Interview mit Wolfgang Kroeger

Sinzigs Bürgermeister über die Zukunft der Stadt

Sinzig. Wolfgang Kroeger (CDU) ist 59 Jahre, 11 Monate und 25 Tage alt. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter. Zu seinen Hobbys zählt insbesondere der Motorsport. Bürgermeister der Stadt Sinzig ist er seit Januar 2002. Im Interview äußert er sich zur Zukunft der Stadt.

Herr Bürgermeister, kennen Sie eigentlich die Sintoi?
Wolfgang Kroeger: Nicht wirklich...

... so hieß angeblich ein in Ihrem Ort ansässiger thrakischer Stamm, der den Römern Hilfstruppen stellte. Vor allem in Ihrer Nachbarstadt Remagen. Vielleicht ist der Ortsname Sinzig, der als Sentiacum aber erst 762 erstmals erwähnt wurde, auf diese Thraker zurückzuführen. Andere glauben, dass der römische Konsul und Statthalter Gnaeus Sentius Saturninus, der zur Zeit des Kaisers Nero lebte, Namensgeber des Ortes gewesen sein könnte. Wissen Sie Näheres?
Kroeger: In der Tat befindet sich die Stadt Sinzig auf historischem Boden, und es gibt viele unterschiedliche Quellen, was die Namensgebung anbetrifft. Wichtig ist: Die erste urkundliche Erwähnung fand vor 1250 Jahren statt.

Wie auch immer. Eigentlich hätte man aber doch im vergangenen Jahr zumindest 1250 Jahre Sinzig feiern können, wenn denn der Ortsname tatsächlich 762 erstmals nachweislich erwähnt worden ist. Warum gab es kein Fest?
Kroeger: Einen Grund zum Feiern hat die Stadt eigentlich erst im Jahre 2017. Dann ist die Verleihung der Stadtrechte vor 750 Jahren der Anlass. Die politischen Gremien sind der Auffassung, dass dies auch der Grund ist, eine große Feier durchzuführen, da die Stadtrechtsverleihung für die Bürger eine besondere Bedeutung hat. Zwei große Feste innerhalb von so kurzer Zeit durchzuführen, wurde von den Mandatsträgern nicht gewünscht.

Kaiser Barbarossa soll mehrfach in Sinzig zu Gast gewesen sein. Beispielsweise, als er nach Aachen zu seiner eigenen Krönung ritt. Darf sich Sinzig zu Recht "Barbarossastadt" nennen?
Kroeger: Seine Pfalz in Sinzig war nicht unbedeutend, und so war er mindestens in den Jahren 1252, 1258, 1274 und 1280 hier. Das ist durch Urkunden belegt, die er hier gesiegelt hat. Durch seine Aufenthalte durfte sich Sinzig in den Kreis der nachgewiesenen Barbarossastädte (Kaiserslautern, Gelnhausen, Altenburg und Bad Frankenhausen) einreihen. In Sinzig erinnern ein Denkmal, eine Schule und eine Straße an ihn. Verschiedene Geschäfte tragen seinen Namen, und touristisch wird der alte Kaiser auf Uhren, Pralinen und Kuchen dargestellt. Es gibt sogar einen guten Rotwein, die "Edition Barbarossa".

Apropos Wein. Angeblich hat es im 9. Jahrhundert in Sinzig ein "Weinwunder" gegeben. In der Königspfalz wurde an einem Abend gespeist und viel getrunken. Zu Gast war der fränkische Gelehrte Einhart. Man labte sich natürlich auch an dem guten Gerstensaft. Das schien dem Gelehrten so gut zu schmecken, dass er einem Knappen befahl, eine Flasche von dem Biere für ihn in eine Flasche abzufüllen. Doch siehe: Statt des Bieres ergoss sich vortrefflicher Wein in die Flasche. Gleichzeitig erlosch eine Kerze ohne jeden Grund. Und es war duster in der Pfalz. Duster könnte es nun bald auch im Rathaus werden. Die Gemeinde ist stark verschuldet. Wäre es nicht schön, wenn es nun ein "Geldwunder" in Sinzig geben würde?
Kroeger: Ja, ein Geldwunder wäre manchmal schon hilfreich, denn die Ansprüche wachsen schneller, als das Geld in die städtischen Kassen fließt. In den zurückliegenden Jahren haben wir weit über 24 Millionen Euro investiert, unter anderem in die Sanierung und Erweiterung der Realschule Plus, in die Renovierung von Grundschulen oder die ersten beiden Bauabschnitte des Bahnhofs.

Wie hoch sind die Verbindlichkeiten der Stadt genau?
Kroeger: Derzeit belaufen sich die Verbindlichkeiten auf 9,5 Millionen Euro.

Dann liegen Sie ja mit der Pro-Kopf-Verschuldung weit unter dem Landesdurchschnitt....
Kroeger: Im Vergleich zum Landesdurchschnitt, der sich bei verbandsfreien Gemeinden auf rund 2100 Euro beläuft, ist unsere Pro-Kopf-Verschuldungsrate mit etwa 550 Euro vergleichsweise moderat.

Gibt es bei allem Bemühen denn überhaupt noch Einsparpotenzial? Ihre Einnahmen werden doch komplett nur zur Abdeckung der allerwichtigsten Pflichtaufgaben bereits komplett aufgezehrt.
Kroeger: Das ist so nicht ganz richtig. Neben den erheblichen Pflichtausgaben übernimmt die Stadt noch eine Vielzahl von freiwilligen Leistungen, die sich im Haushalt 2013 immerhin mit einer Summe in Höhe von etwa 600 000 Euro niederschlagen.

Können Sie die Einnahmesituation noch verändern? Höhere Hebesätze bei der Gewerbesteuer torpedieren Ihre Konkurrenzfähigkeit, wenn es um die Neuansiedlung von Unternehmen geht. Höhere Grundsteuern wären auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein und würden Zuzugswillige vergraulen...
Kroeger: Wenn das Einsparpotenzial ausgeschöpft ist, so besteht die gesetzliche Verpflichtung für die Stadt, auch auf Seiten der Einnahmen zu prüfen, ob Veränderungen möglich sind. Wir mussten in den zurückliegenden Jahren jeweils moderat die Hebesätze für Grundsteuer und Gewerbesteuer anpassen.

Zur Gewerbesteuer: Wie ist es um den Einzelhandel in Sinzig bestellt? Ist es in Wirklichkeit nicht so, dass sehr wenige große Sinziger Unternehmen mehr als 90 Prozent der gesamten Gewerbesteuer erbringen und viele kleine Firmen die restlichen zehn Prozent? Brauchen Sie nicht die Ansiedlung von großen Firmen, deren Mitarbeiter Kaufkraft in die Stadt bringen und deren Wertschöpfung und Gewinne Gewerbesteuern in die Stadtkasse spült? Halten Sie dafür Grundstücke vor?
Kroeger: Die Gewerbesteuer ist ein besonders sensibler Punkt, denn hier stehen wir im unmittelbaren Wettbewerb mit den anderen Kommunen. Allerdings ist die Gewerbesteuer nur ein Kriterium, warum sich Unternehmen in der jeweiligen Stadt ansiedeln wollen. Eine günstige Verkehrsverbindung und ausreichendes Fachpersonal sind mindestens gleichwertige, wenn nicht höherwertige Kriterien. Die Gewerbestruktur der Stadt ist gesund. Gesund deshalb, weil wir nicht abhängig sind von einzelnen großen Unternehmen. Die Vielfalt macht´s. Dass wir in den zurückliegenden Jahren auf dem richtigen Weg waren, beweist die Tatsache, dass unsere Gewerbegebietsflächen sehr stark nachgefragt wurden und ein hoher Auslastungsgrad erzielt worden ist.

Wie sieht es in Sinzig mit bezahlbarem Bauland für junge Familien aus?
Kroeger: Neben den Gewerbegebietsflächen spielt bezahlbares Bauland eine ebenso wichtige Rolle. Deshalb haben wir Bauland ausgewiesen, das auch sehr attraktiv gerade für junge Familien ist. Derzeit befinden wir uns im Aufstellungsverfahren des Flächennutzungsplanes, womit eine Neuausweisung von Bauland im Umfang von 15 Hektar verbunden ist. Denn wir wollen auch weiterhin für junge Familien attraktiv bleiben.

Wenn Sie die demografische Entwicklung vor Augen haben: Wie sieht Sinzig Ihrer Meinung nach in 30 Jahren aus? Gibt es dann noch kleine Einzelhandelsgeschäfte? Wird die Innenstadt verödet sein, weil sich das Leben in Subzentren abspielt? Glauben Sie, dann noch Träger von Kindergärten und Schulen zu sein? Was schätzen Sie, wie viele Altersheime Sie stattdessen in Sinzig haben werden? Glauben Sie, dass Handwerker dann noch Nachwuchskräfte, vor allem Fachkräfte haben werden? Was wird aus Ihrer Infrastruktur?
Kroeger: Die demografische Entwicklung und die negativen Auswirkungen sind in vollem Gange. Die Landflucht ist vielerorts feststellbar. Glücklicherweise müssen wir diese Feststellung für unser Stadtgebiet so nicht treffen. Die Lage in der Nähe vom Ballungsgebiet Bonn-Köln ist für uns von großem Vorteil. Wir haben Kindergartenplätze und gute Schulen. Auf der anderen Seite der Lebensspirale haben wir durch zwei hervorragende Seniorenheime auch die Ansprüche und Wünsche der älteren Mitbürger im Auge und bieten hier bedarfsgerechte Möglichkeiten für diese Generation an. Gerade hier kommen die Stärken und Vorzüge unserer Stadt voll zum Tragen.

Und wie ist es mit dem Leben in der Innenstadt?
Kroeger: Innerhalb des Kernstadtbereichs haben wir über 80 kostenfreie neue Parkplätze geschaffen und sind nun dabei, auch weitere Erleichterungen für die Bürger und Gäste unserer Stadt zu verwirklichen. Auch gilt es, einen guten Mix im Einzelhandel vorzuhalten. Neben den größeren Einkaufsgeschäften, die glücklicherweise bei uns nicht auf der grünen Wiese angesiedelt sind, ist es auch notwendig, attraktive Geschäfte in der Stadt selbst zu haben. Dazu gehört auch eine mit Leben erfüllte Gastronomie. Mit diesem vielschichtigen Angebot können wir in die Zukunft gehen.

Haben Sie eine Ahnung davon, wie viele Kreisel es in Ihrer Stadt gibt? Man kann sie ja eigentlich nur schätzen bei dieser Fülle...
Kroeger: Es gibt viele. Gefährliche Kreuzungen haben wir entschärft, Staus verhindert. Die Verkehrssituation hat sich um hundert Prozent verbessert. Wir wollen übrigens noch einen Kreisverkehr einrichten: im Bereich der alten Linde an der Einmündung der B 9 in die Lindenstraße.

Was ist eigentlich das besonders Liebenswerte an Ihrer Stadt?
Kroeger: Gerade die Mischung aus wohnnahem Arbeitsplatz und schönem Wohnumfeld, wie Parkanlagen und Freizeiteinrichtungen sowie die kulturellen Angeboten zeichnen unsere Stadt aus. Das Liebenswerte sind die Menschen, die hier leben. Es herrscht ein hohes Maß an Bürgersinn. Beispiele sind die Rentner, die ihr früheres berufliches Können nun für die Pflege öffentlicher Hütten und Erholungseinrichtungen einsetzen. Es gibt Schüler, die den Innenhof ihrer Schule selbst gestalten, Sportvereine, die die von ihnen genutzten Anlagen vorbildlich in Ordnung halten. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen

Hätten Sie einen Wunsch frei: Was würden Sie sich für Ihre Stadt wünschen?
Kroeger: Es wäre schon mein größter Wunsch, dass sich das Gemeinschaftsgefühl zwischen Kernstadt und den Stadtteilen weiter verfestigt und wir alle an einem Strang ziehen - und das in eine Richtung.