Das Konzentrationslager "Rebstock"

Von Braun, die V2 und das KZ

DERNAU. Eine kleine Tafel mahnt an einer Stützmauer der nie fertiggestellten Strategischen Bahnlinie bei Dernau. Mehr erinnert heute nicht an die Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, das in Nazi-Deutschland den Decknamen „Rebstock“ trug.

Die Tafel hat die Inschrift: „Zum Gedenken an das Außenlager des KZ Buchenwald 21.8.1944 – 13.12.1944 und allen Opfern des Nationalsozialismus – den Lebenden eine Mahnung“. Die Baracken des Lagers standen oberhalb von Marienthal, dort wo noch heute der frühere Haupteingang des Regierungsbunkers zu sehen ist.

Mehr wäre es auch wohl nie geworden, wenn nicht ein Grafschafter Verein das Areal vor zwei Jahren für den Bau einer historischen Frankensiedlung vom Bund hätte haben wollen. Da kamen Erinnerungen hoch und die Landeszentrale für Politische Bildung auf den Plan. Der Platz, an dem Menschen einst zur Sklavenarbeit gezwungen wurden, war dann doch zu sensibel belastet, um dort eine, wenn auch historische interessante, mittelalterliche Siedlung entstehen zu lassen.

Das Scheitern des einen Projektes war aber der Startschuss für ein anderes: die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschehnisse im Lager „Rebstock“ durch die Landeszentrale.

Broschüre zur Aufarbeitung

Das Ergebnis liegt jetzt in der Reihe „Blätter zum Land“ vor und trägt den Titel: „Das Lager Rebstock 1943/44 – Rüstungsbetrieb und KZ im Ahrtal“. Autor ist der Bad Breisiger Wolfgang Gückelhorn, verantwortlich zeichnet der Chef der Landeszentrale, Uwe Bader, mit seiner Kollegin Irene Nehls. Das Trio stellte die Broschüre, die hauptsächlich für Schulen gedacht ist, in der ehemaligen Ahrweiler Synagoge vor. Dem Ort, an dem bei einer Fachtagung des Bürgervereins Synagoge die Idee für den 70. Band der „Blätter“ geboren worden war.

Und auch die, die meinten die Historie des Ahrtals zu kennen, wurden bei der Präsentation der neuesten Erkenntnisse über das „beinahe vergessene KZ“ überrascht. Denn der Name Wernher von Braun wird heute von den meisten mit der Mondlandung der Amerikaner und allenfalls noch mit der Raketenforschungseinrichtung der Nazis in Peenemünde in Verbindung gebracht.

Werner von Braun ging ein und aus

Doch es war auch Wernher von Braun, der im Lager „Rebstock“ ein und aus ging, in der späteren Staatsdomäne Marienthal residierte, Aufträge und Anforderungen unterschrieb und auf höchster Ebene dafür kämpfte, dass alle Tunnel im Ahrtal für die Produktion der A 4-Rakete, besser bekannt als V 2, genutzt werden sollten.

In der KZ-Verwaltung in Marienthal traf von Braun auch Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und als solcher auch des Bad Neuenahrer Apollinaris-Brunnens, oder Hans Kammler, als SS-Architekt verantwortlich für alle KZ-Bauten einschließlich der Gaskammern.

Kammler beging 1945 Selbstmord, Pohl wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagt und hingerichtet, Wernher von Braun machte in den USA bei der NASA Karriere, brachte den ersten Menschen auf den Mond. In Marienthal billigte er die Zwangsarbeit für seine Projekte.

Denn Produktion von „Wunderwaffen“ durch Ausbeutung von Menschen als Arbeitssklaven, das war es, was sich in den Bergen des Ahrtals abspielte. Schon ab Herbst wurden 500 italienische Militärinternierte zum Tunnelbau gezwungen, ab 1944 bis zu 300 Zwangsarbeiter aus den Niederlanden. Zahlen, die Gückelhorn akribisch recherchiert hat.

Zuletzt waren es mehr als 800 Häftlinge

183 Häftlinge wurden aus dem KZ Buchenwald nach Dernau verlegt, produzierten für die Stettiner Firma Gollnow in den Tunnels die V 2. 300 aus Ungarn angekarrte „jüdische Spezialisten“ sollten die Produktion der V 1 übernehmen, wurden jedoch von Dernau zum KZ Mittelbau-Dora weitergeleitet. Zuletzt waren es mehr als 800 Häftlinge, die von der SS bewacht wurden.

Als die Front Ende 1944 näher rückte verließen die letzten KZ-Häftlinge Dernau mit Ziel Mittelbau-Dora und Artern in Thüringen, um dort die Produktion neu zu starten. Dazu kam es nicht mehr. Die Todesmärsche begannen dort im April 1945.

Auch im Lager Rebstock unter Kommandoführer SS-Oberscharführer Karl Schmidt (1961 für tot erklärt) wurde gemordet. Es gab einen Galgen. Das haben Ermittlungen der amerikanischen und französischen Untersuchungskommissionen ergeben. Anzahl und Namen der Todesopfer konnten jedoch nie ermittelt werden, stellten auch deutsche Behörden fest. Auch nicht die Stellen, an denen die Opfer im Ahrtal begraben wurden.

Broschüre enthält nur aktuell bekannte Informationen

„Da erwarten wir Klarheit, wenn die Franzosen irgendwann ihre Archive dazu öffnen“, sagte Uwe Bader. Das könne wegen einer in Frankreich geltenden 100-Jahres-Frist aber 2047 werden. Die Broschüre der Landeszentrale sei eine Aufnahme der aktuell bekannten Informationen.

Ergänzt wird die Broschüre durch Schilderungen ehemaliger Häftlinge. So des Franzosen Roger Detournay, der 2005 mit seiner Tochter nach Marienthal zurückkehrte. Seine Erlebnisse schilderte er damals Koblenzer Historikern. Diese wurden ebenso in den Band eingebaut wie die Aussagen des polnischen KZ-Häftlings Mieczyslaw Dabrowsiky und die von Dernauer Bürgern, deren Namen aus Datenschutzgründen anonymisiert sind. Denn die Aussagen der Zeitzeugen aus dem Ahrtal waren in den 80-er Jahren Bestandteil eines später eingestellten Ermittlungsverfahrens wegen Mordes der Staatsanwaltschaft Koblenz (AZ: 1UJs 268/86).

Diese Akten wurden an das Landeshauptarchiv Koblenz abgegeben und für die „Blätter zum Land“ ausgewertet, die in einer Auflage von 10.000 Exemplaren vorliegen. Bader: „Für Schulen ist eine pdf-Fassung in Planung“.

Die „Blätter zum Land“, auch die vor zwei Jahren erschienene Broschüre zum Rheinwiesenlager bei Remagen, können unter info@ns-dokuzentrum-rlp.de angefordert werden.