Erinnerung an ein Drama in Remagen

Die Toten sind nicht vergessen

So berichtete der General-Anzeiger vor 25 Jahren über den Unfall in Remagen.

So berichtete der General-Anzeiger vor 25 Jahren über den Unfall in Remagen.

REMAGEN. Vor 25 Jahren raste an der Kapelle Schwarze Madonna ein Auto in eine Pilgergruppe. Am Samstag werden alle Glocken zum Gedenken an die Opfer läuten.

11. April 1992. Es ist ein Samstag, die Nacht vor Palmsonntag. Eine Pilgergruppe hat sich am späten Abend an der Schwarzen Madonna zwischen Remagen und Kripp versammelt und betet. Plötzlich rast ein Sportwagen in die nach allen Seiten offene Kapelle. Den Rettungskräften bietet sich Minuten später ein Bild der Verwüstung. Vier Tote und 16 Verletzte sind zu beklagen.

Vor 25 Jahren geschah dieser schlimme Unfall, der Trauer, Leid und Schmerz bei Opfern, Angehörigen und Freunden verursacht hatte. Mit einem Gottesdienst will die Kirchengemeinde am Samstag, 8. April, der Opfer von damals gedenken.

Die Geschehnisse der Nacht sind auch nach so langer Zeit noch nicht vergessen, so die katholische Pfarreiengemeinschaft Remagen. Aus Anlass des traurigen Jahrestages werde nicht nur um 12 Uhr der Gedenkgottesdienst stattfinden. Auch sollen an diesem Samstag alle Glocken in der Stadt Remagen läuten. Mit dem Geläut werden dann die Gläubigen im stillen Gebet in Prozession vom Parkplatz am Schwimmbad (11.45 Uhr) zur Schwarzen Madonna ziehen. Auch wolle man für den Unfallverursacher beten. Für die Opfer werden Kerzen entzündet.

Lutz Sengewald erinnert sich genau. Der damals 27-jährige Remagener Rettungsassistent behandelt gerade ein Dame in Rolandseck, die sich eine Sprunggelenksverletzung zugezogen hat. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bernd Schlägel fährt er die Frau ins Krankenhaus. Es ist nichts Ernsthaftes, aber die Verletzte hat Schmerzen. Es ist 23.17 Uhr, als Sengewalds „Piepser“, eine Art Funkmeldeempfänger, Alarm schlägt.

Ein Motorradfahrer sei an der Kapelle zur Schwarzen Madonna in eine Menschengruppe gefahren, so lautete die erste - fälschliche - Einsatzmeldung. Es war eines der schwersten Unglücke der vergangenen Jahrzehnte in der Region. „Diesen Einsatz werde ich nie vergessen“, berichtete der DRK-Mitarbeiter 20 Jahre später, als der GA seinerzeit an das traurige und tragische Ereignis erinnerte.

"Eine gespenstische Ruhe"

Schnell sei man gemeinsam mit einem Notarzt am Unglücksort gewesen, so Sengewald. Statt des Motorradunfalles habe man ein Katastrophenszenario vorgefunden, das sich dem Rettungsassistenten fest in das Gedächtnis gebrannt hat. „Es herrschte eine gespenstische Ruhe, eine Art von stiller Ordnung. Keine Schreie. Kein Chaos“, erinnerte sich der DRK-Rettungsassistent über die ersten Sekunden nach seinem Eintreffen. Überall hätten Menschen gelegen, nicht Verletzte hätten sich um die Verletzten gekümmert.

„Schlägel und ich wussten nicht, wo wir anfangen sollten. Wir waren zunächst angesichts der sich bietenden Lage völlig überfordert und haben Großalarm gegeben“, blickte Sengewald im GA-Bericht vor fünf Jahren zurück. Die gerade gebildete „Schnelle Einsatzgruppe“ (SEG), DRK-Helfer aus Bad Neuenahr, Notärzte aus Bonn und Siegburg, Feuerwehren aus der gesamten Umgebung seien herbeigeeilt, nachdem der DRK-Helfer der Leitstelle einen Überblick über das Ausmaß des Unglücks gegeben hatte. Sengewald: „Das ging alles erstaunlich schnell.“ Vier Menschen waren tot, 13 waren schwer verletzt, drei wiesen leichtere Verletzungen auf.

An den Unfallwagen konnte Sengewald sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an den Fahrer. Der war damals 22 Jahre alt und hatte sich stark alkoholisiert vom Unfallort entfernt, nachdem er von der schnurgerade verlaufenden Straße aus, an der sich heute die Fachhochschule befindet, ungebremst in die Pilgergruppe gerast war, die an der Kapelle gerade von Pfarrer Klaus Birthel den Schlusssegen empfangen hatte. Später wurde der aus Unkelbach stammende Fahrer des Unglückswagens verurteilt und musste ins Gefängnis.

50 Minuten, so schätzte Sengewald, habe es etwa gedauert, bis alle bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogenen Menschen versorgt und abtransportiert worden seien. Er selbst habe zwei schwer Verletzte zum Venusberg gefahren. „Wir haben im Kollegenkreis aber auch privat monatelang, ja jahrelang über das Unglück gesprochen – als eine Art von aktiver Stressbeseitigung“, sagte Sengewald.

Knapp ein Jahr später sollte der Mann mit einer neuen Katastrophe konfrontiert werden: Zwei junge alkoholisierte Frauen hatten tief in der Nacht die Bundesstraße 9 in Bad Breisig überqueren wollen und liefen plötzlich über die Straße, als sich ein Rettungswagen – mit Blaulicht und Martinshorn – näherte. Beim Zusammenstoß wurden beide Frauen sofort getötet. Zur Besatzung des Rettungswagens gehörte Lutz Sengewald.