Ehemalige SPD-Vorsitzende

Andrea Nahles spricht in Maria Laach über Rücktritt

Andrea Nahles war am Montagabend zu Gast im Kloster Maria Laach.

Andrea Nahles war am Montagabend zu Gast im Kloster Maria Laach.

Maria Laach. Nach ihrem Rücktritt als Partei- und Fraktionschefin hatte sich Andrea Nahles aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Nun trat sie erstmals wieder auf, im heimatlichen Kloster Maria Laach. Dabei gewährte sie Einblicke in die Machtstrukturen der Politik – und in ihre Zukunftspläne.

Es ist kurz nach 20 Uhr am Montagabend, als An-drea Nahles noch einmal ihrer alten Welt begegnet. Ihre alte Welt erscheint in Form eines Pulkes aus Journalisten, Mikrofonen und Kameras, die vor der Tür auf sie warten, die ein Statement wollen zu ihrem Befinden und zur Lage der SPD – und die Nahles dann freundlich-bestimmt und zügigen Schrittes stehen lässt. „Guten Abend“, ruft sie nur, und ist im nächsten Moment mitsamt ihrer Begleiter und Personenschützer durch die Tür.

Ihre alte Welt, die große Politik, die Macht, die Ränkespiele, die Verletzungen, das Raumschiff Berlin, all das ist immer noch da. Nur Andrea Nahles nicht mehr, sie hat sich selbst herauskatapultiert. Anfang Juni trat sie als Partei- und Fraktionschefin der SPD zurück, nur ihr Bundestagsmandat behielt sie noch. Danach mied sie öffentliche Auftritte. An diesem Montag im imposanten Kloster Maria Laach in der Eifel ist Nahles zurück. Sie zeigt sich fröhlich, aufgeräumt, mit sich im Reinen. Die alte Welt soll draußen bleiben. Keine Fragen zur SPD, bat der Sprecher des Klosters vorab die Journalisten.

Nahles soll einen Vortrag halten. Thema: „Gleichberechtigung von Mann und Frau laut Grundgesetz und im wahren Leben“. Ihr Auftritt findet im Rahmen einer Ausstellung über Konrad Adenauer statt, der 1933 nach seiner Absetzung als Kölner Oberbürgermeister hierher vor den Nazis floh. Nahles' Vortrag war schon abgemacht, als sie noch SPD-Chefin war. Sie ist dem Kloster sehr verbunden, also ist sie gekommen.

Und einen besseren Ort für die ersten öffentlichen Worte nach ihrem Rücktritt gibt es ohnehin nicht: Es ist ein Heimspiel. Hier ist Nahles-Land. Die 49-Jährige ist hier aufgewachsen, sie lebt in Weiler, rund 25 Kilometer vom Kloster entfernt. Sie begann hier mit 18 ihre Karriere in der SPD, und hier hat sie auch ihren Wahlkreis. Mehrfach verbrachte die überzeugte Katholikin in den vergangenen Jahren Zeit in der Abtei. Auch die gut 200 Zuhörer an diesem Abend sind Nahles wohlgesonnen. Umarmungen, Selfies, Lachen, alte Geschichten. „Ich kenne hier ein paar Leute“, wird Nahles später scherzen, oder: „Vorsicht, hier sind Journalisten. Du darfst hier nichts über meine Jugend erzählen.“

Doch erst einmal startet sie mit einem halbstündigen Vortrag mitten hinein in die Materie. Zählt drei Dinge auf, auf denen eine Demokratie stehen müsse: ein starkes Symbol – die schwarz-rot-goldene Flagge. Ein starkes Fundament – das Grundgesetz. Und Menschen, die dafür einstehen und Demokratie leben. Besonders wichtig sei ihr im Grundgesetz der Artikel 3 Absatz 2 – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Das sei ein „wunderschöner Satz“, sagt Nahles. So klar, so prägnant. Doch sie ist an diesem Abend ja hier, um zu referieren, wie es im wahren Leben wirklich um die Gleichberechtigung steht. Nicht gut, berichtet Nahles. „Das Projekt ,Männer und Frauen sind gleichberechtigt' ist noch nicht abgeschlossen.“

Im Gegenteil. Es gebe einen „Roll-Back“ bei der Gleichberechtigung, „es geht wieder rückwärts“, sagt sie und fängt beim Bundestag an. Dort sei der Anteil der Frauen zuletzt wieder gesunken, von 36 auf 30 Prozent, was vor allem am Einzug der AfD und FDP liege, die überwiegend Männer in ihren Reihen hätten. Noch schlimmer sei es in der Wirtschaft. In den Vorständen der 160 größten deutschen Firmen gebe es laut einer Studie allein mehr Männer, die Thomas und Michael mit Vornamen hießen, als Frauen insgesamt. „Krass“, sagt Nahles und blickt ins raunende Publikum. Es müssten 50 Prozent Frauen sein, überall in der Gesellschaft, sagt Nahles und wird jetzt etwas lauter mit der Stimme. „Diesen Punkt haben wir noch nicht erreicht, Leute.“

„Leute“: Dieses Wort hängt Nahles noch häufiger hinten an ihre Sätze dran. Sie sagt auch „Ja, jut“ oder „Das muss man sich mal reinpfeifen!“. Immer dann blitzt noch einmal die SPD-Nahles durch, die durch ihre klare, mal ruppige, oft hemdsärmelige Sprache ganze Parteitage drehen konnte. „Wir werden verhandeln, bis es quietscht“, brüllte sie Anfang 2018 ihren Groko-skeptischen Genossen auf dem Bonner Parteitag entgegen. „Bätschi“ rief sie einmal in Richtung Union und wollte selbiger „in die Fresse“ hauen. Die robuste Art, für die sie die Menschen hier mögen, ging am Ende vielen in Partei und Wählerschaft auf die Nerven. Andererseits: Wer Nahles reden hört, hört zu. Wer deren kommissarische Nachfolger reden hört, braucht hinterher einen doppelten Espresso.

Gleichberechtigung also. Die habe es in der Politik nach ihrer Erfahrung „zu keinem Zeitpunkt“ gegeben, sagt Nahles. Zuletzt sei es sogar schlechter geworden. Nahles spricht von Männernetzwerken, von „Inner Circles“, die man als Frau von außen kaum durchbrechen könne. Und gelinge es dann doch mal einer Frau, an die Spitze zu kommen, würden sich „die Jungs“ eben vor der Tür treffen. „Macht ist das flüchtige Reh“, sagt Nahles. Und man denkt sofort an Old Boys der SPD wie Martin Schulz oder Sigmar Gabriel, die an ihrem Stuhl als Parteichefin sägten. Der Umgang mit Nahles hat seinerzeit selbst den politischen Gegner gegraust. Aber auch Frauen, sagt Nahles, mangele es manchmal untereinander an Solidarität. Sie müssten viel stärker eigene Netzwerke knüpfen.

Das Publikum in Maria Laach hört Nahles gebannt zu. Die Zuschauer lachen, nicken, klatschen. Manche drücken ihr, statt eine Frage zu stellen, einen Brief in die Hand. Nahles steht am Rednerpult, lehnt sich vor und zurück, lässt ihre Hand kreisen, pikst mit dem Finger in die Luft und hat offenkundig Freude. Die Zuschauer sprechen viele Themen an, von mehr direkter Demokratie (Nahles: „Da bin ich skeptischer geworden“) über Frauen in der katholischen Kirche („Ich bin fürs weibliche Diakonat“) bis zur Frage, was sie vom bedingungslosen Grundeinkommen hält („Nichts“). Nahles nutzt auch die Gelegenheit, SPD-Herzensthemen anzusprechen: Vermögensteuer, Mindestlohn, Grundrente oder Arbeitszeitverkürzung. Aber sie verfällt nur selten in Politiker-Plastiksprache und vermeidet es, die Stichworte für ausschweifende Statements zu nutzen.

Einen persönlichen Einblick gibt Nahles, als sie nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt wird. „Es ist wahnsinnig anstrengend“, sagt sie, man könne an einen Punkt kommen, wo einen die Belastung „als Person killt“. Nahles hat eine achtjährige Tochter, die an diesem Montag ihren ersten Schultag in der dritten Klasse hatte.

Vielleicht hat Nahles künftig noch mehr Zeit für Kleine. Ein Journalist im Publikum will es dann doch noch wissen: Ob sie für ihre Überzeugungen denn weiter im Bundestag kämpfen wolle, fragt er und spielt auf die Gerüchte an, sie wolle im September ihr Bundestagsmandat niederlegen. Nahles lacht und sagt, es wundere sie, dass das Thema erst so spät komme. Dann spricht sie doch noch einen typischen Politikersatz: „Diese Frage wird sich zügig, in absehbarer Zeit entscheiden.“ Als jemand in den vorderen Reihen ruft: „Du muss weitermachen“, entgegnet Nahles schnell: „Man muss auch manchmal wissen, wann man etwas Neues anfangen muss.“

Das klingt, als wolle Andrea Nahles ihre alte Welt bald endgültig hinter sich lassen. Es begann in der Eifel, und es endet in der Eifel.