"Klamotten-Didi"

Remagener Wolfdietrich Vielau in Geber-Laune

REMAGEN. Geben ist in der Regel seliger als nehmen, heißt es. Wenn diese Lebensregel im "Geiz ist geil"-Zeitalter noch eine Bedeutung hat, dann kann der 70-jährige Wolfdietrich Vielau sehr selig durch das Leben gehen. Der Remagener gibt, hilft, unterstützt. Obwohl er selbst nicht gerade auf Rosen gebettet ist.

Spartanisch ist seine Ein-Raum-Wohnung eingerichtet: Ein Tisch, vier Klappstühle, eine sechsarmige Deckenleuchte, die über nur eine funktionierende Glühbirne verfügt, ein brauner Kleiderschrank, in einer Mini-Nische steht ein schmales Bett, davor ist ein kleiner, von Dokumenten übersäter Schreibtisch aufgebaut. Das war`s. Kein Telefon, kein Handy, kein PC und somit auch keine Internetverbindung. "Ich bin sehr genügsam", erklärt der frühere Bankkaufmann. Ein Auto besitzt er nicht. Dafür aber zahlreiche Hemden in schrillen Farben. "Klamotten-Didi" wird er deshalb in Remagen genannt.

Haben und nicht geben ist in manchen Fällen schlimmer als stehlen, sagt man. "Klamotten-Didi" gibt, obwohl er wenig hat. Als Wolfdietrich Vielau 50 wurde, startete er eine Sammelaktion für den Aufbau eines Kindergartens im vom Bürgerkrieg heimgesuchten Jugoslawien, als er seinen 60. Geburtstag feierte, überwies er Geld an die Opfer des Jahrhunderthochwassers im Osten.

Die Elbe war über die Ufer getreten und hinterließ vor zehn Jahren eine Schneise der Verwüstung, bei der Tausende ihr Hab und Gut verloren. Als Vielau vor einigen Wochen 70 Jahre alt wurde, verzichtete er wieder auf Geschenke, sondern sammelte für die Remagener Bürgerstiftung und für örtliche Vereine. Um die 15 000 Euro hat er alleine für Hilfsaktionen zusammen getragen und überwiesen.

Seit 1974 ist Remagen die Heimatstadt des gebürtigen Berliners. Es gab Stationen in Bonn und in Sinzig, aber in der Römerstadt am Rhein fühlt er sich seit 38 Jahren zu Hause und in der Gesellschaft eingebettet und anerkannt. Was nicht nur an seiner Geberlaune liegt. Vielmehr hat "Klamotten-Didi" eine gute Karriere als Sportler hingelegt. Für den Bonner SC spielte er 1966 als Profi in der Regionalliga-West, damals die zweithöchste deutsche Spielklasse. Verletzungsbedingt brach er seine Laufbahn ab, wurde Trainer und Spieler-Trainer im Kreis Ahrweiler. In Sinzig-Westum oder beim SV Kripp hat er Spuren hinterlassen.

Noch erfolgreicher war er jedoch als Schachspieler. Er brachte es bis zum Südwestmeister, setzte gar als Nationalspieler in Länderkämpfen seine Gegner matt. Ab und zu hilft er auch heute noch beim Schachklub Remagen aus und zeigt dort seine Künste auf dem kleinen schwarz-weißen Spielfeld, an dem er - Zug um Zug - seine Gegner ins Schwitzen bringt.

Kennt er im Schachspiel keine Gnade, so ist das im wahren Leben anders. "Ich hatte schon als Kind einen Sensus für Schwächere", erklärt er. Bereits als Schüler habe er sich für einen behinderten Mitschüler geprügelt, der wegen seines Handicaps zum Gespött der Klassenkameraden geworden war. Als "Klamotten-Didi" später Bankkaufmann wurde und im feinen Zwirn zur Arbeit ging, seien ihm in den Mittagspausen beim Schlendern durch die Stadt die vielen Menschen aufgefallen, denen es weniger gut zu gehen schien.

Obdachlosen steckte er etwas zu, für Bettler hielt er stets Münzen oder kleine Scheine parat. Das hat sich bis heute nicht geändert. Im Gegenteil: Seit Vielau Rentner ist, hat er noch viel mehr Zeit, sich um Benachteiligte zu kümmern. "Es gibt Leute, die sind gescheitert. Es ist gut und richtig, sie nicht links liegen zu lassen", sagt der alleinstehende Remagener.

Weihnachtsfeste verbringt er nicht etwa in den heimischen vier Wänden unter dem Weihnachtsbaum. Er packt stattdessen eine große Tasche mit kleinen Päckchen, fährt nach Bonn oder Köln und ist dort dann als ziviler Weihnachtsmann bei Bedürftigen unterwegs. Und wenn er wieder nach Hause in seine kleine Wohnung kommt, fallen ihm Henry Fords Worte ein: "Das Geben ist leicht, das Geben überflüssig zu machen, ist viel schwerer."