Die Grüne Hölle

Der Nürburgring wird 90 Jahre alt

Vor 90 Jahren wurde die weltberühmte Rennstrecke im Herzen der Eifel eröffnet. So kurvenreich wie ihre Nordschleife verlief auch ihre Geschichte. Seit man sich aufs Kerngeschäft konzentriert, rechnet sich der Mythos wieder - auch ohne Formel 1.

Insgesamt 73 Kurven - 33 Linkskurven und 40 Rechtskurven - verteilt auf 20,8 Kilometer und 307 Meter Höhenunterschied: die Nordschleife des Nürburgrings. Eine Rennstrecke, die als "Grüne Hölle" oder schlicht als "der Ring" Weltruhm erlangte. Ein inzwischen 90 Jahre währender Mythos, der sich allein mit blanken Zahlen unmöglich fassen lässt.

Das Dröhnen des Motors erfüllt den Innenraum des Mercedes AMG C63 S Coupé. Andreas Gülden, Profi-Rennfahrer und Chefinstruktor der Nürburgring Driving Academy, steuert den 570-PS-Wagen die Fuchsröhre hinunter. "Hier erreichen wir Höchstgeschwindigkeit", ruft er über das Dröhnen hinweg.

Während die Fliehkräfte uns in die Sitze pressen, erzählt Gülden entspannt Anekdoten über die berühmten Streckenabschnitte. Schwedenkreuz. Karussell. Brünnchen. "Hier kann man noch mal den Blick über die Landschaft schweifen lassen." Der Ausblick währt nur kurz. Spielend folgt Gülden der Ideallinie, zieht an einem leuchtend orangefarbenen Porsche vorbei, prescht über den Asphalt, auf den Ringliebhaber ihre Botschaften gemalt haben. Nach nicht einmal neun Minuten endet der Adrenalinrausch auf der Zielgeraden "Döttinger Höhe" - für Gülden eine eher moderate Runde. "Die Nordschleife ist gespickt mit schwierigen Kurven - was gleichzeitig auch den Reiz ausmacht. Gerade die besonders schwierigen Passagen sind die schönsten", so der Rennfahrer.

Keine hundert Meter Luftlinie von der Zielgeraden entfernt liegt die Tankstelle "Döttinger Höhe" mit Gaststätte und Fanshop. Hinter dem Tresen pappt ein Aufkleber: Lieber Nürburgring als Ehering. Auf der Tür haben berühmte Rennfahrer ihr Autogramm hinterlassen: Prinz Leopold von Bayern, Nelson Piquet, Mike Rockenfeller, Arturo Merzario ... "Der hat Niki Lauda aus dem brennenden Auto gezogen", erzählt Inhaber Hans-Joachim Retterath. An den Tag des Lauda-Unfalls 1976 erinnert sich der 66-Jährige noch genau: "Da war mir sofort klar, dass es mit der Nordschleife vorbei ist."

Lieber Rennfahrer als Koch

Retterath wurde auf der Döttinger Höhe geboren und führt den Familienbetrieb mit seiner Frau schon in der dritten Generation. "Ich wäre aber lieber Rennfahrer gewesen als Koch", gesteht er. Mit neun Jahren steht Retterath zum ersten Mal an der Rennstrecke, Gäste nehmen ihn mit ins Fahrerlager. Im Gastraum sitzen regelmäßig Nachwuchstalente - auch der junge Michael Schumacher saß hier. An jedes Detail der Einweihung der neuen Grand Prix Strecke 1984 erinnert er sich, als sei dies gestern gewesen: "Eine gigantische Eröffnungsfeier. Aber: Die Tribünen waren falsch nummeriert. Ayrton Senna hat das Rennen gewonnen, abends gab es ein Rockkonzert mit Nena - und es hat geregnet."

Umgeben von 3000 Modellautos: Hans-Joachim Retterath in seiner Tankstelle.

Umgeben von 3000 Modellautos: Hans-Joachim Retterath in seiner Tankstelle.

 

Retterath zieht es täglich an die Strecke - mit seinen beiden Labrador-Hunden spaziert er zum Brünnchen: "Ich kann von der Rennbahn einfach nicht mehr weg". Teilnehmer eines Fahrerlehrgangs tanken ihre Autos an der Döttinger Höhe auf, bevor sie über die Nordschleife jagen. Ihre Kennzeichen verraten die internationale Popularität des Rings: Sie kommen aus der Schweiz, Belgien, Italien, England, sogar aus Finnland.

Manche parken ihre schnellen Autos bis zum nächsten Eifel-Besuch in der Werkstatt von Sabine Schmitz. Aufgereiht an der Wand stehen ihre Siegerpokale. In der Mitte der großen Werkstatthalle in Barweiler werden gerade die beiden Porsche-Rennwagen ihres Teams "Frikadelli Racing" zerlegt. 

Blick vom Kinderzimmerfenster auf den Ring

Wie Retterath ist Schmitz am Ring groß geworden. Die "Speedbee" gewann als erste Frau das 24-Stunden-Rennen, chauffierte bis 2010 in mehr als 30.000 Runden Gäste im BMW-Ringtaxi über die Piste.

Schon von ihrem Kinderzimmerfenster aus blickte sie auf den Nürburgring. Im "Hotel Am Tiergarten" ihrer Eltern stiegen Formel-1-Legenden wie Lauda oder Senna ab: "Es war ganz normal, dass da Autos im Wert von einer halben Million auf dem Hof standen." Das erste Mal Ring erlebt sie als Fünfjährige auf der Rückbank im Auto ihres Vaters - statt Freudentränen bekommt sie Todesangst. Aber die Faszination für die Grüne Hölle packt sie doch: "Morgens vor der Schule habe ich auf dem Fahrrad die Ideallinie gesucht."

Sabine Schmitz im zerlegten Rennwagen in ihrer Werkstatt in Barweiler.

Sabine Schmitz im zerlegten Rennwagen in ihrer Werkstatt in Barweiler.

 

Bei Rennen steht sie mit ihrer Polaroid-Kamera an der Strecke, bis sie selbst in einem VW Polo - mit gerade einmal 55 PS - ihr erstes Rennen bestreitet. Auf ihrer Heimstrecke holt sie 1998 die Langstreckenmeisterschaft und fährt zwei Siege beim 24-Stunden-Rennen ein. "Dem Nürburgring kann keine Rennstrecke der Welt das Wasser reichen. Alle wissen das - außer der Landesregierung von Rheinland-Pfalz", sagt Sabine Schmitz.

An ein düsteres Kapitel rheinland-pfälzischer Landespolitik erinnert der Ring-Racer, gebaut als Magnet und Top-Attraktion des Freizeitparks namens Nürburgring-Erlebniswelt. Wie ein mahnender Zeigefinger ragt das graue Stahlgerüst in den Himmel über der Eifel. Die "schnellste Achterbahn der Welt" sollte Menschen im Formel-1-Tempo parallel zur Zielgeraden in die Sitze drücken, dann in Höchstgeschwindigkeit in die Luft katapultieren, schließlich durch die Halle des neuen Ring-Boulevards rasen lassen. Nur wenige Fahrten legte der für zig Millionen Euro gekaufte

Racer zurück, dann verabschiedete er sich mit einem lauten Knall aus der Welt der Fahrgeschäfte. Zwar gab es Wiederbelebungsversuche, doch außer bis in die Boxengasse fliegenden Schrauben gab der Racer kein Lebenszeichen mehr von sich. Seit Jahren bemüht man sich vergeblich, den Stahlkoloss zu verkaufen. Ein bitteres Ende auf dem Schrottplatz ist eher wahrscheinlich.

Die Erlebniswelt als Fall für das Gericht

Der Ring-Racer steht exemplarisch für diese "Erlebniswelt Nürburgring", deren abenteuerliche Geschichte 2004 begann. Das Gelände sollte als Freizeitpark bis 2009 zum Magneten werden, der Besuchermassen auch außerhalb der Rennveranstaltungen lockt. Was dann kam, war der Stoff, aus dem Kriminalromane gestrickt werden. Statt der kalkulierten 200 Millionen Euro kamen Kosten zusammen, die die gesamte Mainzer Landesregierung ans Taumeln brachten. Es bahnte sich ein Desaster an, das bis heute nicht ausgestanden ist.

Die EU-Kommission in Brüssel prüfte den Verdacht wettbewerbsverzerrender Beihilfen in Höhe von 524 Millionen Euro. Die Kosten stiegen dramatisch. Banken zogen sich aus dem Projekt zurück. Privatfinanzierungen platzten. Urkunden entpuppten sich als Fälschung. Dokumente verschwanden. Der Geschäftsführer wurde fristlos entlassen. Wirtschaftsprüfer sprachen von groben Fahrlässigkeiten. Ein Minister wurde vom Landgericht Koblenz wegen Untreue in 14 Fällen zu dreieinhalb Jahren Haft verteilt (das Urteil hob der Bundesgerichtshof inzwischen teilweise auf, der Fall muss neu verhandelt werden).

Zudem stellte sich heraus, dass der nagelneue Freizeitpark bei weitem nicht so viele Menschen anzog wie kalkuliert. Im Gegenteil: An Werktagen verloren sich die vereinzelten Besucher auf der gigantischen Fläche. Dabei hatte man die Erlebniswelt doch als Ganzjahres-Eventcenter geplant.

"Paradebeispiel für Steuerverschwendung"

2015 stand schließlich fest: 613 Millionen Euro betragen die Insolvenzforderungen des Landes. Schon sechs Jahre zuvor sprach der Bund der Steuerzahler von einem "Paradebeispiel für Steuerverschwendung". Die Motorsport Resort Nürburgring GmbH sollte es schließlich richten. Das Land zog sich aus dem Management zurück, blieb aber Eigentümer des völlig aus den Fugen geratenen Projektes, das als erneute Strukturfördermaßnahme für die Eifel gedacht war. Flott floh auch der Kreis Ahrweiler aus dem Aufsichtsrat. Auf die Ausübung seiner Gesellschafterrechte an der Nürburgring GmbH (10 Prozent) wollte man lieber verzichten.

Mit den Betreibern Kai Richter und Jörg Lindner wurden weder Ring noch Landesregierung glücklich. Erst recht nicht, als das Duo eine deutliche Pachtsenkung verlangte. Weil das Mainzer Finanzministerium keinen Zahlungseingang mehr feststellte, sprach man gegen Lindner und Richter die Räumungsklage aus. Dann folgte die Insolvenz. Jens Lieser und Thomas Schmidt sollten - so die neue Hoffnung - zu Ring-Sanierern avancieren. Die beiden Insolvenzanwälte stellten bald fest, dass die "Grüne Hölle" ihren Namen nicht rein zufällig erworben hat. Ins anschließende Bieterverfahren stieg auch der ADAC mit ein. Bürgerversammlungen gaben dem Unmut der Menschen ein Ventil. "Freunde des Nürburgrings" formierten sich ebenso wie die Initiative "Ja zum Nürburgring".

Die ärgste Befürchtung: Deutschlands Traditionsrennstrecke könnte zum Spielball rein privatwirtschaftlicher Interessen werden. Die Düsseldorfer Capricorn-Gruppe erhielt den Zuschlag, der ADAC legte lautstark Beschwerde ein. Weil Pleiten, Pech und Pannen nun zum Nürburgring zu gehören schienen wie ein Lenkrad zum Auto, blieb Capricorn die zweite Rate des Kaufpreises schuldig. Schließlich sprang ein russischer Pharma-Unternehmer ein und übernahm die Mehrheitsanteile an der Nürburgring Holding AG.

Die herbe Schönheit der Grünen Hölle offenbart sich zum Beispiel Frühaufstehern beim legendären 24-Stunden-Rennen während des Sonnenaufgangs am Streckenabschnitt Döttinger Höhe.

Die herbe Schönheit der Grünen Hölle offenbart sich zum Beispiel Frühaufstehern beim legendären 24-Stunden-Rennen während des Sonnenaufgangs am Streckenabschnitt Döttinger Höhe.

 

Inzwischen ist der Ring wieder auf einem guten Weg. Der Rennkalender ist gefüllt, die Beherbergungszahlen sind zufriedenstellend - weil sportliche Traditionsveranstaltungen wie das 24-Stunden-Rennen, aber auch Oldtimer-Events, Truck-Grand-Prix, das Musikfestival "Rock am Ring", das 24-Stunden-Fahrradrennen oder der "Strongmen"-Hindernislauf vom Publikum gut angenommen werden.

Oswald "Ossi" Kragl ist Unternehmer und Rennfahrer. Der Nürburgring ist sein Zuhause und bildet die Basis seines Geschäftes: "Ich habe sehr bittere Jahre hinter mir, die mich ein Vermögen gekostet haben." Vor allem seien es seit 2009 die "Motorsport-Laien" am Ring gewesen, die ihm das Leben schwer machten. Dem früheren, später fristlos entlassenen Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz bescheinigt Kragl, "Zusammenhänge nicht begriffen zu haben". Auch die Landesregierung kommt nicht gut weg: Sie habe Motorsport nur als "Formel-1-Sektempfang mit Promis" wahrgenommen. "Alles andere kannte man in Mainz eher weniger", so der Ringtaxi-Betreiber. Zu viele "aufgeblasene Plauderer, die glaubten, unter Wasser grillen zu können", stattdessen aber nur Steuergelder verprasst hätten.

Und heute? "Ich spüre, dass alles in die richtige Richtung geschoben wird", lobt er die Bemühungen der neuen Rennstreckenbetreiber. Und: "Ich hoffe, der Nürburgring bleibt die geilste Rennstrecke der Welt."

Alle Termine und Informationen rund um den Nürburgring finden Sie im Internet unter www.nuerburgring.de.