Seit 1947 Traditionen pflegen

Wenn auch die Enkelin Möhne werden will

SINZIG. Alle jecken Wiever fiebern Weiberdonnerstag entgegen - natürlich auch die Sinziger Stadtmauremöhnen. Sie haben ein Rathaus zu stürmen und den neuen Bürgermeister Andreas Geron zu lehren, dass an diesen Tag die Macht allein ihnen gehört.

An Wieverfastelovend ist ihr Tag: Das unterstreichen die jecken Weiber mit dem Möhnewibbel, also Schunkeln, Tanz, Fähndelschwenken und Musik auf dem Sinziger Marktplatz und mit ihrer großen Sitzung im Helenensaal, wohin sie mit dem Spielmannszug Freiweg Sinzig und den Närrischen Buben ziehen. „Rund 300 Gäste“, weiß Claudia Busch, seit 2013 Obermöhn und einst Mitglied der Showtanzgruppe der Stadtsoldaten, bringen den „Saal mit Flair“ zum Beben. Mit ihr und Vorgängerin Renate Jung, die 16 Jahre amtierte, sprach der GA über die Traditionen der Möhnen und ihren Zusammenhalt.

Mit 38 Mitgliedern, „die Zahl ist auf 40 beschränkt“, hat der Verein genau die richtige Größe, findet Busch. Er habe sich „stetig verjüngt“, so Jung, die beobachtete: Wer als Jugendlicher nach Köln fuhr, hat später mit Familie eher Lust auf Karneval am Wohnort. „Außerdem ziehen Jüngere auf der Bühne, wie Silke Meier, andere nach“. Früher war der Andrang so groß, dass die Möhnen erwogen, zwei Sitzungen abzuhalten. „Aber lieber ein voller Saal statt zwei halbvolle Säle“, entschieden sie dann.

In Pink dekoriert

„Es wird schön dekoriert, wieder in Pink; den kompletten Hintergrund bildet ein Foto von uns vor dem Schloss“, verrät Busch. Was die Frauen einzeln, zu zweit oder mehreren an Sketchen, Tänzen und Reden für die Bühne ausgeheckt haben, erfährt auch sie erst bei der Generalprobe drei Tage vor Weiberdonnerstag: „Jeder gibt sich redlich Mühe, da habe ich volles Vertrauen“. Jung wirft indes ein, „wir sagen jedes Mal, wir müssen etwas früher anfangen zu üben“.

Stars brauchen die Möhnen nicht. Eine gute Möhne „muss vor allem Spaß haben“, weiß Busch. „Sie sollte Zeit und Ausdauer mitbringen“, ergänzt Jung aus ihrer Erfahrung. Jede hat ihre Qualitäten, ob tanzen, reden, planen. Anregungen für die Auftritte liefert das jährliche „Rheinschiene-Möhnentreffen“ mit einer Art „Best of“ früherer Sitzungen. Und schließlich stellte der 1947 im Café Zepp gegründete Verein bereits zehn Prinzessinnen, angefangen von Maria Welsch 1952 bis Andrea Klapperich in der vergangenen Session.

Die Stadtmauremöhnen sind auch stolz, anders als die einheitlich gekleideten Möhnen aus Remagen, Löhndorf und Westum individuelle Kostüme zu tragen. Darüber staunte Jung, als sie von Euskirchen nach Sinzig zog. Für Busch war es ebenso „ein Pluspunkt“. In den 1990ern wachte jedoch Obermöhn Hilde Nachtsheim streng darüber, dass keine Möhne ohne Chemisettchen, Schößchen und Schirm erschien. Mancher Wandel hielt Einzug. Gerne unterhält sich Renate Jung deshalb mit den alten Möhnen. Sie erfuhr, dass es ehemals keine Toiletten im Helenensaal gab, nur Zinkeimer. Wer sich während der Sitzung erleichtern wollte, musste warten, bis die Leute applaudierten und damit das Plätschern übertönten.

Möhnen auf Zack

Nicht nur an Schwerdonnerstag sind die Möhnen auf Zack. Während der tollen Tage nehmen sie an der Narrenmesse und der Schlüsselübergabe am Rathaus teil, und selbstredend gehen sie im Veilchendienstagszug mit. Außer im Sommer haben sie im Jahr monatliche Treffen. Außerdem gibt es ein Möhnengrillen, eine Ganztagestour mit Übernachtung und Familienwanderungen, wobei die Männer Fahrdienste übernehmen. An dieser Stelle betonen Busch und Jung einstimmig: „Die Männer muss man hoch loben.“ Ihre Unterstützung sei goldwert und koste sie manchmal sogar Urlaubstage. Um die Kasse aufzubessern, sind die Möhnen etwa beim Weihnachtsmarkt vertreten: „Unser Renner ist der Eierpunsch“, so Busch.

In einigen Familien geben die Möhnen den Stab an die nächste Generation weiter. So ist Wilhelmine Schmitz, Mutter von Obermöhn Busch, mit 93 Jahren ältestes Mitglied und seit 1964 dabei. Buschs Tochter Jaqueline Schäfer, derzeit in der Showtanzgruppe, versichert bereits: „Ich komme auch irgendwann zu den Möhnen.“ In der fidelen Truppe verbuchen Busch und Jung jeweils ein tollstes Erlebnis, Busch ihre einstimmige Wahl zur Obermöhn und Jung die Riesenüberraschungsfete zur Verabschiedung.

Darüber hinaus ist für beide das Schönste im Verein die Gemeinschaft. Teamgeist, feiern mit Alt und Jung und die sozialen Kontakte, die Alleinstehenden, Witwen und jungen Frauen gut tun, tragen dazu bei. „Wir sind eine große Familie, bei uns läuft alles rund“, sagt Claudia Jung. Ihr Fazit: „Wir sind ein Vorzeigeverein.“