Blick in die Geschichte

Von Schloss Marienfels und Monsieur de Spinat

Schloss Marienfels in Remagen wird das neue Zuhause der Familie Gottschalk. Foto: ap

20.01.2006 Remagen. Mit dem Adeligen und Eigentümer der Drachenburg zog 1975 eine eigenwillige Persönlichkeit in das Remagener Anwesen - Seine Vorliebe für Blattgold machte selbst vor einer Champagnerflasche nicht Halt

Seit 1859 muss der Teufel weitere Wege gehen, wenn er jemanden in Remagen besuchen will. Dem Volksglauben nach wohnte der Teufel, wenn er nicht in der Hölle bei seiner Großmutter war, in einer Höhle des Berges, auf dem heute Schloss Marienfels steht.

Als ein Jahr zuvor Eduard Frings aus Krefeld-Uerdingen das Gelände erwarb, ließ er als erstes von dem Baumeister Karl Schnitzler vor der Höhle eine halbrunde Nische bauen, in der noch heute die wunderschöne Muttergottesfigur mit Kind steht und damit dem Teufel den Garaus machte. So ergab sich, dass das neue Schloss sogleich den Namen "Marienfels" erhielt. Am 17. Mai 1859 legte man den Grundstein, und im August 1860 zog Eduard Frings mit seiner Familie in die ersten drei fertiggestellten Zimmer ein. Im nächsten Jahr folgten die Nebenbauten, und bis 1863 waren auch die Außenanlagen fertiggestellt.

Besondere Schwierigkeiten bereitete die Wasserversorgung. Erst im Herbst 1860 konnte man oberhalb des Schlosses eine Quelle finden und erbohren. 1875 starb der Bauherr, aber seine Frau blieb Remagen und dem Schloss treu; sie kam immer wieder hierher. Doch das Schloss blieb nicht im Besitz der Familie. 1907 kaufte es der Kölner Industrielle Otto von Guilleaume und baute Bäder und Wasserklosetts ein; ansonsten ließ er das Schloss unverändert. 1936 erwarb der Remagener Türenfabrikant Otto Becher Marienfels. In dieser Zeit wurde die bis dahin offene Terrasse zur Rheinseite verglast und zu einer Veranda umgebaut.

Anfang der 60er Jahre war die Gesellschaft "Klinik Sanatorium Schloss Marienfels" der Besitzer. In dieser Zeit baute man kleine Holzhäuser in den Park, die inzwischen alle wieder verschwunden sind. 1975 kaufte der Eigentümer von Schloss Drachenburg, Paul Spinat, das Anwesen und ließ sich stolz als doppelter Schlossbesitzer ansprechen.

Er ließ an der südlichen Schmalseite einen großen Wohnraum anfügen, der sich der neugotischen Bauweise anpasste. Aber der neue weiße Außenanstrich passte weniger gut. Innen nahm er umfangreiche Renovierungen vor, wobei überall seine Vorliebe zum Blattgold zum Vorschein kam. Die Freianlagen veränderte er sehr stark, vor allem durch den Neubau einer großen halbrunden Terrasse zum Rhein, von der man einen wundervollen Blick auf das Siebengebirge, den unter ihm liegenden Rhein, auf Unkel und nach Süden auf Remagen hat. Es gibt kaum einen schöneren Ausblick auf die Rheinlandschaft als diesen.

1989 erwarb eine Tochter des so genannten Burgenkönigs, Katharina Hillebrand, Schloss Marienfels. Nun wurden unter fachlicher Betreuung des Landesamtes für Denkmalpflege in Mainz umfangreiche Instandsetzungsarbeiten durchgeführt, die 1992 abgeschlossen wurden. Seit November 2004 ist es amtlich: Entertainer Thomas Gottschalk hat das Schloss gekauft.

Der wohl eigenwilligste Besitzer war Paul Spinat. Er stellte sich bei mir vor, nachdem er Schloss Marienfels erworben hatte. Ganz zu Anfang, noch bevor die Renovierungsarbeiten richtig begonnen hatten, kam ich zufällig mit dem Auto an der Einfahrt zum Schloss vorbei, als man einen großen Holzchristus von einem schweren Lastwagen lud, der den schmalen, gewundenen Weg zum Schloss hinauf nicht befahren konnte. Spinat wusste im Augenblick keinen Rat. Ich bot ihm an, einen Bagger zu schicken, um den Christus nach oben zu bringen. So geschah's, und von da an schaute für einige Zeit eine Christusfigur mit weit auseinander gebreiteten Armen ins Rheintal.

Nun hatte ich beim Schlossbesitzer einen Stein im Brett. Ein paar Tage später rief er an und lud mich auf ein Glas Champagner ein, um mir seine Besitzung zu zeigen. Nach der Besichtigung und seinen stolzen Erklärungen saßen wir in der Glasveranda, und er holte aus einer ausgedienten Aktentasche eine Flasche und stellte sie auf den Tisch. Dann verschwand er für ein paar Minuten, um Gläser zu holen.

So eine Champagnerflasche hatte ich noch nie gesehen. Es war ein simpler Sekt, aber er hatte die Flasche einfach mit Goldpapier überklebt, auf dem ein weiteres Schild klebte: "Cuvée Schloss Marienfels". Die Gläser, die er brachte, hatten natürlich einen dicken Goldrand. Er goss ein, und wir stießen auf seinen Erfolg an.

Hin und wieder sah man ihn mit einem "Rolls-Royce" durch die Stadt fahren; erst viel später erzählte er mir, dass der Wagen nicht sein Eigentum sei, sondern er ihn immer zu besonderen Anlässen miete. Er besaß einen besonderen Hang zum "Höheren". Und so erzählte er mir eines Tages ganz stolz, dass er ja immer schon vermutet habe, aus Frankreich zu stammen, nun aber sei es gewiss: er heiße nicht Spinat, sondern "de Spinat"; er sei also adelig. Monsieur de Spinat, das war eine Anrede, die er mochte.

Seine Frau starb. Sein Schmerz war nicht zu beschreiben. Er weinte sich bei einem Besuch bei mir nochmals aus. Früher hatte er mir mal zugeflüstert, dass er nach Fertigstellung des Schlosses mit seinen 70 Lebensjahren noch einen Sohn zeugen wollte. Der Traum war nun ausgeträumt. "Nie mehr werde ich heiraten, eine solche Frau, wie ich sie hatte, gibt's nicht noch einmal", verriet er mir.

Ein Vierteljahr war vergangen, als er mich bat, an einem Sonnabendnachmittag bei ihm vorbeizuschauen, da er mir etwas Neues zeigen wolle. Als ich auf dem Schloss eintraf, waren noch zwei schicke Damen zu Gast. Eine war eine Gräfin. Wir tranken einen Kaffee und gingen dann durchs Schloss, wo er mir kleinere Veränderungen zeigte. Als die Damen vor einem Bild einen Augenblick länger verweilten, flüsterte er mir sichtlich erfreut zu: "Ich habe mich in die Gräfin verliebt!" Dieses Techtelmechtel dauerte aber nicht sehr lange. Die Gräfin zog es offensichtlich vor, keine Madame de Spinat zu werden.

Plötzlich war in den Zeitungen zu lesen, dass er eine echte Fürstin geheiratet hatte. Zur Hochzeit fuhr er wieder seinen geliebten Rolls-Royce. Beim genaueren Hinschauen stellte sich heraus, dass die Fürstin eine Gastwirtin war, die einen Fürst geheiratet hatte, der bei ihr immer Gast war und meistens nicht bezahlte. Als ihr die Zeche zu hoch wurde, forderte sie ultimativ: "Entweder du heiratest mich, oder es gibt kein Bier mehr!"

Vor dieser Hiobsbotschaft knickte der Fürst ein. Kaum war die Zeit des Flitterns vorbei, verabschiedete sich der Fürst für immer von dieser Erde. Das erfuhr Monsieur de Spinat und dachte: der Dame kann geholfen werden. Die Fürstin habe ich nie kennengelernt, schade! Paul Spinat war trotz dieser Marotten ein äußerst liebenswerter Mensch, dem die Rheinländer die Erhaltung von zwei Schlössern zu verdanken haben. Der damalige Landeskonservator von Nordrhein-Westfalen sagte mir einmal: "Ohne den Einsatz von Paul Spinat wäre die Drachenburg nicht mehr zu erhalten gewesen. Das ist sein großes Verdienst. Dafür kann man ein paar üppige Vergoldungen in Kauf nehmen."

Auszug aus dem Buch von Hans Peter Kürten "Im Namen Roms. Remagen - eine Stadt in Geschichten" mit Zeichnungen von Erhard Weiss, erschienen im Rolandsecker Manuscripte Verlag, ISBN Nr. 3-935 221-01-0. Zu beziehen im örtlichen Buchhandel.