Eveline Lemke zieht Bilanz

Politik hart am Wind

Eveline Lemke führte die Grünen zu Rekordergebnissen, 2016 kam es dann zum Absturz.

Eveline Lemke führte die Grünen zu Rekordergebnissen, 2016 kam es dann zum Absturz.

BAD BODENDORF. Die in Bad Bodendorf wohnende Ex-Ministerin erklärt in ihrem Buch die Transformation der Grünen von einer Flügel- in eine Scharnierpartei und die Schwierigkeiten des Spagats zwischen ökologischen und ökonomischen Erfordernissen.

Keine Frage: Der März 2016 war ein bitterer Monat im Leben von Eveline Lemke. Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Die Stimmen am Abend des Wahlsonntags waren ausgezählt – und Lemke angezählt. Als Frontfrau der Grünen musste sie gerade stehen für die dramatischen Verluste ihrer Partei, die zwar mit Ach und Krach noch so gerade im Parlament bleiben konnte, jedoch auffällig unauffällig im Zweikampf zwischen Malu Dreyer (SPD) und Julia Klöckner (CDU) zerrieben worden war.

Lemke verzichtete auf ihre Parteispitzenfunktion, war nicht mehr stellvertretende Ministerpräsidentin, nicht mehr Wirtschaftsministerin des Landes. Auf der Landesliste abgesichert, zog sie als einfache Abgeordnete wieder in den Mainzer Landtag ein. Nun hat sie ein Buch geschrieben. „Politik hart am Wind“, heißt es – grüne Perspektiven für ein gutes Leben.

Gerne warf man der 52-jährigen Bad Bodendorferin vor, sie reflektiere nicht. Mit ihrem Buch beweist die Ex-Staatsministerin nun das Gegenteil. Wie unter einem Brennglas lässt sie fünf Jahre rot-grüne Landespolitik vorübergleiten, geht dabei in Tiefen und Details ohne selbstkritisches Gedankengut zu vergessen. „Jeder, der bei den Grünen in den Ruf gerät, zu viel Einfluss zu gewinnen, läuft Gefahr, seine politische Zukunft zu verspielen. Das grüne Misstrauen richtet sich dann nicht nur gegen die Mächtigen aus anderen Parteien, sondern auch gegen die eigenen Leute“, schreibt Lemke.

Sie hatte die Grünen zu Rekordergebnissen bei der Bundestagswahl 2009, bei der Landtagswahl 2011 oder auch bei den Kommunalwahlen 2014 geführt. Sie gehörte zu den Mächtigen. Dann der Absturz.

Sie habe bereits sieben Monate vor der Wahl gewusst, dass die Grünen kräftig verlieren würden. Dass es allerdings zehn Prozentpunkte sein würden, habe sie damals nicht geahnt. „Es tat weh, sich von der Möglichkeit, mitgestalten zu können, verabschieden zu müssen“, sagt sie heute. Ja, sie könne nun länger schlafen, die Wochenenden seien frei, sie verspüre einen Gewinn an Lebensqualität: „Ich bin nicht mehr nur auf Adrenalin. Ich kann wieder gesünder leben.“

Von der Flügel- zur Scharnierpartei waren die Grünen transformiert. Zur Verwirklichung ihrer Ziele muss sich die Partei inzwischen längst beweglich im politischen Farbenspektrum mit verschiedenen Partnern in die Verantwortung begeben können oder müssen, wie Lemke ausführt. „Die Orientierung für die Wähler, die uns in einem festen Lager verorten konnten, ist aufgebrochen“, erklärt sie. Dennoch seien die Grünen trotz der komplizierter gewordenen politischen Konstellationen „nicht womöglich beliebig“. Lemke: „Wir halten an unseren Ideen fest, halten Kurs.“

Den sozial-ökologisch-ökonomischen Spagat, den die Grünen dabei aushalten müssen, wird sie als Wirtschaftsministerin beispielsweise gerade in Fragen der Windenergie in Erinnerung haben. Steuern, Renten, Finanzen, Altersarmut: Hierüber hätten die Grünen in „Vor-Ort-Debatten“ eher selten diskutiert. „Wenn wir uns diesem Problem nicht stellen und keine Lösungsmöglichkeiten anbieten, könnte dies dazu führen, dass wir zwischen den großen Parteien zerrieben werden“, befürchtet sie, um es dann auch wieder auszuschließen: „Dafür bin ich zu sehr Optimist. Und: Wir können etwas dagegen tun.“

Das Buch ist im Oekom-Verlag München erschienen (ISBN 978-3-86581-846-1) und kostet 24,95 Euro.