Obstsortentag

Vergessene Apfel- und Birnensorten erleben in Waldorf eine Renaissance

WALDORF. Die Naturschutzgemeinschaft Vinxtbachtal und die Fördergemeinschaft naturnaher Obstwiesen und -weiden hatten zum vierten Obstsortentag nach Waldorf eingeladen. Nahezu tausend Besucher wurden gezählt - ein Rekord.

Ingrid Marie ist „optisch ansprechend“, die Köstliche von Charneux anspruchslos, Ernst Bosch ist widerstandsfähig gegen Krankheiten, und typisch für Kaiser Alexander ist das Faulen am Baum: Äpfel mit Birnen zu vergleichen war angesagt in der Waldorfer Vinxtbachhalle. Schließlich hatten die Naturschutzgemeinschaft Vinxtbachtal und die Fördergemeinschaft naturnaher Obstwiesen und -weiden (Föno) dorthin zum vierten Obstsortentag seit 2008 geladen und gingen zu fortgeschrittener Veranstaltungsstunde von einem neuen Rekord von nahezu tausend Besuchern aus.

Diese steuerten fast alle erstmal die imposante Riege von rund 120 Obstsorten an, die an drei langen Tischen präsentiert wurden. Da lagen auch Rheinlands Ruhm, das Rheinische Seidenhemdchen und die Gräfin von Paris ansprechend platziert in Körbchen. Genau hingucken war erlaubt, riechen auch, berühren eher weniger.

Äpfel zum probieren

Aber wenige Meter gab es zu probieren, was viele nicht mehr kennen: Apfelsorten wie Nimmermür, Goldparmäne und Rheinischer Krummstiel. „Alles Streuobst, alles ungespritzt, alles aus der Umgegend“, hieß es da, und nicht nur die fünfjährige Bente aus Oberzissen griff zu. Während die Mama es säuerlicher liebte, stand sie auf „süß“ und „Rote Sternrenette“, den manche ältere Besucherin als Weihnachtsapfel identifizierte, „den wir früher poliert und in den Christbaum gehängt haben“.

Nicht wenige Besucher brachten eigene Äpfel zur Sortenbestimmung mit. Andere hatten andere Anliegen: Eine Sinzigerin suchte einen Apfel, den auch Allergiker vertragen, und fand gleich eine Liste voll. Resi und Reiner Hoss aus Wollscheid waren auf der Spur eines Apfelbaums für den Garten, „weil jedes Enkelkind dort einen bekommt und weil hier so viele Fachleute gerne und gut beraten“.

Spezialist für Obstsorten

Einer der Fachleute war der Bad Breisiger Christoph Vanberg, seines Zeichens Pomologe, also Spezialist für Obstsorten. Obstbäume seien Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, sagte er und hatte noch jede Menge weitere Argumente für selbst angebautes Obst und den Erhalt und Verzehr von regionalen und „alten“ Obstsorten: „Sie sind robust und lassen sich ohne Einsatz von Chemie oder Kupferpräparaten anbauen. In 99 Prozent der modernen Apfelzüchtungen stecken zudem immer dieselben sechs Sorten. Das macht sie anfällig für Krankheiten und das trägt bei zum Einerlei.“

Mit alten Sorten, die zudem nur wenig Allergiepotenzial hätten, ließe sich das ändern. Sie taugten darüber hinaus nicht nur als Tafelobst sondern auch für Saft, Brand, Kompott und für Obstkuchen. Das sei auch die Idee hinter dem Obstsortentag: Die Darstellung von Artenvielfalt, Verwendungsvielfalt und Geschmacksvielfalt jenseits der rotbackigen süßen Äpfel, welche die Leute heute fast nur noch wollten.

Vielfalt

Eine Ahnung von der Vielfalt bekamen die Besucher in und außerhalb der Vinxtbachhalle. Beim Obstsortentag wurde nicht zuletzt der zehnte Geburtstag des Waldorfer Streuobstlehrpfads mit einer Führung über die rund zwei Kilometer lange, mit einigen neuen Infotafeln versehene Strecke gefeiert. Zum Programm gehörten weiterhin die Pflanzung eines Birnbaums und eine Vorführung zum richtigen Obstbaumschnitt am Beispiel eines Apfelbaums.

Wo es um Obstbäume geht, ist auch der Imker nicht weit, sondern mit einem eigenen Stand vertreten gewesen. Außerdem präsentierten sich Naturschutzvereinigung und Naturkostladen. Vor der Vinxtbachhalle wurde unermüdlich Apfelsaft gepresst und eine Baumschule hatte unter anderem Hoch- und Halbstämmchen von Lokalsorten wie Neunzelings und Nägelchesapfel im Angebot, die derzeit nur aus Waldorf und Umgebung bekannt sind. Davon landeten einige für die Pflanzung im heimischen Garten bald im Auto, diverses Obst aus dem Verkauf für zu Hause kam in der Tüte mit, und Apfelkuchen in vielen Variationen mundete vor Ort.