Vergangenheit in Dernau

Nachkommen von jüdischer Familie kehren zurück an die Ahr

DERNAU. Ursprünglich stammt Familie Schweitzer aus Dernau an der Ahr. Im Juli/August 1939, kurz vor Kriegsausbruch, flüchteten die Juden nach Venezuela. Nun kamen die Mitglieder der Familie zu Besuch zurück an die Ahr.

Viel stürmt auf Menschen ein, wenn sie Orte aufsuchen, die für ihre Angehörigen einst das Zuhause bedeuteten, wo diese aber in der Nazizeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Manfredo und Doris Schweitzer erging es so, als sie gemeinsam mit Doris Schweitzers Tochter Ruth nun an der Ahr Station machten.

Zur jüdischen Familie Schweitzer, die früher in Dernau und Altenahr ansässig war, gehörte auch Jakob Schweitzer aus Dernau, Mitglied des Vorstands der Synagogengemeinde Ahrweiler/Dernau von 1912 bis 1918.

Die Besucher Manfredo und Doris Schweitzer hatten als Halbgeschwister indes Leo Schweitzer zum Vater, der in der Bachstraße von Dernau geboren wurde und im Roßberg in Altenahr aufwuchs, wo die Eltern eine Metzgerei betrieben. Im Juli/August 1939, kurz vor Kriegsausbruch, retteten sich Leo Schweitzer und seine Frau Elsa mit einer Flucht auf dem Schiff „Königsstein“. Sie strandeten in La Guaira in Venezuela einzig mit dem, was sie am Leibe trugen, und sie sprachen nicht ein Wort Spanisch. Leo hatte alles, was ihm lieb und teuer war, verloren. Seine Eltern Karl und Rosa Schweitzer wurden von den Nazis ermordet.

Um zu überleben, verdingte Leo sich im neuen Umfeld anfangs als Chauffeur und Elsa als Putzfrau. Nach und nach kamen sie finanziell auf die Beine. Leo arbeitete später wieder im gelernten Metzgerhandwerk und baute in Caracas erfolgreich die Fleischerei „La Carniceria Concordia“ auf. Manfredo ist ein Sohn von Leo und Elsa, die sich, unter Flucht, Krieg und dem Schicksal ihrer Familie leidend, das Leben nahm. Leo heiratete später Ruth Strauss, Tochter von Fanny Strauss, geborene Schweitzer, aus Dernau. Aus dieser Verbindung ging Tochter Doris hervor, die ihre Tochter wiederum Ruth nannte.

Zu dritt an die Ahr

Zu dritt kamen Manfredo, Doris und Ruth Schweitzer an die Ahr. Zuvor hatten sie durch Matthias Bertrams Buch „In einem anderen Lande – Geschichte, Leben und Lebenswege von Juden im Rheinland“ von der Heimat ihrer Vorfahren erfahren. Es wurde, begleitet von Autor Bertram, eine emotionale Reise. Sie führte zur ehemaligen Synagoge in Ahrweiler, den Schweitzer Häusern in Dernau und Altenahr, auf den jüdischen Friedhof Dernau und zu den für die Familie Schweitzer am Altenahrer Roßberg 39 verlegten Stolpersteinen.

Sowohl in Altenahr als auch in Dernau waren die heutigen Hausbesitzer bereit, einen Blick in die Räumlichkeiten zu gewähren und etwas zum Haus zu erzählen. Zum Abschluss besuchten Manfredo, Doris und Ruth Schweitzer mit Bertram das Dernauer Sommerfest der Kolpingfamilie in der Bachstraße, nahe dem ehemaligen Stammhaus der Familie und eine von Bertram arrangierte kleine Ausstellung im Pfarrhaus.

In Kürze geht es wieder zurück nach Venezuela. Leider in eine ungewisse Zukunft, da die Wirtschaft des Landes am Boden liegt. Die monatliche Rente nach 45 Arbeitsjahren reicht gerade dazu, 30 Hühnereier zu kaufen; dazu kommt die galoppierende Inflation. Die Ersparnisse schmelzen dahin. Hatte Vater Leo Deutschland verlassen und alles zurücklassen müssen, so stellt sich nun den Schweitzers die Frage, ob sie in Venezuela bleiben oder erneut anderswo wieder ganz von vorne anfangen müssen.