Vier Menschen getötet Vor 18 Jahren mordete Dieter Zurwehme in Remagen

REMAGEN. Am 2. Dezember 1998 kehrte Dieter Zurwehme von einem Freigang nicht zurück in seine Bielefelder Zelle. Im Frühjahr 1999 ermordete er vier Menschen in Remagen. Kriminalhauptkommissar Gerhard Starke erinnert sich in einem Buch an die Ermittlungen.

Frühjahr 1999: Im Schlafzimmer eines Mehrfamilienhauses in Remagen liegt eine Frau, die aus vielen Wunden im Gesicht und Oberkörper blutet. Sie ist nicht ansprechbar. Ob sie überleben wird, ist fraglich. Im Bad finden die Beamten wenig später zwei blutüberströmte Leichen. Die gefliesten Wände, der Boden, die Badewanne – alles ist voller Blut. Zum Teil scheint das Blut schon angetrocknet. In einer Villa am Rhein liegt ein weiterer Toter. Er ist auf den Bauch gedreht, sein Körper zum Teil mit Bauschutt bedeckt. Über dem Toten ist ein geöffneter Regenschirm aufgestellt. Ein schreckliches Bild, das sich den Ermittlern an den Tatorten bietet. Selbst für den erfahrenen, inzwischen pensionierten Kriminalhauptkommissar Gerhard Starke, der als Mitglied der Mordkommission Koblenz damals half, die Verbrechen aufzuklären und den Mörder schließlich hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Fast 20 Jahre später, im Frühjahr 2017, hat der angehende Journalist Mauritius Kloft sich gemeinsam mit Kripo-Mann Gerhard Starke des Falls angenommen, in dessen Mittelpunkt ein Mann steht, der die Republik in Atem hielt: Dieter Zurwehme. Der damals bereits verurteilte Mörder, der von einem Freigang nicht zurückkehrte, und dem es nach den Morden von Remagen immer wieder gelungen ist, seinen Verfolgern zu entkommen, bis er schließlich völlig unspektakulär festgenommen wird.

Nun liegt das Buch von Kloft und Starke vor: „Die Morde von Remagen“. Es ist eine aufschlussreiche Darstellung der schrecklichen Ereignisse, die im Sommer 1999 viele beschäftigte: Nicht reißerisch, sondern sensibel und mit Details, die nur einer wissen kann, der damals dabei war.

Gegenüber dem General-Anzeiger erinnert sich der Chefermittler Gerhard Starke: „Es gab in Remagen zwei Tatorte. Der eine war in der Sinziger Straße, gegenüber dem heutigen Krankenhaus, und einen zweiten in einer Villa am Rhein.“

"Es sah aus wie in einem Schlachthaus"

In der Wohnung an der Sinziger Straße habe man im Bad zwei Leichen, Mann und Frau, und eine schwer verletzte Frau im Schlafzimmer gefunden, die wenig später im Krankenhaus starb. Starke: „In dieser Wohnung sah es aus wie in einem Schlachthaus. Im Bad war das Blut der Opfer bis fast zur Zimmerdecke gespritzt, die gekachelten Wände voller Blut. Gefesselte Leichen, große klaffende Wunden in den Gesichtern und am Oberkörper.“ Das Federbett und die Matratzen im Schlafzimmer seien blutdurchtränkt gewesen.

In der Villa am Rhein fand Starke eine dritte Leiche. Einen Mann. Er wies ebenfalls große Wunden an Oberkörper und Hals auf. „Ein Bild des Grauens“, erinnert sich der pensionierte Hauptkommissar. Zum Beginn der Ermittlungen habe er eigentlich nur wenige Ansätze vorgefunden, um den oder die Täter schnell zu überführen. „War es eine Familientragödie? Ein Raubüberfall? Wie viele Täter gab es?“, fragte sich Starke damals. „Nach ersten Mitteilungen der Spurensicherer trugen der oder die Täter Handschuhe. Bis dann bei der weiteren Spurensicherung einen Fingerabdruck an einem Wasserglas gefunden wurde: Er stammte von Dieter Zurwehme“, so der Polizist im Rückblick.

Ermittler war damals Gerhard Starke.

 

Zurwehme war zu diesem Zeitpunkt bereits länger auf der Flucht. Die Fahndung begann bereits im Dezember 1998, als der vielfach vorbestrafte Gewalttäter von seinem 117. Freigang nicht mehr in die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne zurückgekehrt war.

Dort hat er wegen Mordes an einer Sekretärin in Düren im November 1972 gesessen. Er tauchte unter und übernachtete schließlich am 20. März 1999 in einer leerstehenden Villa in Remagen. Dort wurde er von Kurt Schröder entdeckt, einem Mann, der in der Villa nach dem Rechten sah und der dem Eindringling mit der Polizei drohte. Zurwehme stach ohne zu zögern zu, der 71-Jährige war sofort tot. Dann nahm er Handy und Schlüssel des Toten und zog sich dessen Jacke an. Im Anschluss fuhr er in die Wohnung des Ermordeten. Für die Fahrt an die Sinziger Straße benutzte er Schröders Wagen.

Fernseher flog aus dem Fenster

Dort traf Zurwehme – die Jacke des Getöteten tragend – auf die Ehefrau des Ermordeten, deren Bruder Paul Becker und dessen Frau Rita. Er bedrohte, fesselte und erstach sie schließlich mit jeweils mehreren Messerstichen. Er sei in Panik gewesen, wie „im Rausch, alles war nur noch nebelig“, sollte er später in der Vernehmung sagen.

Rita Becker überlebte die erste Attacke. Sie rief um Hilfe, bis Zurwehme erneut auf die 60-Jährige einstach. Als er sie tot glaubte, flüchtete er mit 8000 Mark und dem Auto, dessen Schlüssel er in der Wohnung gefunden hatte. Doch Rita Becker lebte. Sie stieß sogar den Fernseher aus der Dachgeschosswohnung auf die Straße, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Hilfe kam dennoch zu spät. Sie erlag fünf Tage später ihren Verletzungen.

Eine lange Flucht begann. Neun Monate sollte sie dauern. Bundesweit wurde nach dem Gewaltverbrecher gefahndet. Zeugen wollten Zurwehme zur gleichen Zeit in Hennef, in Köln, in Hamburg, in Berlin, in Bayern oder Hessen, ja sogar auf Mallorca gesehen haben. Unschuldige wurden vorläufig festgenommen, weil sie versehentlich für den Mörder gehalten wurden. Eine fatale Panne rückte die Polizei dann Ende Juni in die Schlagzeilen: Im thüringischen Meldrungen erschossen Beamte einen 62-jährigen Urlauber aus Köln, weil sie ihn nach einem Hinweis irrtümlich für Zurwehme hielten. Doch gehen immer mehr Hinweise in Polizeiwachen ein.

Festnahme in Greifswald

In Greifswald wurde der Mörder von Remagen schließlich festgenommen. Ein Bahnschlosser hatte Zurwehme erkannt. Unmittelbar nach dem Frühstück sei er mit seiner Frau zu einem Baumarkt gefahren, um Material für die Sanierung seines Eigenheims zu kaufen, so der entscheidende Tippgeber. Um 7.45 Uhr sei ihm auf dem Fußweg ein Mann mit einem „komischen runden Vogelscheuchenhut“ aufgefallen. Er habe dann den Wagen gewendet, um die Person nochmals in Augenschein zu nehmen und sei von da an sicher gewesen: „Das muss der Zurwehme sein.“

Der festgenommene Schwerverbrecher Dieter Zurwehme wird nach seiner Festnahme und erstem Verhör von Polizisten in Greifswald abgeführt.

 

Die 10.000 Mark Belohnung, die auf die Ergreifung des Schwerverbrechers ausgesetzt waren, flossen in den Hausbau des Zeugen.

Das Landgericht in Koblenz verurteilte den 57-Jährigen wegen Mordes an den beiden Remagener Ehepaaren Kurt und Maria Schröder sowie Paul und Rita Becker, einer zuvor begangenen Vergewaltigung einer 16-Jährigen, schweren Raubes, Freiheitsberaubung und versuchten schweren Raubes zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der Angeklagte schwieg während des gesamten Prozesses. „Der Angeklagte tötete in krasser Selbstsucht vier Menschen.“ Zurwehme sei ein Intensivtäter mit niedriger Hemmschwelle, so das Gericht. Seit seiner Jugend habe er Gewalt angewendet, um seine materiellen und sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne jedes Mitleid mit den Opfern. Er gehe „brutal, geschickt und kaltblütig“ vor, befand das Gericht.

Gerhard Starke: „Bei seiner Festnahme war Zurwehme total abgemagert und nervlich am Ende. Die Fahndungsbilder hatten keine Ähnlichkeit mehr mit der festgenommenen Person. Von Greifswald aus wurde Zurwehme mit einem Hubschrauber nach Koblenz geflogen. Dort wurde er über mehrere Tage von uns vernommen. Er hat alle Taten von Remagen gestanden.“

Kein Mitleid, keine Reue

Mitleid mit seinen Opfern habe er nicht gezeigt, auch keine Reue. In der Hauptverhandlung machte er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Er erhielt lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Starke: „Er wird die JVA lebend nicht mehr verlassen.“ Zurwehme sei ein eiskalter Mensch, der seinen Willen durchsetze. Sein brutales Vorgehen sei einzigartig gewesen. Starke: „Er ist nicht dumm, aber unberechenbar.“

Der schlimmste Fall in Starkes Ermittlerlaufbahn sei der Vierfach-Mord von Remagen nicht gewesen. „Wir hatten im gleichen Jahr einen weiteren Vierfach-Mord in Koblenz zu bearbeiten“, erinnert sich der Hauptkommissar. Die Morde von Remagen hätten sein Leben nicht verändert, „nur meinen Erfahrungsschatz bereichert“. Zurwehme hat 2001 eine Kellnerin aus Berlin-Spandau im Gefängnis geheiratet. Er sitzt in Bochum ein.

Mauritius Kloft/Gerhard Starke Die Morde von Remagen/ Die Jagd auf den Schwerverbrecher Dieter Zurwehme, 11,90 Euro. ISBN 978-3-89796-273-6; Gardez! Verlag und Verlag Christoph Kloft 2017

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