Ärztliche Versorgung auf dem Land

Bad Breisig sucht Ärzte

Volle Wartezimmer: Im ländlichen Raum ist ärztliche Versorgung keine Selbstverständlichkeit mehr.

Volle Wartezimmer: Im ländlichen Raum ist ärztliche Versorgung keine Selbstverständlichkeit mehr.

BAD BREISIG. In der Verbandsgemeinde Bad Breisig sollen frühzeitig Weichen für die medizinische Versorgung gestellt werden. Viele Ärzte gehen in den Ruhestand, aber Nachfolger fehlen.

Bis zum Jahr 2022 wird fast die Hälfte der Ärzte in den Ruhestand gehen. Schon jetzt ist die Wiederbesetzung vakanter Medizinerstellen gerade im ländlichen Raum äußerst schwierig. Hausärzte suchen händeringend Nachfolger, finden aber oft niemanden, zumal es junge Mediziner in die Metropolen mit Sushi-Bars, Theater, Kino und Oper und komfortabler Anonymität zieht.

Dorf sucht Arzt, so das Motto, mit der die medizinische Versorgung sichergestellt werden soll. Längst haben die Kassenärztlichen Vereinigungen Alarm geschlagen. In der Verbandsgemeinde Bad Breisig mit ihren Ortschaften Gönnersdorf, Brohl-Lützing oder Waldorf will man frühzeitig Weichen stellen. Die Kraft des Faktischen wird aber allen Bemühungen zum Trotz auch an diesen Gemeinden nicht vorbeiziehen.

Nach wie vor fehlt es an einem nachhaltigen Konzept, das auf die Herausforderungen eingeht, die der demografische Wandel für die ärztliche Versorgung bringt. Der Bedarf nach Behandlungen wird weiter steigen, obwohl die Deutschen längst Meister im Arztbesuchen sind: Rund 18 Mal im Jahr besucht der Bundesbürger im Schnitt eine Arztpraxis – Weltrekord. In keinem Land der Erde wird diese Zahl auch nur annähernd erreicht.

„Wir sind noch gut aufgestellt“

Noch gibt es in der Verbandsgemeinde Bad Breisig keine nennenswerten Probleme: „Wir sind noch gut aufgestellt.“ Das wird jedoch nicht so bleiben, ist sich Bürgermeister Bernd Weidenbach sicher. Sein Versuch, eine medizinisches Versorgungszentrum einzurichten, scheiterte am politischen Willen, ein erbetenes Gespräch mit ortsansässigen Ärzten, um deren Zukunftsplanungen in Erfahrung zu bringen, stieß bei den Medizinern auf erschreckende Resonanz: Kaum einer nahm den Termin wahr. Nun hatte der Verwaltungschef einen Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung in den Verbandsgemeinderat eingeladen, damit deren Sichtweise vorgetragen werden konnte.

Schnell wurde auf das „Versorgungsstärkungsgesetz“ verwiesen, auf Gehaltszuschüsse für Ärzte, die bereit sind, sich in unterversorgten Gebieten niederzulassen, auf bezahlte Weiterbildungsmöglichkeiten, auf Strukturfonds, auf Finanzspritzen bei Praxisgründungen oder Übernahmen. Auch die Möglichkeit, Stipendienprogramme aufzulegen und den Numerus Clausus für Medizinstudenten so zu verändern, dass sich mehr Abiturienten für dieses Studienfach entscheiden, könnte zur Linderung des Problems beitragen. Allerdings: Zum einen müssten sich die Länder auf einen solchen Modus einigen, zum anderen würde er frühestens in zehn oder 15 Jahren greifen.

Die besseren Förderungen der Telemedizin sind weitere Bausteine, die jedoch nur zögerlich angepackt werden. Den Kommunen rät die Kassenärztliche Vereinigung, eine gute Infrastruktur vorzuhalten, damit Anreize zur Ansiedlung von Ärzten geschaffen werden: Die Bereitstellung von Immobilien, Kindergartenplätze, gute Schulangebote, gute Bus- und Bahnverbindungen. Städte und Gemeinden wie Bad Breisig, in deren Kassen die Ebbe als Dauerzustand anzusehen ist, werden es da schwer haben.

Entlastung von Hausärzten nötig

Ohnehin dürfte fraglich sein, ob junge Mediziner auch bei bester Förderung gewillt sind, aufs Land zu ziehen: Mit Geld lassen sie sich ihre Freizeit nämlich nicht abkaufen. Die Hausärzte müssten von Bürokratie entlastet und von einer überbordenden Arbeitsbelastung verschont werden, fordert die Politik. Auch Teilzeitmöglichkeiten sollten verbessert werden.

Die ständige Erreichbarkeit auf Kosten von Familie und Freunden, unbegrenzte Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienste fänden die wenigsten attraktiv. Für mehr Freizeit verzichteten sie lieber auf Geld, so Experten. Ist der Mangel an Landärzten nicht auch die Folge eines hippen, städtischen Lebensgefühls der heutigen Studentengeneration, fragen sich Beobachter der Szene. In vielen Gemeinden gibt es schließlich ja auch keine Feuerwehr mehr, keine Kneipe, keinen Bäcker und keinen Pastor. Warum sollten die Mediziner bleiben?

Ein weiterer Trend: Immer mehr Ärzte wollen lieber angestellt arbeiten denn als Freiberufler. Gemeinschaftspraxen und medizinische Versorgungszentren sind inzwischen weitaus beliebter als das Einzelkämpfertum des einsamen Landarztes. In Bad Breisig will man nun erneut das Gespräch mit den dort niedergelassenen Ärzten suchen, damit man wenigstens in Erfahrung bringt, wie lange sie noch praktizieren wollen, ehe das Unterversorgungsproblem auf die Stadt und ihre Ortsgemeinden hereinbricht.