Katastrophenalarm in der Region

Ahr-Pegel erreicht neuen Rekordwert

REGION. Schwere Unwetter und die Folgen halten auch die Region in Atem. Zahlreiche Ahr-Gemeinden wurden überflutet, Menschen mussten teilweise mit Hubschraubern gerettet werden.

Katastrophenalarm in der Verbandsgemeinde Altenahr: In dramatischen Rettungsaktionen musste am Donnerstag der Campingplatz in Kreuzberg evakuiert werden. Bis zur Brust standen die Menschen dort im Wasser der über die Ufer getretenen Ahr. Wohnwagen und Zelte waren geflutet, alle Zufahrtsstraßen gesperrt. Drei Hubschrauber überflogen das Gebiet, nahmen 22 in Not geratene Menschen auf, 230 Rettungskräfte waren im Einsatz. Schwerverletzte gab es bislang nicht, jedoch neun Menschen, die mit kleineren Blessuren ins Krankenhaus kamen.

Am Nachmittag hieß es aus Kripp, dass dort die Hochwasserspundwände hochgezogen werden. In Ahrweiler wird derweil der Campingplatz dichtgemacht, in Bad Bodendorf ist aktuell die Bäderspraße gesperrt. In Bad Neuenahr werden vorsorglich Sandsäcke ausgegeben. Zahlreiche Geschäfte an der Telegrafen- sowie an der Poststraße haben bereits Sandsäcke vor ihren Türen aufgestapelt. Der Betriebshof der Stadt hat ein Bereitschaftstelefon eingerichtet: 02641/87 188.

Ahr mit neuen Pegel-Rekordwert

Nach den schweren Regenfällen war die Ahr vor allem in den Verbandsgemeinden Altenahr und Adenau in schnellem Tempo aus ihrem Bett gestiegen und hatte für weiträumige Überflutungen gesorgt. Laut Polizei erreichte die Ahr am Donnerstagvormittag einen nie gemessen Höchststand von 3,96 Metern. "Die Ahr stieg stündlich um 50 Zentimeter", sagte Frank Linnarz, Chef der Freiwilligen Feuerwehr der Verbandsgemeinde Altenahr, dem GA. Sowas habe er in seinen 33 Dienstjahren noch nicht erlebt.

In Altenahr schossen die Wassermengen durch den Straßentunnel der B267. Das hatte es zuletzt in den 80er Jahren gegeben. „Wenige Stunden zuvor war der benachbarte Parkplatz noch befahrbar. Nun steht hier meterhoch das Wasser“, so eine Anwohnerin. Die Durchgangsstraße wurde zum reißenden Fluss.

Feuerwehr und Polizei sorgten für Straßensperren. Nicht passierbar war die B 267 zwischen Walporzheim und Altenahr sowie zwischen Altenahr und Kreuzberg. Müsch war im Zuge der B 258 komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Gesperrt waren zudem die L 73 zwischen Dümpelfeld und Müsch, die L 90 zwischen Kaltenborn und Ahrbrück, die L 85 zwischen Kesseling und Heckenbach sowie die L 75 zwischen Altenahr und Kirchsahr.

Die nach Kreuzberg und ins Ahrtal durch zwei Tunnel führende, auf den Altenahrer Höhen verlaufende B 257, musste ebenfalls gesperrt werden. Sie diente als einzige Zuwegung für die Rettungskräfte, die Straße wurde zum Start- und Landeplatz der eingesetzten Hubschrauber. Lange Staus bildeten sich. Inzwischen ist dort die Sperrung aufgehoben. Feuerwehren aus 16 Ortschaften sind im Einsatz. Altenahrs Feuerwehrchef Frank Linnarz forderte über die Kreisverwaltung weitere Hilfe an.

Unterrichtsausfall an zwei Schulen

Dramatisch verliefen die Rettungsaktionen auf dem Campingplatz in Kreuzberg. Camper waren zum Teil auf die Dächer ihrer Wohnwagen geflüchtet, andere brachen auf zur auf einem Hügel stehenden Kapelle in Altenburg, die aber dann auch umspült wurde. Mit Booten und Hubschraubern wurden sie alle in Sicherheit gebracht.

Ausgefallen ist der Unterricht an der Ahrtalschule und an der Grundschule Altenahr. Beide waren wegen des Hochwassers nicht erreichbar.  In Adenau wurden Keller und Erdgeschoss des Schulzentrums überflutet. Die Realschule Adenau sagte deshalb ihren Unterricht auch für Freitag ab, die Gebäude müssen leergepumpt werden. Neben dem Schulzentrum wurde eine Verpflegungsstelle für 140 Einsatzkräfte der Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes und des Roten Kreuz eingerichtet.

Video: Hochwasser an der Ahr in Altenburg

Neben Kreuzberg war Müsch in der Verbandsgemeinde Adenau von dem im Blitztempo gekommenen Hochwasser betroffen. Das Wasser stand kniehoch im Dorf. Etliche Keller waren vollgelaufen.  Die Feuerwehr musste einen Lastwagenfahrer und seinen Beifahrer vom Dach ihres Lastwagens holen. Der Truck hatte im Hochwasser festgesteckt. Die Wehrleute haben nach den Rettungsaktionen noch viel Arbeit vor sich: Unzählige Keller müssen leergepumpt werden.

In der Kreisstadt wurden am Donnerstag von der Feuerwehr kostenlos Sandsäcke an Anwohner der Ahr verteilt. Sie warten auf die Wassermassen, die aus Altenahr in Richtung Rhein gedrückt werden. In Walporzheim stellten Bürger eine Madonna auf die parallel zur Ahr verlaufende, gesperrte Straße. Am Mittag fehlten lediglich wenige Zentimeter, bis das braune Wasser über die Straße schwappt. Ihre Hoffnung: die Muttergottes möge den Ort vor dem Hochwasser verschonen. Der Walporzheimer Edgar Flohe an der Josefbrücke: „Das hat es die letzten 100 Jahre so bei uns nicht gegeben.“ In Dernau schwammen die Enten durch die Weinberge.

Ein Geländewagen für das Brautpaar

Gut 30 Jahre ist es her, dass die Ahr zuletzt durch den Altenahrer Straßenentunnel der B 267 strömte. Am Donnerstag stürzten die braunen Fluten durch die Röhre und kürzten so den Ahrlauf durch das Langfigtal und einen Höhenunterschied von rund 20 Metern ab. 

Buchstäblich ins Wasser gefallen wäre beinahe eine Hochzeit, die im Altenahrer Rathaus stattfinden sollte. Das Paar rief verzweifelt im Verwaltungsgebäude an und machte darauf aufmerksam, es könne wegen der gesperrten Straßen nicht kommen. Bürgermeister Achim Haag schickte kurzerhand einen Geländewagen zum Brautpaar und ließ es in das vom Hochwasser verschonte Hönningen bringen. An diesem sicheren Ort hinter Ahrbrück konnten sich die Brautleute trockenen Fußes das Ja-Wort geben.

Kleinere Einsätze in Alfter und Bornheim

Sieben Einsätze hatten die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr Alfter am Mittwochabend. Wie Pressesprecher Michael Hesse erläuterte, sei etwa am Strangheidgesweg in Alfter-Ort Wasser aus einem kleinen Bachlauf in mehrere Keller eingedrungen. Diese seien dann leergepumpt worden. In Olsdorf sei ebenfalls Wasser in ein Haus eingeflossen, bei einem anderen Haus habe dies verhindert werden können, so Hesse. Überdies habe die Löschgruppe Impekoven einen umgestürzten Baum von der B 56 entfernt.

In Bornheim-Roisdorf drohte am Mittwochabend gegen 20.25 Uhr am Oberdorfer Weg ein Hang an einem Baugrundstück auf die darunter liegende Fahrbahn abzustürzen. Mit einigen Abdeckungen und Absperrmaßnahmen, die der Bereitschaftsdienst des Stadtbetriebs Bornheim übernahm, habe die Gefahr aber gebannt werden können, sagte Ulrich Breuer, Sprecher der Bornheimer Feuerwehr. Es habe sich zum Glück um einen relativ kleinen Bereich gehandelt. Dennoch solle der betroffene Abschnitt der Fahrbahn als Vorsichtsmaßnahme eine Woche gesperrt bleiben, solange noch Kanalarbeiten auf dem Baugrundstück liefen, sagte Rainer Schumann von der Pressestelle der Stadt.

Noch zu zwei weiteren Einsätzen rückte die Feuerwehr nach Roisdorf aus: Die Fußgängerunterführung am Bahnhof war mit Wasser voll gelaufen, das die Einsatzkräfte abpumpten. Und auch im Altenheim Maria Hilf kam es laut Breuer zu einem Wassereinbruch, dessen Ursache noch unklar sei. Hier eilten die Wehrleute mit Industriesaugern zur Hilfe.

"Rock am Ring" zunächst nicht beeinträchtigt

Das Rock-Festival "Rock am Ring", das am Wochenende in Mendig steigt, soll nicht beeinträchtigt sein. „Da ist kein Bach, da gibt es keine große Überschwemmung. Die Fans werden nur schön nass werden“, sagte ein Polizeisprecher.

Auch die Swist und deren Nebenbäche sind über die Ufer getreten. In Dünstekoven und Miel mussten Wege gesperrt werden, auch die Autobahnabfahrt Miel der A61 musste aufgrund des Hochwassers vorübergehend gesperrt werden. 

In Lohmar sorgten heftige Regenfälle dafür, dass ein Bagger auf eine offenliegende Gasleitung umstürzte. Mehrere Häuser mussten evakuiert werden.

Bonn kommt glimpflich davon

Verglichen mit anderen Regionen kam Bonn relativ glimpflich davon. Trotzdem rückte die Feuerwehr in der vergangenen Nacht zu insgesamt 20 Einsätzen im Stadtgebiet aus, wie der Pressesprecher am Donnerstag bekannt gab.

Sintflutartiger Regen in Siegburg

Sintflutartige Regengüsse gab am Donnerstagabend in Siegburg. Die Leitstelle des Rhein-Sieg-Kreises meldete für die Zeit zwischen 20 und 23 Uhr insgesamt 40 unwetterbedingte Einsätze; besonders betroffen waren die Ortsteile Sankt Augustin-Menden und Mülldorf. Wie ein Sprecher sagte, handelte es sich hauptsächlich um vollgelaufene Keller. In Menden stand außerdem eine Unterführung unter Wasser. In Siegburg war der Stadtteil Zange besonders von dem Unwetter betroffen.

Laut des Sprechers standen gegen 23 Uhr noch 15 Einsätze in Siegburg aus, von denen die meisten vollgelaufene Keller betrafen. Die Leitstelle ging zu diesem Zeitpunkt allerdings davon aus, dass nicht mehr alle Einsatzstellen angefahren werden müssten, weil das Wasser sich bereits zurückzuziehen begann.

Der Pressesprecher der Sankt Augustiner Feuerwehr sagte, dass sich alleine acht Einsatzstellen in der Johanisstraße in Menden befanden, eine in der Monikastraße und eine im Erlengrund in Mülldorf. Die Anwohner der Johannisstraße waren besonders enttäuscht, da sie sich von der GWG (Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft ) Rhein Sieg alleine gelassen fühlten. In mehreren dieser Häuser waren Abflüsse verstopft, im Keller stand das Wasser zeitweise 30 bis 40 Zentimeter hoch. Sie bedauerten es, sich selbst helfen zu müssen und keine Hilfe von der Hausverwaltung erhalten zu haben.