Rom in der Eifel

„Hier landen keine Glocken“

ROM. Eheleute aus Bonn sind die Hüter des Ortsschildes von Rom, einem kleinen Dorf in der Eifel. Der General-Anzeiger hat es besucht.

In den Kirchentürmen ist es still. Grund: In den Tagen vor Ostern fliegen die Glocken nach Rom. Das wird seit Generationen erzählt. Wurde es aber auch nachgeprüft? Wohl eher nicht. Deshalb machte sich der General-Anzeiger auf den Weg nach Rom, um nachzuschauen.

Mal eben nach Rom? Nicht das in Italien mit Petersdom, Engelsburg und schönen Frauen. Die Eifel ist das Ziel. Rom zwischen Salm und Birresborn, wo abends Hirsche und Wildschweine um die Häuser ziehen. Ein kleiner Weiler mit grünem Ortschild und gelbem Namenszug, weil da geht eigentlich nur Vorbeifahren. Würden die meisten auch machen, wenn da nicht das Schild mit dem Namen der Ewigen Stadt wäre: Rom.

Diesem zu nahe zu kommen, bringt automatisch Hans und Anne Baumgart-Schluch auf den Plan. Das Ehepaar hat über Jahrzehnte im Dienst der Bonner Stadtwerke gestanden und nun seinen Altersruhesitz im kleinen Bauernhof direkt gegenüber. „Tach och“, wünscht der 67-Jährige in reinstem Bönnsch. „Kumm rüvver. Endlich ene, dä ming Sproch kann.“

Minuten später. Eifeler Gastfreundschaft. Kaffee, eine Selbstgestopfte aus der Kiste auf dem Küchentisch. Aufgeblättert, der GA von gestern. „Unser Kontakt in die Außenwelt“, sagt die Hausherrin, „kam gerade mit der Post.“ Sie mischt Bönnsch mit Eifel. Kein Wunder. Die 60-Jährige ist Ur-Römerin, der Sprache nach also im Moselfränkischen angesiedelt.

Anderthalb Stunden Fahrt nach Rom

Derweil vier Katzen sich abwechselnd durchs Küchenfenster zum „Vorstellungsgespräch“ schleichen, wird Rom zum Thema Eins. Das in der Eifel, mit dem Auto gut anderthalb Stunden von Bonn. Die Tour ist das Ehepaar jedes Wochenende gefahren, bis der Hof von Annes Eltern als Ruhesitz fertig war. „Alles selbst gemacht“, sagt Hans, dem das Du besser über die Lippen kommt.

Für den Job in Bonn hatte das Paar dort immer eine Zweitwohnung. „Andere sind in den Urlaub nach Italien geflogen, wir waren jedes Wochenende in Rom. Das mussten Neulinge bei den Stadtwerken erst Mal schnallen.“ Denn der Rom-Tripp von Hans mit seinem „Döschwo“, der Ente 2 CV, war der Running-Gag im Dransdorfer Betriebshof.

15 Einwohner, acht Häuser

Ach ja, das Dorf. 15 Einwohner hat Rom im Kreis Vulkaneifel. Acht Häuser. Keine Straße außer der, die von Salm nach Birresborn führt. Und die ist im Winter meist gesperrt. „Irgendwelche Arbeiten an einer der 72 Kurven“, sagt Hans, der die sieben Kilometer mit einem Höhenunterschied von knapp 300 Metern auswendig kennt. „Das lieben die Biker“, sagt er.“ Die kommen im Sommer extra wegen des früher oft geklauten Ortsschildes. Eine Harley vor „Rom“ macht sich eben besser als vor „Düsseldorf“.

Und auch Wanderer und Pilger haben sich irgendwie in das Ortsschild verliebt. Als Selfies noch ein Fremdwort waren, hätte Hans gut als Fotograf anheuern können. Denn wer in Rom war, will das natürlich dokumentieren, „mit allen Mann drauf“. Da macht es keinen Unterschied, ob Dorf in der Eifel oder Metropole am Tiber. Auch nicht bei den Menschen. Wer am Ortsschild hält, erfährt Eifeler Gastfreundschaft, die ihrem mediterranen Pendant in nichts nachsteht: Wasser, Kaffee, Aufgesetzter oder mal eben einen Teller „Quer durch den Garten“. Auch für die Nackedeis, die da mal Bilder gemacht haben. „Aber die mussten sich vorher was anziehen“, sagt Anne.

Der Garten ist außer dem Enkelchen, Lesen, Wandern und dem abendlichen Karten das Hobby der Senioren. Fernsehen, Radio, Laptop, alles da – aber viel zu stressig. Das Paar genießt sich selbst, auch wenn's bei Hans Liebe im dritten Anlauf war. Rom, da war doch was? „Wir hatten hier tatsächlich mal einen Papst“, sagt Anne. „Von dem hat mir immer mein Opa erzählt. Der war Jahrgang 1898 und kannte den Mann. Der hieß wirklich so, aber das war vor dem Ersten Weltkrieg.“ Immerhin: Ein Papst in Rom.

Briefe nach Italien

Wohin eigentlich alle Wege führen sollen. Doch da muss es auch im Hightech-Zeitalter noch Irritationen bei der Post geben. Denn ein korrekt an Anne adressierter Brief mit Postleitzahl 54574 schmorte geschlagene sechs Wochen in einem Postamt in Rom/Italien vor sich hin, bis er via Koblenz seinen Weg nach Rom/Eifel fand. Schneller ging's hingegen mit den Karten eines einsamen Eifelwanderers, dem das Paar spontan die Dachstube für eine Nacht angeboten hatte.

„Die kamen auf einmal von überall her“, berichtet Hans, der dann doch neugierig wurde und im Internet fündig geworden war. „Das war ein ganz hohes Tier aus Brüssel“, sagt er über den Wanderer, der sich über „ein Butterbrot und Schabau freute, wie ein Kind auf Weihnachten.“

Apropos Weihnachten. Das könnte es vom Wetter her in Rom immer noch sein. Zehn Zentimeter Schnee liegen in dem 600 Meter über dem Meeresspiegel angesiedelten Weiler. So wird's zu Ostern auch noch nichts mit Osterglocken. Und erst recht nichts mit Glocken auf Osterausflug. „Die landen hier nicht“, sagt Anne. „Vielleicht 20 Kilometer weiter. Da ist in Brockscheid eine Glockengießerei. Oder in Rom im Oberbergischen, ist auch nicht weit von Bonn. Kannst ja nächstes Jahr mal da nachsehen.“