu betreiben, die allein durch ihren Auftrag das Gebot „Du sollst nicht töten“ ab und an brechen könnten?

Sigurd Rink: Die Seelsorge in der Bundeswehr ist sehr anspruchsvoll, weil sich Soldaten immer wieder notgedrungen und berufsbedingt in moralischen und ethischen Grenzsituationen bewegen, von denen wir hier im Alltag in Deutschland ganz wenig mitbekommen. Die Bundeswehr ist zur Zeit in 14 Auslandseinsätzen. Das sind keine Trockenübungen – in Mali, Afghanistan, Jordanien oder im Libanon ist das wirklich ein harter Einsatz.

Was erleben die Soldaten dort?

Rink: Sie sind dort mit Leid, einer ganz anderen Lebenswelt, aber auch mit Verwundung und Tod konfrontiert. Es gibt das schöne christliche Sprichwort: „Not lehrt beten“. Deswegen sage ich, dass es eine anspruchsvolle Seelsorge ist, aber gleichzeitig sind die Menschen offen für die Seelsorge. Und zum Gebot „Du sollst nicht töten“ gibt es eine kleine Schrift von Martin Luther aus der Zeit des verheerenden Bauernkriegs. Ein Hauptmann hatte sich an ihn gewandt und gefragt, wie er in den Himmel kommen soll, wenn er laufend das fünfte Gebot bricht? Die Auflösung von Luther lautet: Ich als Christ muss Unrecht leiden, aber ich habe als Christenmensch eine Schutzverantwortung gegenüber den Menschen, die mir anvertraut sind – meiner Familie, meinem Dorf, meiner Stadt, meinem Land. Das führt dazu, dass Luther sagt: Man übt den Soldatenberuf nur zu Verteidigungszwecken aus. Jeder Angriffskrieg ist verwerflich. Man stelle sich vor: Diese Schrift stammt aus dem Jahr 1526, sie ist fast 500 Jahre alt.

Aber aktueller denn je...

Rink: Absolut. Was wäre uns als Menschheit erspart geblieben, wenn die Menschen seit damals nur ihr Territorium verteidigt und keine Übergriffe vorgenommen hätten. Nach dem Völkermord in Ruanda und anderen Vorfällen hatten die Vereinten Nationen in den 90er-Jahren gesagt: Die Völkergemeinschaft kann nicht zugucken, wenn 700 000 Menschen zu Tode kommen. So sind die UN-Friedenstruppen, die Blauhelmsoldaten, gegründet worden, an deren Einsätze die Bundeswehr sich beteiligt. Die Frage der internationalen humanen Verantwortung hat auch in Syrien und im Irak im Kampf gegen den IS eine Riesenrolle gespielt. Wir haben Hilferufe von den christlichen Gemeinden dort bekommen, die sagten: Ihr dürft nicht zusehen, wie der IS uns alle auslöscht.

Im aktuellen Bericht des Wehrbeauftragten wird einmal mehr deutlich, wie sehr die Truppe unter der Last der vielen Auslandseinsätze leidet. Sie waren im Mai in Afghanistan. Wie sind Ihre Eindrücke?

Rink: Die Sicherheitslage ist nach wie vor sehr prekär. Es gibt ganz leichte Hoffnungen auf einen Verständigungsprozess. Friedensgespräche mit den Taliban scheinen dort möglich zu werden. Aber das sind ganz zarte Pflänzchen. Was den Bericht des Wehrbeauftragten angeht, muss man den im Lichte eines seit über 25 Jahren laufenden Abbaus der Strukturen und eines Reform- und Reförmchenprozesses in der Bundeswehr sehen. Viele Standorte sind geschlossen. Das Thema Landes- und Bündnisverteidigung war aus dem Blick geraten. Dann begann der Umbau der Bundeswehr in eine „Einsatzarmee“. Das führt dazu, dass die Einsätze – wie in Afghanistan – in aller Regel vom Material und vom Personal her gut bestückt sind. Man legt Wert darauf, dass die Soldaten bestmöglichen Schutz haben.

Kritisiert wird im Bericht des Wehrbeauftragten, dass es außerhalb der Einsätze erschreckend schlecht um die Truppe bestellt ist.

Rink: Die Bundeswehr kommt an ihre Grenzen, da viel Material und Personal für die Einsätze verwandt wird. Erst Mitte 2014 hat durch den Übergriff auf die Krim und die Verletzung der territorialen Integrität eines europäischen Staates durch die russische Föderation ein komplettes Umdenken stattgefunden: Wir müssen auch in Richtung Landes- und Bündnisverteidigung denken. Man muss die Einsätze weiter gut bestücken, aber man merkt, dass es zu Hause an allen Ecken und Enden fehlt. Die Soldaten sagen: Was an Material kommt ist gut, aber es ist von allem viel zu wenig. Da muss jetzt nachgesteuert werden.

Wie lässt sich ein Weg aus diesem Dilemma beschreiten?

Rink: Ich möchte da schon zu einem Stück Geduld oder langen Atem mahnen. Eine Institution, die über 25 Jahre nur abgebaut wurde, kriegt man nicht in drei Jahren gedreht. Das braucht seine Zeit. Aber ich bin sicher, dass die politischen Weichenstellungen in die richtige Richtung laufen. Für die Aufgaben, die da sind, muss Personal und Material vollständig vorhanden sein. Ich weiß nicht, in welchen Zeitkategorien man da denken kann, aber zehn bis 15 Jahre sind da ganz schnell herum.

Würden freiwillig Dienende der Truppe gut tun?

Rink: Seit Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 besteht die Bundeswehr aus Freiwilligen. Das ist durchaus mit Problemen verbunden, da sich die „Mitte“ der Gesellschaft seither zu wenig für unsere Soldaten interessiert. So gesehen, finde ich es gut, wenn eine Debatte über einen verpflichtenden Gemeinschaftsdienst geführt wird. Hintergrund der Aussetzung der Wehrpflicht war, dass damals die sogenannte Wehrgerechtigkeit nicht mehr gegeben war. Die Bundeswehr hatte nicht mehr die Kapazitäten, 100 Prozent eines Jahrgangs zu ziehen. Auch braucht eine moderne Einsatzarmee hoch qualifizierte Spezialisten, nicht aber eine Menge „Fußvolk“. Ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube, indem ich sage: Eine Dienstpflicht von sechs Monaten für alle jungen Menschen finde ich vom Prinzip her nicht unsympathisch. Fraglich ist jedoch, ob dies den Belangen der Bundeswehr wirklich nützen könnte. Auch ist eine förmliche Pflicht bekanntermaßen nicht immer gut für die Motivation.

Manch einer spricht von Zwangsdienst...

Rink: Ich halte das Wort für unnötig polemisch. Gleichwohl müssen wir feststellen, dass zur Einführung eines solchen Dienstes hohe Hürden zu überwinden wären. Unter anderem müsste das Grundgesetz geändert werden, was einer guten Begründung bedürfte und nicht aus einer politischen Laune heraus geschehen darf. Hinzu kommt, dass viele soziale Institutionen und insbesondere die Bundeswehr überhaupt nicht mehr die geeignete Infrastruktur haben. Wir reden über Jahrgänge mit bis zu 800 000 jungen Menschen. Zurzeit absolvieren rund 100 000 einen freiwilligen sozialen Dienst. Gehen wir davon aus, dass bei einer Dienstpflicht sich bis zu 200 000 junge Menschen für die Bundeswehr entscheiden. Wie sollte das gehen? Die Infrastruktur ist nicht mehr vorhanden, die Kasernen sind geschlossen und die Ausbilder nicht mehr da. Die Aufnahme der vielen nur kurz Dienenden würde die angespannte Personallage weiter verschärfen und keinen einzigen zusätzlichen Soldaten schaffen, der einsatztauglich wäre.

Es zeichnete sich bereits vor der Aussetzung der Wehrpflicht ab, dass die Bundeswehr vor allem Fachleute für die Auslandseinsätze benötigt anstatt Wehrpflichtige.

Rink: Genau. Die Bundeswehr benötigt hochgradige Spezialisten, für ihre Auslandeinsätze sowie für die Landes- und Bündnisverteidigung. Da sagen viele, gerade aus der militärischen Führung der Bundeswehr: Wenn wir bis 200 000 Wehrpflichtige im Jahr ausbilden müssen, dann bindet das so viel Kapazitäten, die wir andernorts dringend nötig hätten. Eine Sache spräche aber für die Einführung: Die Wehrpflicht sorgte für eine optimale gesellschaftliche Anbindung der Bundeswehr. Viele der heutigen Soldaten kommen aus der Wehrpflichtarmee. Die sagen, dass der Grundwehrdienst auf vorzügliche Art und Weise die Möglichkeit geboten hat, junge Menschen anzusprechen – scherzhaft gesprochen: ein neunmonatiges Assessment Center. Viele Soldaten schildern, dass sie genau so zur Bundeswehr gekommen sind.

Die Bundeswehr gilt als Querschnitt der Gesellschaft, wie begegnen da ihre 106 evangelischen Seelsorger Bundeswehrkameraden, die offen mit rechtem Gedankengut sympathisieren?

Rink: Ich halte die Bundeswehr – aufs Ganze gesehen – für eine wertkonservative Organisation. Vor dem Hintergrund erklärt sich, dass Bundeswehr und Kirche recht gut zusammenpassen könnten. Man ist an Grundwerten und Normen sehr stark orientiert. Ich habe – für mich – noch keine breite Strömung wahrgenommen, die darüber hinausgeht. Das hängt damit zusammen, dass es eine Menge Maßnahmen von politischer Bildung, Länderkunde und – nicht zu verschweigen – den Lebenskundlichen Unterricht gibt, den die Pfarrerinnen und Pfarrern abhalten. Das alles führt dazu, dass eine positive Form von Verfassungspatriotismus in der Bundeswehr besteht. Im letzten Jahr hatte man manchmal den Eindruck, ob es da nicht doch so eine Unterströmung von Ewiggestrigen gibt. Aber ich nehme nicht wahr, dass diese Strömung überproportional ist. Ich habe jetzt rund 100 Standortbesuche hinter mir, und kenne auch die Stuben und Sanitäranlagen. Da findet sich nichts, was wirklich augenfällig wäre.

Sie waren elf Jahre Gemeindepfarrer, später Referent des Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie zwölf Jahre Propst und Mitglied der Kirchenleitung für eine Region mit 220 Kirchengemeinden. Wie fanden Sie den Weg in die Militärseelsorge?

Rink: Das war sehr überraschend (lacht). Im katholischen Rheinland könnte man sagen: Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Ich war in der Steiermark Skifahren und plötzlich ereilte mich der Anruf des damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider. Er begann das Telefonat mit den Worten: 'Bruder Rink, wir suchen einen Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr'. Das war für mich überraschend, da ich wie viele evangelische Theologen nicht gedient habe. Und in Südhessen hatten wir wenige Kontakte zur Bundeswehr – mangels Masse. Aber umgekehrt haben mich die ethischen und moralischen Grenzentscheidungen, über die wir eingangs schon sprachen, sehr interessiert. Das ist keine Trockenübung, sondern Ethik im Ernstfall.

Vor wenigen Wochen besuchten Sie eine deutsche Kriegsgräberstätte im Kaukasus, die seit zehn Jahren besteht. Wie wichtig sind diese Stätten, 73 Jahre nach Kriegsende?

Rink: Ich glaube, dass sie enorm wichtig sind. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge macht eine unglaublich aufwendige und wertvolle Arbeit – in mehrerer Hinsicht. Zum einen in der Erinnerungskultur. Es waren im Kaukasus zwei Busse mit Angehörigen mit dabei – nicht nur mit Angehörigen der Kinder-, sondern auch der Enkelgeneration. Alleine im Kaukasus sind 130 000 deutsche Soldaten gefallen – eine gigantische Aufgabe. Bemerkenswert war außerdem die ungeheuer große Sensibilität von russischer Seite – eine Anerkennung dafür, dass jeder menschliche Überrest geborgen und beigesetzt worden ist. Das Stichwort heißt: Versöhnung über den Gräbern. Das ist aktive Versöhnung. Das habe ich bei meinem Besuch überall gespürt.