Norbert Blüm trat biografischen und politischen Geschichten in Remagen

Die Oma, Chile und das Wunder von Bern

Still, ernst und auch heiter: Norbert Blüm bei seinem Vortrag in Remagen.

Still, ernst und auch heiter: Norbert Blüm bei seinem Vortrag in Remagen.

REMAGEN. Von den gut gefüllten Reihen im Foyer der Rheinhalle kam kein Laut während des Auftritts. Beinahe andächtig lauschte das Publikum dem Gast und so blieb es bis zuletzt. Norbert Blüm, Bundesarbeitsminister a. D., und nach seiner politischen Karriere auch als Kabarettist und Autor unterwegs, stellte sein Buch "Biografische und politische Geschichten zum Weinen und Lachen" vor.

13 Jahre hat der für seinen Humor über Parteigrenzen hinweg Beliebte in Remagen gewohnt, "erst oben an der Villa Heimann, später in der Nähe vom Kapellchen, wo Ratsuchende hinkamen, die zu der Hellseherin Buchela wollten". Die Blüms kannten im Städtchen auch einen ehemaligen Reiterknecht aus dem 2. Weltkrieg, der in einem Kellerloch hauste.

Der Erkrankte hatte schließlich versprochen, ins Krankenhaus zu gehen. Als Blüm ihn abholen wollte, lag er ausgehfein, aber tot hinter der Tür: "Er hatte Wort gehalten, war abfahrbereit, aber er musste nicht mehr mitfahren." Vor dieser Begebenheit erzählte Blüm aus seiner Kindheit, schwenkte zurück in den Krieg, Rüsselsheim 1943, als er, achtjährig, mit der Mutter und Brüderchen Hans-Peter aus dem rauchigen Luftschutzkeller musste.

Ein Wachmann befreite sie, indem er die Kellertür zerschlug. Weil draußen Steine flogen, Trümmer und Brandbomben warteten, zögerte der Knabe. Mutter Gretel schubste ihn, damit er die kurze Strecke zwischen Haustür und rettendem Hauptportal der Opel AG zurücklegte. "Diese 30 Schritte, die längste Wanderung meines Lebens, trage ich wie einen Film in meinem Kopf", sagte Blüm, dankbar für "die längste Friedenszeit seit Menschengedenken" im Land.

Oma Babette war sein leuchtendes Vorbild

Der schmerzlichen Erinnerung folgte eine funkelnde an Oma Babette, "groß gewachsen, kraftstrotzend und herzensgut". Die von ihm geliebte und bewunderte Frau war sein leuchtendes Vorbild für den aufrechten Gang.

Am Band in der Fabrik hatte sie gewagt, Herrn Geheimrat von Opel Paroli zu bieten. Besuche bei ihr zählen zu Blüms "frühkindlichen Glückserlebnissen". Nach dem Tagewerk nahm sie ihn in der dunklen Küche, wo nur die Herdglut flackerte, auf den Schoß, sang ihm "Schlaf Kindchen schlaf" vor und legte ihn angekleidet, wie sie sich selbst zur Nacht begab, ins Bett. "So sicher habe ich mich im Leben nicht mehr gefühlt", erklärte der heute 80-Jährige.

Seine farbige Erzählweise, sein ereignisreiches Leben berührte die Zuhörer und nahm sie mit auf eine wechselvolle Zeitreise von heiter bis nachdenklich.

Die schloss Witze über die Planwirtschaft in der DDR ebenso ein wie Zwischenrufe im Bundestag, wo Herbert Wehner dem geschmeidig, manchmal zu glatt sprechendem Rainer Barzel ins Wort fiel mit "alle 1000 Worte Ölwechsel".

Eine lautstarke Auseinandersetzung mit Pinochet

Ernst wurde es, als der frühere Politiker auf seine Reise nach Chile zu sprechen kam, wo er 1987 mit Staatschef Pinochet, "Menschenverächter und Schlächter", zusammentraf. Er führte mit dem aufbrausenden Diktator eine lautstarke Auseinandersetzung über Folter in dessen Land und die Schuld der Deutschen.

Blüm hielt ihm unbeugsam seine Grausamkeiten vor. Es gelang ihm, 14 zum Tode Verurteilte zu retten. Noch lange nach Pinochets Amtszeit wurde Blüm für seine Kritik bei einem Besuch in der chilenischen Industrie- und Handelskammer abgestraft. Statt wie andere Delegierte auf dem Podium zu sitzen, gab man ihm einen Platz vor der Toilette. "Sie dachten, ich sei beleidigt, war ich aber nicht", mokierte sich der Vortragende. "Denn alle Journalisten wollten wissen, weshalb ich dort saß".

Zum Abschluss des gehaltvollen Abends voller Lebensmomente schilderte der Autor vieler Bücher mitreißend, wie er am 4. Juli 1954 das Wunder von Bern im Zug zwischen Rüsselsheim und Königswinter erlebte. Auf den Bahnsteigen erfuhren die Reisenden durch Zeichen von Schrankenwärtern und Ansagen vom jeweiligen Stand des Fußballspiels Deutschland gegen Ungarn.

In Neuwied tönte es aus dem Lautsprecher: "Deutschland ist Weltmeister". In Oberwinter, wohin Blüm zwecks Fortbildung für den Betriebsrat fuhr, "waren die Leute aus dem Häuschen und warfen Strohhüte am Fuße des Drachenfels".