Lesung im Bad Breisiger Kulturbahnhof

Pleitgen und Schischkin blicken auf Russland

Lesung mit Fritz Pleitgen (l.) und Michail Schischkin.

Lesung mit Fritz Pleitgen (l.) und Michail Schischkin.

BAD BREISIG. Fritz Pleitgen und Michail Schischkin haben in Bad Breisig aus ihrem Buch über das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen gelesen. Ihre Sichtweisen gehen völlig auseinander.

Alle 90 Plätze besetzt: Die Lesung von Fritz Pleitgen, langjähriger ARD-Korrespondent in Moskau, und Michail Schischkin, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller aus Russland, stieß auf großes Interesse. Dass sie in Bad Breisig zu hören waren, geht auf Pleitgens Bekanntschaft aus Moskauer Tagen mit dem Ehepaar Kiblitsky zurück. So begrüßte Brigitte Kiblitsky die namhaften Autoren freudig im Kulturbahnhof.

Ihr neues Buch „Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung“ haben sie gemeinsam und doch separat geschrieben. Der in Moskau geborene, dort aufgewachsene und heute in der Schweiz lebende Romancier beschreibt sein Herkunftsland. Ganz anders Pleitgen, der nach Moskau Korrespondent in Ostberlin, Washington und New York war und von 1995 bis 2007 WDR-Intendant. Seine Perspektive ist die „aus der Zeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs“.

Auf der lit.Cologne kennengelernt

Auf der lit.Cologne lernten sie einander vor zwei Jahren kennen und stellten fest: Beide lieben Russland und sorgen sich um die angespannten Beziehungen zwischen Ost und West. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Trotzdem sagte Schischkin zu, als Pleitgen vorschlug, „schreiben wir doch ein Buch verdammt noch mal, warum Deutschland und Russland sich nicht verstehen“.

Ihre Sichtweisen gehen völlig auseinander. „Wir sind wie Tunnelbauer, die sich von zwei Seiten durch einen granitharten Tunnel bohren“, beschrieb es Pleitgen. Aber beide Autoren meinen: „Der Leser soll sich selbst ein Bild machen.“ Dem Leser mag das gelingen. Es gestaltete sich allerdings für die Zuhörer als anspruchsvoll, ein Fazit zu ziehen, da Inhalt, Ausgangspunkt und Diktion der Redebeiträge, die Pleitgen ohne ersichtlichen Grund dominierte, so verschieden waren, dass sie keinen Vergleich ermöglichten.

Russische Lebensweisheiten

In der Schule hörte Schischkin die Fabel von der Eiche und dem überlegenen Schilfrohr. „Was sich biegt, wird nicht gebrochen“ - die Überlebensstrategie seit Jahrhunderten in Russland. Ob Mongolen oder Kommunisten, man musste sich immer anpassen. Sein Großvater hatte aufbegehrt, als man der Familie die Kuh wegnahm. Er kam nie wieder aus dem sibirischen Arbeitslager zurück, während die Bauern, die geschwiegen hatten, überlebten. Schicksalsergebenheit wurde zum kollektiven Charakterzug der Russen. Die Macht, der die Menschen hilflos ausgeliefert seien, machte den Zar zu einer sakralen Figur. Dass Demokratie eine stabile Staatsform ist, begreife das Volk nicht, ihm komme das autoritäre System als natürliche Machtform vor.

Das erkläre, so Schischkin, „warum wir eine Diktatur haben“. Er leidet an seinem Land. „Dieser Hass, alle Kriege, dieser blutige Brei muss Geschichte sein.“

Deutliche Kritik an Putins Russland

Als die Russische Föderation die Sowjetunion ablöste, sei er glücklich gewesen. Aber die Diktatur, „das historische Theaterstück“, sei zurück, Putin ein Schauspieler, in die Rolle des Zaren gewählt. „Wir müssen das Stück ändern, sonst müssen wir es ewig spielen.“ Der Schriftsteller griff den Kreml-Herrscher an. Er und seine Gefährten beuteten das Land aus. Und der Westen, der zeigen sollte, wie ein Rechtsstaat funktioniert, habe sich stattdessen „mit dem gestohlenen schmutzigen Geld bereichert“. Aber Schischkin führt eine junge Demonstrantin an: „Das ist die Hoffnung Russlands.“

Mit der Annexion der Krim und dem Konflikt in der Ost-Ukraine ist aus westlicher Sicht Vertrauen zerstört worden. Pleitgen warb indes um Verständnis für Russland. Er sprach über den Germanisten Lew Kopelew, enger Freund Solschenizyns, mit dem er im Lager war, ehemals überzeugter Kommunist, später ausgebürgerter Regimekritiker. Er war „eine wandelnde Enzyklopädie“, galt als Geheimtipp der deutschen Journalisten in Moskau. Wer den Vielvölkerstaat kennenlernen wollte, ging zu ihm: „Er ließ die Sowjetunion nicht wie einen Monolithen aussehen.“

Kopelew setzte auf Entspannung, so auch Pleitgen. Für ihn ist das Verhalten des Westens selbstgerecht. Auch die Deutschen hätten Erfahrung mit der Diktatur gemacht und die Russen nicht unterstützt beim Aufbau der Demokratie. Der Westen sei Russland überlegen. Trotzdem werde immer behauptet, Russland würde uns bedrohen. Es sei an der Zeit, ein vernünftiges Verhältnis zu Russland herzustellen, „eine aktive Ostpolitik“, europäisch abgesprochen.